Oktober 5, 2015 – 22 Tishri 5776
Ein Roman mit 92

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Das neue Buch des deutsch-jüdisch-argentinische Schriftstellers Roberto Schopflocher  

Von Marko Martin

Die Familie Schopflocher hatte eine Art familiären Erkennungspfiff: Der Auftakt von Franz Schuberts Forellenquintett. Das war Anfang der dreißiger Jahre in Fürth, in einer gutbürgerlichen, freilich bereits verschatteten Welt. Aber sich vorzustellen, dass eines Tages der Zahnarzt Dr. Weil, stets anwesender Cellospieler bei den Schopflocherschen Hauskonzerten, sich nur wenige Jahre später mit Frau und Tochter auf dem Fürther Güterbahnhof einzufinden hatte, ums ins Vernichtungslager abtransportiert zu werden?

„Die Erfahrung des Bruchs begleitet einen das ganze Leben, das Wissen darum, wie rasend schnell sich alles ändern kann. Und wie unvorbereitet wir jedes Mal sind, auch dann, wenn sich das Verhängnis langsam ankündigt: Gerade da geraten selbst die Klügsten in die Falle einer klügelnden Reflexion, nach welcher ja doch noch nicht alles verloren sei. Pustekuchen!“ Der heute 92-jährige Schriftsteller Robert Schopflocher spricht und schreibt ein Deutsch, wie es inzwischen kaum noch gepflegt wird – vom Lapidaren ins Rhapsodische, dabei ironische Apercus und Elemente der Alltagssprache nicht verschmähend. Seine Bücher entstehen in einer penibel aufgeräumten Schreibklause in Buenos Aires, wo Schopflocher zusammen mit seiner gleichaltrigen Frau Ruth in einer gediegenen Etagenwohnung lebt. An den Wänden Franz-Marc-Bilder und Lithographien von Schmidt-Rottluff, vom Balkon aus der Blick auf den im Sonnenlicht metallen gleißenden Rio de la Plata. Als beinahe mittellose Flüchtlinge 1937 in Argentinien angekommen, hatte zumindest ein Teil der Schopflocher-Familie dem Holocaust entkommen können.

Und die ersten Bücher? „Waren Sachbücher über Hühnerzucht und andere landwirtschaftliche Belange, geschrieben in spanisch und im Lauf der Jahre sogar in mehreren Auflagen gedruckt.“ Der Mann mit dem noch immer vollen, inzwischen schneeweißen Haar spricht auch hier mit jener freundlichen Distanz, mit der er seine Romane und Erzählungen schreibt – seit einigen Jahren wieder in der deutschen Muttersprache. Schopflochers literarisch verarbeitete Erfahrungen als junger Mann in einer jüdischen Pampa-Siedlung – quasi als „jüdischer Gaucho“ – sind damit Teil der deutschen Literatur geworden, freudig begrüßt u.a. von Siegfried Lenz und mit diversen Preisen ausgezeichnet. Die räumliche Distanz zur deutschen Sprachwelt – dank des von ihm skrupulös genutzten Internets ohnehin geschrumpft – verführt jedoch keineswegs zu antiquierter Betulichkeit, die man allein aus Gründen politischer Korrektheit goutieren müsste. Im Gegenteil: Schopflochers an Tschechow geschulte Pampa-Novellen oder die thriller-artigen Stories über das Argentinien der Militärdiktatur sind literarische Kleinode:
In der Nußschale des versierten Erzählers die gesamten Schrecken und Wunder dieser Welt.

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