März 4, 2016 – 24 Adar A 5776
Ein ungarischer KZ-Film gewinnt einen Oscar

image

Ein Gespräch mit Géza Röhrig, Hauptdarsteller im Film „Son of Saul“.  

Am 26. Januar, am Abend vor dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, fand in Berlin eine Extra-Vorführung des Films „Son of Saul“ statt, die von der „Claims Conference“ organisiert wurde. Der Film, der am 10. März in die deutschen Kinos kommt, wurde ebenfalls von der „Claims Conference“ teilweise finanziert.

Das abendfüllende Debüt des 38-jährigen Regisseurs László Nemes gewann letztes Jahr den Grand Prix du Jury beim Filmfestival in Cannes, sowie die Auszeichnung „Bester fremdsprachiger Film“ bei den Golden Globe Awards und ist der aussichtsreichste Kandidat auf den Sieg bei der diesjährigen Oscar-Verleihung in der gleichen Kategorie.

Protagonist des Films ist Saul Ausländer, ungarischer Jude und Mitglied des Sonderkommandos des KZs Auschwitz-Birkenau. Er ist von dem Wunsch besessen, einen Jungen, den er seinen Sohn nennt, nach jüdischer Tradition zu begraben und sucht dafür unter den Häftlingen nach einem Rabbiner. Gleichzeitig bereitet ein Teil des Sonderkommandos einen Aufstand vor (der Film spielt im Oktober 1944).

Der Film „Son of Saul“ ragt unter anderen Werken hervor, die sich mit der Hölle von Auschwitz beschäftigen. Er ist gänzlich auf das Schicksal eines Einzelnen fokussiert, unterstreicht damit die Einmaligkeit eines jeden menschlichen Lebens und zeigt, wie wichtig es ist, die geistige Stärke zu bewahren, selbst unter solch unmenschlichen Bedingungen. Es sind viele Nahaufnahmen der Schauspieler in diesem Film, wobei die Schrecken des KZs verschwommen dargestellt werden, wie Bruchstücke eines furchtbaren, zwanghaften Alptraums. Jedoch ist die emotionale Ladung der Erzählung so hoch, dass der Film es durchaus mit der Realität aufnehmen kann.

Die Rolle des Saul spielt Géza Röhrig, der in Ungarn geboren wurde und heute in den USA lebt. In den letzten Jahren lehrte er Jüdische Studien an einer New Yorker Hochschule und muss sich jetzt entscheiden, in welche Richtung sein Leben nun gehen soll: Schauspieler oder doch zurück zum Lehren an der Hochschule?

JR: Géza, bis jetzt spielten Sie lediglich eine kleine Rolle in einer ungarischen TV-Serie, die Ende der 80er Jahre ausgestrahlt wurde und seit damals sah man Sie nicht mehr auf einer Leinwand. Und plötzlich – solch eine fantastische schauspielerische Leistung in diesem Film. Wie haben Sie László Nemes kennengelernt?

Géza Röhrig: Wir begegneten einander 2007 in New York und freundeten uns an. Fünf Jahre später gab mir László das Drehbuch zum Lesen, denn er bereitete sich schon darauf vor „Son of Saul“ zu drehen. Das Drehbuch wühlte mich sehr auf. Ich sagte zu László, dass ein solcher Film unbedingt gedreht werden muss. Nach einiger Zeit wurde ich zu den Proben eingeladen, während der wir improvisierten und überlegten, wie wir diese Geschichte in den Rahmen eines Films packen könnten. Zwei Monate später schlug mir László vor, den Saul zu spielen.

JR: Als Hauptdarsteller hatten Sie ja keine einfache Aufgabe vor sich. In diesem Film gibt es so gut wie keine Großaufnahmen, die Kamera filmte Sie fast durchweg aus der Nähe. Sie konnten auch keine Verschnaufpause einlegen oder sich hinter der Musik verstecken.

Géza Röhrig: Nicht einmal hinter den Worten.

JR: Ja, Ihre Figur ist eher wortkarg, jedoch wird ihre innere Welt sehr genau durch Mimik und Blicke wiedergegeben. Wie wurden solch komplizierte Aufnahmen vorbereitet?

Géza Röhrig: Wir wollten keinen Film drehen, in dem die Perspektive der Menschen sichtbar würde, die ein großes Wissen im Gepäck haben, das sie in der Nachkriegszeit gesammelt haben. Auch wollten wir das Ganze nicht zu einer simplen Darstellung der Besonderheiten des Lageralltags werden lassen. Es war nötig, alle Gefühle von Saul wiederzuspiegeln und ein sehr ehrliches Kino über den Zustand eines Menschen in einer solchen Situation zu drehen. Es war wichtig für uns, die Gefühle einer Person, die zum Sonderkommando gehörte und sich ständig in der Nähe der Gaskammern und Krematorien befand zu verstehen. Diese Menschen hatten sehr begrenzte Informationen darüber, was außerhalb, ja auch innerhalb des Lagers passierte. Sie waren traumatisiert, sowohl psychisch als auch physisch. Und sie versuchten trotzdem, die Welt zusammenzuhalten, die vor ihren Augen auseinander fiel. Dies erzeugte einen hochgradigen Schock. Wir verstanden, dass es in einer solchen Realität keine Monologe geben konnte und bemühten uns, die Empfindungen eines Menschen mit anderen Mitteln wiederzugeben. Wir versuchten zu zeigen, wie ein einzelner Tag eines Menschen an einem solch schrecklichen Ort aussehen könnte. (…)

Das Gespräch führte Sergey Gavrilov

(Aus dem Russischen übersetzt von David Serebrjanik)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Email This Page