Januar 4, 2016 – 23 Tevet 5776
Eine ganz normale Straßenbahn?

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Ein Band, das Ost- und West-Jerusalem verbindet  

Von Miriam Magall

Seit dem Jahr 2011 gibt es sie endlich, eine Straßenbahn, die erste und vorläufig einzige in ganz Israel: Sie verbindet den Herzl-Berg im Westen der Stadt mit PisgatZe’ev im Osten und damit zugleich über 800.000 Einwohner, Juden, Araber und Christen. Oder doch eher wie eine Mauer, die den Versuch unterstreicht, Jerusalem als die „vollständige, vereinte“ Hauptstadt des Staates Israel durchzusetzen?

Die Herausgeber stellen in einer Reihe von Essays insgesamt 11 Stationen vor, an denen die Straßenbahn vorbeifährt. Der Herzl-Berg ganz im Westen beherbergt einen großen Friedhof mit endlosen Grabreihen von in allen jüdischen Kriegen gefallenen Soldaten und Opfern von Terroranschlägen im In- und Ausland, dazu die Gräber führender israelischer Politiker, sodass ein Gang über diesen Friedhof zugleich ein Gang durch die neuere israelische Geschichte bedeutet. In der Gegend des zentralen Busbahnhofs dann die „Weiße Harfe“, die große Hängebrücke des Künstlers Santiago Calatrava. Natürlich kann diese Brücke, wie alles, was von Israelis in Jerusalem gebaut wird, nicht unumstritten sein.

In seinem Essay trauert Assaf Gavron „seinem Jerusalem“ nach. Damit steht er nicht allein, kann ich ihm versichern. Hier in Berlin trauern viele aus dem ehemaligen Ost-Berlin „ihrem Berlin“ nach, das heute, genau wie Gavrons Jerusalem, durch Neubauten verschandelt wird. Etwas weiter unten an der Straßenbahnstrecke fährt man an der „Lämel-Schule“ vorbei, eine frühe Zeugin jüdischer Bemühungen, das zurückgebliebene Jerusalem in die moderne Zeit zu bringen. So wie der Franzose James Rothschild für den Bau des Meyer-Rothschild-Spitals sorgte und der britische, spätere Sir Moses Montefiori für das erste jüdische Stadtviertel außerhalb der Jerusalemer Stadtmauern, steht die Lämel-Schule für den Beitrag Österreichs.

Was den Bezirk Mamilla zwischen dem King-David-Hotel und dem Jaffa-Tor betrifft, so kenne ich ihn aus eigener Anschauung als eine recht heruntergekommene, teilweise leerstehende Wohngegend,„a real eyesore“ wie ein Engländer sagen würde, deren Verschwinden, außer dem Verfasser des Beitrags, wohl kaum jemand nachtrauert.

Interessanter wird es bei den drei heiligen Stätten, die hinter den alten Stadtmauern liegen und entweder vom Jaffa- oder Damaskus-Tor aus zu erreichen sind: Grabeskirche, Haram al-Scharif und Kotel, an denen, jeweils getrennt, versteht sich, Christen, Muslime und Juden beten: die Christen am Grab ihres Heilands; die Muslime in der „äußeren Moschee“ in ihrer drittheiligsten Stadt und die Juden an der Westmauer, dem Rest ihres prachtvollen Tempels, der gleich zweimal von ausländischen Invasoren zerstört wurde, 586 v.d.Z. und noch einmal 70 d.Z. Genau wie die Muslime ihr Mekka haben, haben auch die Christen ihr Rom, die Juden dagegen nur dieses eine zentrale Heiligtum, eine Mauer unter freiem Himmel.

YossiYonah träumt von einem Zusammenleben in einer multikulturellen Stadt. Davon hat schon einmal ein anderer deutscher Jude geträumt: Für Martin Buber war es das Ideal – ein einziger Staat, in dem Juden und Araber friedlich Seite an Seite zusammenleben. Yonahzitiert dazu seine Mutter, die im Irak aufgewachsen ist. Dort lebten Juden und Araber ihr zufolge friedlich beisammen – ja, wage ich zu ergänzen: die Juden als geduldete Minderheit, denen man an den Kragen bzw. Leib und Leben ging, wenn es widrige Umstände erforderten, was des Öfteren der Fall war. Eine Tatsache, vor der auch Martin Buber in seinen Träumen vom Frieden die Augen verschließt.

Dass der palästinensische Schriftsteller Sayed Kashua am Ende die Stadt und das Land verlässt, weil er hier immer nur der eher ungeliebte Araber sein wird, kann ich durchaus nachvollziehen: Man frage nur die Juden aus Frankreich, warum sie seit ein paar Jahren zu Tausenden aus dem Land der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit nach Israel auswandern.

Wer etwas Neues über das Jerusalem im 21. Jahrhundert erfahren möchte, ist mit der „Endstation Sehnsucht“ gut bedient. Eine Reihe der Essays sind informativ und beschreiben Vergangenes und Gegenwärtiges, wie man es sich nur wünschen kann. Umso bedauerlicher sind die heftigen Nadelstiche auf Israelisches. Es beginnt mit der „Israel-Schnulze ‚Jerusalem von Gold’“ (S. 20) und setzt sich mit den „Kitschobjekten“ (wer es nicht weiß: damit sind Souvenirs gemeint) in der Altstadt (S. 29) fort. Irgendwie schwingt unterschwellig Groll gegen Israel mit: Warum sonst der „so genannte oder imaginierte Sanhedrin“? (S. 225) oder der Berg, der „den Tempel getragen haben soll“(S. 234)? Schon davor heißt es, auf Seite 193, der jüdische Tempel sei „archäologisch nicht nachgewiesen“. Dem sei entgegengehalten, dass der Waqfzwar keine Grabungen auf und unter dem Tempelbergerlaubt, doch er selbst hat aus seinem Inneren beim Bau seiner unterirdischen al-Marwani-Moschee Tonnen von jahrhundertealtem Schutt ans Licht befördert, der vom israelischen Archäologen Gabriel Barkay mit Hunderten von Helfern minutiös gesiebt wurde – gefunden wurden leider nur Kleinfunde, kaum größer als 5 cm, weil alles, was größer war, beim Bau besagter unteririscher Moschee wiederverwendet wurde. Und dabei hat er durchaus Überbleibsel aus der Zeit des Ersten und Zweiten Tempels in Jerusalem gefunden. (...)

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