September 6, 2018 – 26 Elul 5778
Ein starker Freund Israels in Berlin


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Die JÜDISCHE RUNDSCHAU zu Besuch bei Seiner Exzellenz, dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Richard Grenell 

Von Orit Arfa

Richard Grenells Salven gegen wirtschaftliches Engagement im Iran sind dank Twitter für alle Welt sichtbar. Weniger bekannt ist hingegen, dass der US-Botschafter wegen Israel zum „Foodie“ wurde, ständig darüber nachdenkt, wie man den Antisemitismus in der Welt bekämpft und für den Frieden Israels betet.

Botschafter Richard Grenell wuchs in der Nähe von Grand Rapids (Michigan) auf und schaute täglich zu Israel empor – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn bis heute hängt ein besonderes Schild über der Spüle seiner Mutter.

„Auf diesem steht ‚Bete für den Frieden Israels‘, und ich kann Ihnen versichern, dass meine Mutter jeden Tag für den Frieden in Israel betet“, erklärte Botschafter Grenell der JÜDISCHEN RUNDSCHAU in seinem Büro mit Blick auf die Quadriga des Brandenburger Tors. Er ist fröhlich, freundlich und bodenständig – Eigenschaften, die auch durch sein Instagram-Feed offensichtlich werden.

„Ich habe sechs christlich-evangelikale Prediger in meiner unmittelbaren Familie. (Ich habe aber einen anderen Beruf gewählt.) Und so war es einfach ein ganz organischer Teil meiner Erziehung, Israel nicht bloß zu respektieren, sondern wirklich für den Frieden in diesem Land zu beten, und dass dieses Gebet ein biblisches Gebot ist.“

Schon bevor er nach Deutschland kam, galt Richard Grenell als ganz besonderer Botschafter. Es war klar, dass er ein unkonventionell denkender Diplomat werden würde, der Klischees hinterfragt, besonders jene, die seinen Chef betreffen, Präsident Donald Trump. Vizepräsident Mike Pence, ein evangelikaler Christ und überzeugter Israel-Unterstützer, schwor ihn ein, während Grenells Partner Matt Lashey, mit dem er seit 15 Jahren in einer Beziehung lebt, die Bibel hielt, und ihre Familien voller Stolz zuschauten. Lascheys zwei Brüder sind Pfarrer. Grenell verstand seine Homosexualität nie als Rebellion gegen seine christliche Erziehung, sondern als Teil von Gottes Willen.

Schon seine Vereidigung war eine unbeabsichtigte politische Aussage: Präsident Trump ist nicht der „Homophobe“, den die Mainstream-Medien, einschließlich der deutschen Medien, aus ihm machen. Und was ist mit diesen lächerlichen Vorwürfen (von Magazinen wie beispielsweise dem „Spiegel“ und dem „Stern“), dass Trump mit Neonazis sympathisiere oder – noch schlimmer – ein neuer Hitler sei? – Zu den jüngsten Leistungen seines Botschafters Grenell gehört die erfolgreiche Abschiebung des letzten lebenden Nazis aus den USA, Jakiw Palij, der zuletzt in New York lebte.

„Präsident Trump hat, bevor ich meinen Dienst in Deutschland antrat, darauf gepocht, dass er den Nazi aus New York raushaben will“, sagte Grenell. „Darum habe ich mich sofort seit dem ersten Tag darum gekümmert und es in jedem einzelnen Treffen in Deutschland thematisiert. Einige Regierungsbeamte hatten noch nichts von dem Fall gehört, aber jede einzelne Person war bereit, mir zuzuhören und versprach mir, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Und das haben sie offensichtlich auch getan.“

Aktiv in den sozialen Medien
Grenells Instagram-Feed könnte den gelegentlichen Follower zu der Meinung verleiten, er sei eher ein feierfreudiger Botschafter, der sich mit den Eliten vernetzt und das Highlife hochrangiger Diplomaten genießt: Er traf den deutschen Superstar Helene Fischer backstage und feierte bei Britney Spears‘ Berliner Konzert. Gleich nach diesem Interview reiste er als Teil eines Wochenendausflugs auf die griechischen Inseln und legte dabei den „Carpe Diem“-Lebensstil eines stolzen Krebs-Überlebenden an den Tag. Die US-Botschaft präsentierte sich sehr farbenfroh bei der „Christopher-Street-Day-Gay-Pride“-Parade im Juli, bei der sich Grenell unter die Teilnehmer mischte und eine regenbogenfarbene israelische Flagge aus seiner Gesäßtasche hängen ließ.

Aber sein aktiver, informativer Twitter-Feed ist der eines Botschafters, für den Pflicht und harte Arbeit an erster Stelle stehen, auch wenn seine Worte und Taten ihn vielleicht nicht immer zum beliebtesten Mann auf einigen Berliner Partys machen.

Zu seinen ersten (kontroversen) Tweets als Botschafter gehörte ein Aufruf an deutsche Unternehmen, sich aus dem Iran zurückzuziehen – ein Tweet, der ihn in öffentlichen Konflikt mit der wohlwollenden Haltung der deutschen Regierung gegenüber dem Iran-Deal brachte. Noch bis heute zieht die deutsche Regierung alle Register, um am Iran-Deal festzuhalten und geht sogar so weit, nach Möglichkeiten zu suchen, das von den USA abhängige internationale Zahlungssystem zu umgehen. Deutsche Firmen schienen Grenells Aufruf jedoch ernstgenommen zu haben.

Daimler, Siemens, Bayer, Deutsche Bahn und Telekom sind unter den größten deutschen Wirtschaftsunternehmen, die sich aus dem Iran-Geschäft zurückgezogen haben und sich stattdessen für den US-Markt entschieden haben.

Sogar Russen und Chinesen stimmten gegen den Iran
Seine Salven gegen Deutschlands Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran gehen weiter bezüglich zwei dringlicher, noch ungelöster Probleme.

„Es liegen Beweise vor, dass der Iran versucht, 300 Millionen Euro aus Deutschland herauszuholen. Sie versuchen verzweifelt, an dieses Bargeld zu kommen, und wir halten das für eine sehr schlechte Idee.“ Er hat Deutschland auch gebeten, die wöchentlichen Flüge von Mahan Air nach Düsseldorf und München einzustellen. „Es handelt sich dabei um die Fluglinie des Regimes und wir glauben einfach nicht, dass sie nach Deutschland fliegen sollten. Unserer Meinung nach sollten sie nirgendwo mehr hinfliegen. Also fordern wir unsere Verbündeten und andere Länder auf, ihr Augenmerk auf Mahan Air zu richten, und ihnen die Landerechte zu verweigern.“ Eine Antwort hat er nicht erhalten.

Im Gegensatz zur konventionellen deutschen Diplomatie glaubt er nicht, dass der Iran-Deal (offiziell „Joint Comprehensive Plan of Action“) verhindern würde, dass die Iraner zur Atommacht aufsteigen könnten. Seine achtjährige Erfahrung als Sprecher des US-Botschafters bei den Vereinten Nationen und seine Teilnahme an Sitzungen des UN-Sicherheitsrates haben ihn davon überzeugt.

„Ich sah, wie die Iraner lügen“, so Grenell. „Man muss sich daran erinnern, dass die Russen und die Chinesen so überzeugt waren, dass die Iraner lügen und verschleiern, dass sie mehrfach für Sanktionen gegen den Iran stimmten. Die Russen und die Chinesen. Denken Sie darüber einmal nach! Mehrmals haben sie ihre Hände für Sanktionen gegen die Iraner erhoben, weil die Beweise für deren Lügen und ihr Verstecken so eindeutig waren.“

Er definiert den Deal als eine Initiative des Weißen Hauses, die im Gegensatz zu einem echten Abkommen steht, das wohl kaum die Zustimmung des Senats erhalten hätte. „Und so sollte niemand überrascht sein, dass etwas, das kein Abkommen ist, unter der nächsten Regierung geändert wird. Wir haben einfach nicht das Gefühl, dass dieser Plan funktionieren würde. Diese Taktik bringt uns nicht ans Ziel, und wir sind uns alle über das Ziel einig: Der Iran soll keine Atomwaffen bekommen.“

Antisemitismus: Reden ist nicht genug
Aber dem Botschafter ging es auch um ein anderes Problem, das dieser Zeitung besonders am Herzen liegt: die Bekämpfung des Antisemitismus.

„Es ist wirklich sehr verstörend für mich, dass jemand, der ein religiöses Symbol – wie eine Kippa – trägt, und … nebenbei, ich trage dies hier jeden Tag.“ Aus seinem weißen Hemd zieht er eine lange Silberkette mit einem Kreuz daran. „Ich habe es jeden einzelnen Tag meines Lebens getragen. (Ich meine, ich trage es nicht sichtbar: Es bleibt immer drinnen.) Und die Vorstellung, dass jemand kein religiöses Symbol mehr tragen kann, verstört mich. Es verstört mich, dass wir irgendwie die Person mit dem religiösen Symbol zum Problem machen, weil es bei jemand anderem eine negative Reaktion auslöst. Ich hatte gerade gestern ein internes Treffen und ich brachte an, dass meiner Meinung nach in Deutschland nicht genug getan wird, um dieser Situation beizukommen. Wir müssen herausfinden, was wir verbessern können. Ich bin nicht zufrieden damit, nur öffentlich Übergriffe anzuprangern, nachdem sie bereits geschehen sind; das reicht einfach nicht.“

Er spielte damit nicht auf einen speziellen Übergriff an, aber einige bekanntere Fälle kommen einem in den Sinn. Im April – kurz vor Grenells Amtsantritt – trug ein israelischer Araber eine Kippa, um mit diesem Experiment den Antisemitismus in Deutschland zu testen. Wie auf Kommando wurde er von einem syrischen Asylbewerber angebrüllt, der schrie: „Yahud“ (Jude)! Danach fand eine „Trage-eine-Kippa“-Demo in Berlin statt, an der deutsche Politiker teilnahmen und ihre Solidarität bezeugten, indem sie die jüdische Kopfbedeckung aufsetzten. Der 19-jährige Syrer, der sich selbst als „Palästinenser“ bezeichnet, wurde von einem deutschen Gericht verurteilt. Zwei Monate später wurden mehrere Täter mit syrischer und deutscher Staatsangehörigkeit inhaftiert, weil sie einen syrischen Juden im Tiergarten angegriffen hatten, weil dieser eine Kette mit einem Davidstern trug.

Grenell und sein Team prüfen wirksame Methoden, um Antisemitismus zu begegnen. Dazu gehört auch, dass sie auf muslimische Gemeinden zugehen.

„Natürlich ist es eine Bildungssache, aber manchmal dauert die Bildung so lange, dass ich kein Geld mehr in Programme investieren und auf den Tag warten möchte, an dem die Menschen endlich gebildet sind. Das genügt mir nicht. Es liegt eine Dringlichkeit vor mit einer pädagogischen und langfristigen Komponente. Wir haben ständig Probleme, wie wir damit umgehen sollen.“

Ein weiterer auffälliger antisemitischer Vorfall ereignete sich als Reaktion auf die amerikanische Politik direkt vor dem Brandenburger Tor in der Nähe von Grenells gegenwärtigem Büro. Im vergangenen Dezember, unmittelbar nachdem Trump Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannte und den Umzug der amerikanischen Botschaft ankündigte, verbrannten Demonstranten hauptsächlich arabischer und türkischer Herkunft israelische Flaggen. Führende deutsche Politiker hatten sich entschieden gegen das antisemitische Schauspiel ausgesprochen. „Wir akzeptieren nicht, wenn Juden oder der Staat Israel auf diese beschämende Weise beleidigt werden“, sagte der ehemalige Innenminister Thomas de Maizière der „Bild“-Zeitung. Außenminister Sigmar Gabriel sagte gegenüber „Bild“, es gebe trotz verständlicher Kritik an der amerikanischen Entscheidung Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, „keinerlei Recht und auch keine Rechtfertigung, israelische Fahnen zu verbrennen, zu Hass gegen Juden aufzuwiegeln oder das Existenzrecht Israels infrage zu stellen“. Trumps Haltung zu Jerusalem war ein weiterer Streitpunkt zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland. Deutschland gehörte zu den 128 UN-Mitgliedsstaaten, die für eine Resolution stimmten, die die Entscheidung von US-Präsident Trump zu Jerusalem für „null und nichtig“ erklären sollte.

Trump setzt um, was seine Vorgänger nur versprachen
„Vieles davon ist nur Politik“, sagte Grenell. „Jeder einzelne US-Präsident hat sich in letzter Zeit dafür eingesetzt, dass die amerikanische Botschaft nach Jerusalem verlegt wird. Jeder einzelne. Es ist beängstigend, dass die Gesellschaft und die Medien es den Politikern erlauben, Dinge in Wahlkämpfen zu behaupten und später diese Versprechen zu brechen, denn, na ja, das ist eben, was man in Wahlkämpfen so sagt. Ich denke, diese Überreaktion gegen einen Präsidenten, der tatsächlich ein Wahlversprechen umsetzt, ist ein Hinweis darauf, dass die Menschen von Politikern gar nicht mehr erwarten, dass diese ihre Wahlversprechen auch halten.“

Grenell hat den Umzug der Botschaft schon lange auch aus praktischen Gründen unterstützt. Er glaubt, dass die Länder wählen können sollten, wo sie ihre Botschaft haben möchten. „Ich kenne eine Menge Leute, Abteilungsbeamte, die in der Botschaft in Tel Aviv gearbeitet haben und die ständig nach Jerusalem reisen mussten, weil die Action sich dort abspielt.“
Grenell ist häufiger nach Israel gereist, als er zählen kann und nennt Jerusalem „eine der faszinierendsten Städte der Welt.“ Aber er genießt auch einen weniger kontroversen Teil Israels: das Essen.

„Wir machen immer diesen Witz“, erklärt Grenell über sich selbst und seinen Lebensgefährten Lashey, „weil er ein Foodie ist und alle möglichen Arten von Essen und Restaurants mag, und ich dagegen immer so gestresst vom vielen Multitasking bin; er zieht mich daher immer damit auf, dass ich an Nahrung wirklich nur den Nährwert schätzen würde. Er scherzt dann, dass, wenn wir in Israel sind, ich dort zum Foodie werden würde, denn die Israelis essen so wie ich esse: kleine Dips und kleine Speisen. Alles ist kleiner und man isst ununterbrochen, man ‚grast‘ sozusagen. Wenn ich allein zu Hause bin, dann esse ich Hummus und Tabouli, Käse und Pita-Brot, Olivenöl und Gemüse.“

Und obwohl er manchmal außenpolitisch mit der deutschen Regierung querliegt, hat er sich entschieden, in Deutschland vor allem an dem zu arbeiten, was die beiden Länder als Freunde verbindet.

„Ich denke, es [Deutschland] ist im Wesentlichen ein Ort, wo Probleme gelöst werden können“, sagte er. „Es ist auch ein unglaublicher Partner. Deutschland hat die größte Wirtschaft Europas, und ich weiß, dass Donald Trump immer in den Begriffen Handel, Arbeitsplätze und Etats denkt. Und ich habe die deutschen Beamten darauf hingewiesen, dass wir eine ganz besondere Beziehung haben können, weil Deutschland die größte Wirtschaftsmacht in Europa ist, und Trump dies unglaublich respektiert; er möchte eine sehr enge Beziehung mit dieser größten Wirtschaftsmacht haben.“

Grenell hat auch festgestellt, dass Deutschland ein „wunderschönes“ Land ist. „Wir haben eine tolle Zeit. Das Land ist so hundefreundlich, was erstaunlich ist! Ich bin überrascht, wie grün es hier ist.“ Sein geliebter Hund Lola, ein Texas Blue Lacy, ist in seinem Instagram-Feed prominent vertreten.

Er ist davon überzeugt, dass die Deutschen schon noch mit dem amerikanischen Präsidenten warm werden. Grenell erwähnte Amerikas wirtschaftlichen Erfolg, der auch für deutsche Unternehmen Erfolg verspricht. Deutsche Geschäftsführer äußern regelmäßig ihre Begeisterung für die Stärke des US-Marktes.

„Während des gesamten Wahlkampfs habe ich einige immergleiche Kritikpunkte gehört, aber ich habe gesehen, wie die Zahl [der Trump-Befürworter, Anm. d. Übs.] gewachsen ist und die Leute anfingen, die Politik wirklich zu mögen. Also bin ich sehr zuversichtlich, dass die Leute sich an den Stil gewöhnen und sich mit seiner Politik anfreunden werden.“

Und die Gebete seiner Mutter begleiten den Botschafter ständig.
„Ich denke, ich arbeite für den Frieden.“

Orit Arfa ist eine amerikanisch-israelische Journalistin und Autorin, und lebt in Berlin.

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