Februar 9, 2018 – 24 Shevat 5778
Eine couragierte jüdische Dichterin aus Pommern

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Vor 100 Jahren starb die Poetin Hedwig Lachmann  

Von Martin Stolzenau

Hedwig Lachmann emanzipierte sich als Jüdin und Frau schon früh und führte in der zu ihren Lebzeiten noch von Männern dominierten Welt in verschiedenen Großstädten Europas trotz aller Hemmnisse ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Sie wirkte als Erzieherin, Übersetzerin und Dichterin, war mit Berühmtheiten wie Richard Dehmel eng befreundet und mit dem jüdisch- sozialistischen Schriftsteller Gustav Landauer verheiratet. Dabei schuf sie herausragende Werke. Mehr noch. Hedwig Lachmann ist auch als engagierte Pazifistin überliefert, die gegen die nationalistische Kriegsbegeisterung bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit allen Mitteln ankämpfte. Damit erreichte sie auch über ihren Tod vor 100 Jahren hinaus bis in die Gegenwart eine größere Nachwirkung, die sich bis in aktuelle Schriften niederschlägt, die ihr beispielhaftes Wirken beleuchten.

Hedwig Lachmann wurde am 29. August 1865 in Stolp in Pommern geboren. Sie war das älteste Kind von sechs Geschwistern. Ihr Vater entstammte einer Gelehrtenfamilie, fungierte als jüdischer Kantor sowie Religionslehrer, unterrichtete die Tochter umfassend und wechselte später mit seiner Familie nach Hürben, das heute als Ortsteil zur Kleinstadt Krumbach in Württemberg gehört. Ein weiterführender Bildungsweg war dem Mädchen verwehrt. Abitur und Studium waren für Mädchen nicht vorgesehen. Da sie aber die Fremdsprachen sehr gut beherrschte, machte Hedwig Lachmann aus der Not eine Tugend. Sie bestand als Fünfzehnjährige in Augsburg die Examen als Sprachlehrerin und erteilte anschließend Privatunterricht. 1882 ging die junge Frau als Erzieherin nach England, wo sie ihre Englisch-Kenntnisse weiter vervollkommnete und sich die englischsprachige Literatur im Original erschloss. Dazu gehörte auch das Werk von Oscar Wilde und Edgar Allen Poe.

Nach den intensiven Englandjahren arbeitete Hedwig Lachmann nacheinander in Dresden und Budapest als Erzieherin und Sprachlehrerin. Sie überwand alle Vorbehalte der Gesellschaft und setzte sich mit ihrem Sachverstand durch. Dazu kamen erste eigene Schreibversuche und Übersetzungen. Die hatte sie im Gepäck, als sie sich 1889 in Berlin niederließ. Die aufstrebende Reichshauptstadt entwickelte sich damals zu einem Kulturzentrum. Hier machte sie die Bekanntschaft vieler Künstler bis hin zum renommierten Schriftsteller Richard Dehmel und dessen Frau Paula. Dehmel förderte ihre Begabung und wünschte sich eine „Ehe zu dritt“. Das aber lehnte Hedwig Lachmann ab, die sich stattdessen Gustav Landauer zuwandte, den sie 1899 bei einer Lesung im Hause Dehmels kennengelernt hatte.

Gustav Landauer war der Sohn eines jüdischen Schuhwarenhändlers aus Karlsruhe. Er entwickelte sich nach umfangreichen Studien zum „linken“ Intellektuellen, trat für einen „anarchistischen Sozialismus“ ein und wurde wegen „Ungehorsam gegen die Staatsgewalt“ mehrfach verhaftet. Hedwig Lachmann und Gustav Landauer wurden schnell ein Paar. Doch Landauer war verheiratet. Da sich dessen Frau nicht scheiden lassen wollte, ging das Liebes- paar nach England, wo beide als Übersetzer zusammenwirkten. Noch 1901 wurde Lachmanns Übersetzung von Oscar Wildes „Salome“ veröffentlicht, 1903 im Theater von Max Reinhardt in Berlin uraufgeführt und 1905 von Richard Strauss vertont. Nach Landauers lange verzögerter Scheidung heiratete das Paar schließlich in Berlin, wo Erich Mühsam für beide in Hermsdorf eine Wohnung vermittelte. Doch für den Unterhalt musste die junge Frau sorgen, denn Landauer erhielt als „linker“ Intellektueller mit anarchistischer Ausprägung und Differenzen mit der „Staatsgewalt“ keine Anstellung.

Sie übersetzte Lyrik sowie Prosa aus dem Englischen, Französischen, Italienischen sowie Ungarischen ins Deutsche, brachte ihren eigenen Lyrikband „Im Bilde“ heraus und zwei Töchter zur Welt. Ihre Gedichte beeindruckten durch gefühlsmäßige Bewegtheit und Formenstrenge. 1906 erschien dann die Biographie zu Oscar Wilde von ihr. Landauer indes hatte während eines Aufenthaltes in Ascona eine Liaison mit der Gewerkschafterin Margarethe Faas-Hardegger. Doch die Ehe hatte nach kurzer Krise weiterhin Bestand.

Hedwig Lachmann, die in ihrer politischen Orientierung stark von Landauer beeinflusst wurde, sorgte für das Familien-Einkommen. Ihr Mann widmete sich der Politik und gehörte zu den wenigen Vertrauten des geheimnisumwitterten Schriftstellers B. Traven. Er gründete den „Sozialistischen Bund“, gab die Zeitschrift „Der Sozialist“ heraus und verfasste bis zum Ersten Weltkrieg 115 „linke“ Texte über Kunst, Literatur, Philosophie und zu politischen Tagesfragen.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte das Paar einen sprichwörtlichen Feldzug gegen die Kriegsbegeisterung. Das Ehepaar bekannte sich öffentlich zum Pazifismus und brach auch mit engsten Freunden wie Dehmel, wenn diese den Krieg bejahten. Nach dem Tod der Mutter von Hedwig Lachmann in Krumbach übersiedelte das Paar während des Krieges in die württembergische Kleinstadt, wo die Ernährungslage noch erträglicher war als in Berlin. (…)

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