April 11, 2016 – 3 Nisan 5776
Eine Halbjahresbilanz im Asylbewerberheim:

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Weder Sozialromantik noch Hass – eher Sisiphos  

Von Eva Quistorp

Inzwischen habe ich in den 6 Monaten im Asylbewerberheim, seit Merkels großem Mantra „Wir schaffen das“, wie Hunderttausende andere Ehrenamtliche auch mit vielen Asylbewerbern den Sommer, den Herbst, den Winter und die fünfte Jahreszeit, den Fasching erlebt. Unzählige Talkshows zum Thema liefen seitdem im Fernsehen.

On den etwa 1.300 Asylbewerbern in „meinem“ Heim grüßen mich wohl um die 150, davon 40 Kinder, was mich jedes Mal freut. Um die 50 Asylbewerber habe ich näher kennengelernt, habe mit ihnen Tee getrunken, auf der Bank im Hof gesessen, Musik oder „Allah Akbar“-Rufe aus ihren Handys gehört. Ich habe mit ihnen in der Kantine gegessen, ihnen guten Appetit gewünscht, obwohl gutes Gemüse und Würze, ausreichend Abwechslung beim Essen, fehlt, und furchtbar viel weggeschmissen wird.

Sie freuen sich alle, wenn sie mich auf der Straße oder in der U-Bahn wiedererkennen. Das irritiert eine alte Westberlinerin, denn so herzlich, so sanft und höflich wurde ich sonst selten in der anonymen U-Bahn-Szene begrüßt. Ich habe den Eindruck, dass ich langsam die Macken, die Blickwinkel eines Kriegsreporters oder von „Ärzten ohne Grenzen“ teile. Ich passe nicht mehr in das High Society- oder Subkultur-Berliner-Leben mit der Berlinale, den Partys, den Events,den Konferenzen, den Yogakursen und Lifestyle-Sorgen.

Gestern guckte ich, als ich zum Thema „Fluchtursachen bekämpfen“ mal wieder im Bundestag war, sofort auf die Frau mit dem Putzwagen. Denn sie war die und das Einzige, was mich mit meinen Erfahrungen im Heim verband. Als ich unter Vollmondschein die Spree entlang nach Hause ging, wunderte ich mich, keine Männergruppen zu sehen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass es doch schön sei noch mal so wie früher ganz allein auf der Straße zu gehen und wie einst an Frieden zu glauben. Dass einiges noch wie früher schien, sich doch nicht alles geändert hat, wirkte beruhigend auf mich.

Hatte doch Frau Göring- Eckhardt im September großspurig angekündigt, dieses Land wird sich ändern, es wird religiöser werden. Ich wusste nie, ob sie das als Zwangsbeglückung für alle, als Drohung oder als wunderbare Verheißung meinte. (…)

Einige Asylbewerber sind leider sang- und klanglos in andere Orte oder Heime verschwunden, einige haben sich ihre jungen blonden Ehrenamtlichen ausgesucht. (…)

Nebenbei bekomme ich dann die Meinungen der Iraner und Türken, die schon länger in Berlin leben und sich hier durchgeschlagen, etwas aufgebaut haben, über die neuen Migrantenströme mit: „Die passen nicht nach Deutschland, die passen nicht in die moderne Welt, die kennen Deutschland überhaupt nicht!“ Sie sagen es mit Kopfschütteln, mit Mitgefühl, nicht als Ausdruck von Hass. Denn sie wissen, welche Anstrengungen vor allem die, die erst hier Deutsch lernen, die eine schlechte Schulbildung haben, die Analphabeten sind, zu leisten haben ,woran sie scheitern können. Sie sind auch wegen der großen kulturellen und religiösen Unterschiede skeptisch.

Schließlich sind die Flüchtlinge aus dem Iran meist Gegner der islamischen Theokratie und wissen, wie hartnäckig rigide islamische Lehren gerade bei Ungebildeten eine dauernde Barriere der Integration bilden können. (…)

Wer sind eigentlich die Ehrenamtlichen?
Die Ehrenamtlichen finden sich selbst meist toll, wie ich bei dem ersten Treffen der Ehrenamtlichen unseres Heimes merkte. Schließlich waren viele die Pioniere der Willkommenskultur. Ohne sie wäre schon im August 2015 vieles zusammengebrochen. Es war für viele Ehrenamtliche ein Sommer der Euphorie, des Tatendrangs, der freudigen Improvisation, des an-die-eigenen-Grenzen-Gehens, das Gefühl, etwas Wichtiges zu leisten, direkt Teil an der Weltgeschichte zu haben. Das Gefühl, wir sind die Guten, die Kanzlerin schafft das alles nicht ohne uns, ist groß. Eine Haltung gegen die Politik konnte sich da auch gut untermischen, zumindest gegen die, die Grenzen wollen und nicht allen Bleiberecht versprechen. Neben den Salafisten und Strenggläubigen mit schwarzen Kopftüchern gibt es unter Ehrenamtlichen auch Linksradikale bei „refugees welcome“, auch einige, die die Schuld an den Krisen der Welt nur dem Westen , dem Kapitalismus als solchem und nur unseren Waffenexporten geben, dem Mossad und den USA. Solche Verschwörungstheorien kursieren leider auch bei Asylbewerbern. (…)

Die Ehrenamtlichen werden weniger, denn Differenzen werden deutlich wie bei „Moabit hilft“ zum Beispiel. Organisations- und Kommunikationsschwächen können nicht einfach durch Facebook-Gruppen gelöst werden. Fahrkarten umsonst zu verteilen, ohne sie an die Pflicht für Deutschkurse zu binden, halte ich für falsch! (…)

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