Januar 6, 2017 – 8 Tevet 5777
Einblicke in ein jüdisches Künstlerschicksal

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Dem Biographen Jörg Aufenanger gelingt es, den Maler-Poeten John Höxter dem Vergessen zu entreißen  

Von Gerhard Haase-Hindenberg

Schon in der Vergangenheit ist es dem Theatermann und Biografen Jörg Aufenanger gelungen, den Focus seiner Leser auf wenig bekannte Details scheinbar bekannter Künstlerbiographien zu lenken und so einen neuen Blickwinkel auf deren Persönlichkeit zu ermöglichen. Das war bei „Schiller und die zwei Schwestern“ ebenso der Fall wie bei „Heinrich Heine in Paris“ oder „Ein Sommer in Caputh“, in welchem er seine Leser in den einstigen Sommersitz von Albert Einstein mitnimmt. Es erstaunen immer wieder die genau recherchierten Details, die in unterhaltsamer, fast belletristischer Weise präsentiert werden. Nun hat sich Aufenanger dem tragischen Leben des Maler-Poeten John Höxter vorgenommen, das jener fünf Tage nach der Reiskristallnacht ausgerechnet in Caputh beendete. Auf 110 Seiten entstand die intime Studie eines Künstlers, der nicht zu den Erfolgreichen gehörte, angesichts des Naziterrors zu seinen jüdischen Wurzeln zurückfand und in der Assimilation der Juden in Deutschland einen Irrweg erkannte.

Wie ist der weithin vergessene John Höxter in dein Blickfeld geraten?

Ich befasse mich schon seit den 1980er Jahren mit John Höxter. Aufgefallen ist er mir zuerst als Seelenverwandter der Else Lasker- Schüler, so wie sie von ihm in ihrem Roman „Mein Herz“ erzählt hat. Ich war neugierig auf ihn geworden, da mich Randexistenzen – als solcher wurde Höxter in Büchern über die Zwanziger Jahre immer erwähnt – stets fasziniert haben. Ich habe dann in Jahrbüchern und Zeitungen über ihn geschrieben, in einem Radiofeature von ihm erzählt. Eines Tages kam dann der Verleger des Quintus-Verlag auf mich zu und bat mich, eine Biographie zu Höxter zu verfassen.

Du hast ein fleißiges Quellenstudium betrieben und doch gibt es in dieser Biographie zeitliche Lücken. Was machte die Recherche über das Leben von John Höxter so schwierig?

Es gibt kaum Zeugnisse seines Lebens aus seiner eigenen Hand, fast keine Briefe von ihm oder an ihn. Ein Nachlass existiert nicht, ab und zu tauchen einige Fundstücke auf. Was allein existiert ist sein Werk an Gedichten, Essays, Prosastücken, Zeichnungen, Bildern. Und erst sein „Spätwerk“ aus den 30er Jahren, das er in seiner Einsamkeit verfasste, als er als Jude aus seinem Lebensort, dem Kaffeehaus verbannt war, erzählt von ihm selbst. Er war eine allseits bekannte Figur gewesen in den 1920er Jahren, er kannte jeden und ein jeder kannte ihn. Und ein jeder von denen sollte von ihm erzählen, Anekdoten vor allem. Doch schon gegen Ende dieses Jahrzehnts wurde Höxter nach und nach vergessen, war ein Überbleibsel der bewegten Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Wir müssen davon ausgehen, dass dann in den 1930er Jahren sowohl Teile seines Werks verloren gegangen sind wie auch persönliche Dokumente zu seinem Leben.

John Höxter ist noch in der Ausbildung bei dem arrivierten Porträtmaler Leo von König, da ist er im Jahr 1907 bereits mit dem Gemälde „Schloss Herrenhausen“ auf der 13. Ausstellung der Berliner Secession vertreten. Immerhin findet sich der Name des 23-jährigen neben solch prominenten wie Max Beckmann, Edvard Munch, Max Liebermann, Auguste Rodin und Ernst Barlach. Normalerweise wäre das der Einstieg in eine glänzende künstlerische Karriere. Warum lief es bei John Höxter anders?

Eine schwierige Frage. Er war das, was ich immer einen Verzettelungskünstler nenne. Er hat sich wohl nicht dazu durchringen können, konsequent seine Begabung als Maler und Zeichner für den künstlerischen Lebensweg zu nutzen. Er wollte vieles sein: Dichter, Grafiker, Journalist. Bezeichnend dafür ist, dass das Bild „Schloss Herrenhaus“ zugleich als ein Gedicht von ihm existiert. Als er dann die ersten Aufträge bekam, graphische Portraits seiner Zeitgenossen für Zeitschriften und Buchumschläge zu gestalten, verdiente er damit auch seinen Lebensunterhalt, was aber zugleich dazu führte, dass er sein originäres eigenes Werk als Maler vernachlässigte und er zum Dokumentaristen anderer wurde.

Könnte der von dir im Buch zitierte Romancier Leonhard Frank darauf in seinem autobiographischen Roman „Links wo das Herz ist“ eine plausible Antwort gefunden haben, wenn er im Jahr 1952 retrospektiv vom Café des Westens berichtet: „Ferdinand Hardekopf, der auch im Hochsommer einen dicken Wollschal trug, und der Maler-Schriftsteller John Höxter, das Monokel an der Seidenschnur, traten ein und setzten sich an den Tisch. […] Hardekopf und Höxter waren besessen von der Sehnsucht nach schöpferischer Leistung und hatten nicht die innere Kraft dazu. Sie produzierten wenig.“

So schön das Leben im Kaffeehaus auch ist, es führt leicht zu einer wohligen Trägheit, man sitzt allein hinter einer Zeitung und zugleich ist es in jedem Moment möglich, mit anderen lebhafte Gespräche zu führen, Projekte zu erträumen, die aber nicht immer Wirklichkeit werden müssen. Man kann da zwar skizzenmäßig zeichnen, wie es Höxter getan hat, aber ein bildnerisches Werk entsteht im Alleinsein im Atelier. Und aus der Trägheit des tag- und nachtlangen Kaffeehauslebens entsteht das, was Leonhard Frank meint, dass nämlich die Sehnsucht nach schöpferischer Leistung allmählich erstickt.

Gerade jüdische Zeitgenossen haben sich zu John Höxter äußerst widerspruchsvoll geäußert. Das Multitalent Herwarth Walden nannte ihn einen „Epigonen und Kitschier“, der Dichter Walter Mehring sah in ihm einen „auf eigene Faust dadaisierenden Vaganten“, der Schriftsteller und Kunsthistoriker Carl Einstein bezeichnete ihn als „Reaktionär“ und die expressionistische Lyrikerin Else Lasker-Schüler adelte ihn, indem sie ihn zu jenem Beduinenstamm zählte, aus dem auch sie selbst stamme. Wer kommt der Person John Höxters am nächsten?

Mit Sicherheit Else Lasker-Schüler. Sie war möglicherweise die Einzige, die Höxter verstand, weil sie sich verwandt fühlten. Sie wandelten in ähnlichen lebensfernen Traumwelten. Unter den anderen Protagonisten der Kunstwelt um den Ersten Weltkrieg herum, herrschte auch Konkurrenz um die Vorherrschaft in den Künsten. Bezeichnend ist da der Kampf um die DADA- Zeitschrift „Der blutige Ernst“, die Höxter 1919 gegründet hatte, die ihm dann aber von den „wahren Dadaisten“ aus der Hand genommen wurde – eine Kränkung für Höxter, die er lange Zeit nicht verwinden konnte. Es ist aber auch so, dass dieser zeitlose Mensch sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert zu Hause war und sich für eine Avantgarde, die alles Vorige in Frage stellte, nicht begeistern konnte. Er wurde von der Zeit überrollt und daher auch wie von Walden oder Mehring mit Spott und Bosheit bedacht. Dass diese Juden waren, hat meines Erachtens keine Bedeutung. Nur war es so, dass damals eben viele Juden den Zeitgeist in den Künsten bestimmten.

Tatsächlich tauchen in deinem Text eine ganze Reihe von jüdischen Kaffeehausbesuchern auf – einige wurden eben schon genannt. Gleichzeitig aber spielt das Judentum über weite Teile in diesem Buch überhaupt keine Rolle. Ist das dem Umstand geschuldet, dass es auch in den Kreisen der jüdischen Bohème und der meist assimilierten Künstler keine Rolle spielte? (…)

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