Juli 7, 2017 – 13 Tammuz 5777
Eine Gabe des Himmels

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Was macht einen jüdischen Propheten aus?  

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Wenn wir an einen Propheten denken, stellen wir uns normalerweise einen alten Greis mit langem weißen Bart vor, der mit merkwürdigen und geheimnisvollen Reden schlimme Dinge prophezeit. 
Doch wie sieht eigentlich das Judentum einen Propheten? Muss das unbedingt ein alter Greis sein? Wird ein Mensch willkürlich von G‘tt für die Prophetie auserwählt oder soll er bestimmte Voraussetzungen erfüllen? 

Gerade im Sommer lesen wir einige Wochenabschnitte in der Thora, in denen dieses Thema an mehreren Stellen beleuchtet wird. 

Zufällige Propheten
Im Wochenabschnitt „Behaalos‘cha“ wird beschrieben, wie Mosche Rabejnu, der von ständigen Reklamationen seitens des jüdischen Volkes genug hatte, sich an G‘tt wendet und um Hilfe bittet. G‘tt erlaubt Mosche einen Ältestenrat aus 70 Weisen einzurichten. 
Da der Rat jedoch alle Stämme möglichst gleichermaßen repräsentieren soll, hat Mosche ein Problem: es müssen mindestens sechs Weise von jedem Stamm kommen, um die Zahl 70 zu erreichen. Jedoch ergibt 6 x 12 (Stämme) 72 und das bedeutet, dass zwei Stämme nur fünf Weise zum Rat entsenden sollen. Da kein Stamm auf den sechsten Repräsentanten verzichten würde, wurde per Losverfahren entschieden. 
Überraschenderweise begannen auch zwei Weise, Eldad und Medad, die bei der Auslosung zwar dabei waren, jedoch leere Lose gezogen haben, zu prophezeien! 
Unter anderem haben sie Mosches Tod und seinen Nachfolger Jehoschua bin Nun prophezeit. 
Das gefiel dem zukünftigen Nachfolger von Mosche nicht, er rannte zu Mosche und verlangte, dass Eldad und Medad eingesperrt werden. 
Mosche aber fand das gut und antwortete: „Ach, dass doch alles Volk des HERRN weissagte, möchte der HERR seinen Geist über sie geben!“

Jeder konnte zum Propheten werden
Leider ging dieser Wunsch von Mosche nicht in Erfüllung und nicht alle Juden wurden zu Propheten. Jedoch gab es in der Geschichte wesentlich mehr als die 48 Propheten, die im Talmud aufgelistet werden. 
Wer sind diese 48 „offizielle“ Propheten? Das sind die Menschen, deren Aussagen für das ganze Volk relevant waren. Und wer waren die anderen, die „kleinen“ Propheten? Und was haben sie prophezeit? 

Wenige wissen, dass eigentlich jeder Mensch zum Propheten werden konnte! Es gab sogar Schulen für diejenigen, die eine Propheten-„Ausbildung“ machen wollten. Deshalb gab es auch viele Propheten aus diesen Schulen. An dieser Stelle werden sich manche wundern: zum Propheten ausbilden lassen?! Sollte der Prophet nicht eigentlich von G‘tt auserwählt sein, um die Zukunft zu verkünden?

Unsere Weisen sagen, dass wenn ein Mensch bestimmte Eigenschaften besaß, er als „Gefäß“ für G‘ttliche Eingebung ausgewählt werden konnte.
Rambam (Rabbi Mosche ben Maimon) fasst diese Eigenschaften in seinem Werk „Mischne Tora“ zusammen: „Prophetie wird nur einem sehr klugen Weisen mit einem starken Charakter geschenkt, der von seinen natürlichen Neigungen in jeder Hinsicht nie überwunden wird. Er kann hingegen mit seinem Geist seine Triebe zu jeder Zeit überwinden. Er muss auch eine sehr breite und ausgeprägte geistige Kapazität besitzen. Eine Person, die alle diese Qualitäten besitzt und physisch gesund und vollkommen ist, ist für den Empfang der Prophetie tauglich.“

Offensichtlich sind diese Eigenschaften bei verschieden Menschen verschieden ausgeprägt. Deshalb ist auch das Niveau der Prophetie bei den verschiedenen Propheten unterschiedlich.

Jedoch haben alle Propheten etwas Gemeinsames, wie es Rambam weiter formuliert: „Sie alle erhalten prophetische Visionen nur in einem visionären Traum oder während des Tages, nachdem Schlummer sie überkommt, wie es in der Thora steht (4.B. M. 12:6): „offenbare ich mich ihm in einer Vision oder ich spreche im Traum zu ihm.“

Ein weiteres Merkmal dieser Kunst bestand laut unseren Weisen darin, dass die Propheten ihre Prophetie in der Form von metaphorischen Bildern und Allegorien bekommen. Und es hängt von den Eigenschaften des Empfängers ab, wie klar er diese Bilder sieht und versteht. Das bedeutet, dass je geistiger, weiser und erhabener die Person war, desto klarer und verständlicher war die Vision, die sie empfing. (…)

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