November 4, 2015 – 22 Heshvan 5776
Ein neues Gesicht in der Knesset

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Die JÜDISCHE RUNDSCHAU zu Gast im israelischen Parlament  

  • November 4, 2015 – 22 Heshvan 5776
  • Israel
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Sharren Haskel will sich um Tierrechte kümmern, Arabisch lernen und kann sich eine Ein-Staaten-Lösung vorstellen. Die Großmutter der Jungpolitikerin stammt aus dem sächsischen Leipzig und kam als Kind nach Palästina. Sharren selbst wurde in Kanada geboren, ihr Vater in Israel, der ihre in Marokko geborene Mutter in Frankreich kennenlernte und mit ihr nach Kanada zog. Dort wurde Sharren Haskel geboren, verbrachte dort aber nur ein Jahr – eine typisch israelische Familiengeschichte eben!

Haskel hat einige Jahre in Australien gelebt und gearbeitet. Sie ist die zweitjüngste Abgeordnete der Knesset und die jüngste der Likud-Fraktion.

Die JR traf Sharren Haskel im Oktober in ihrem Büro in der Knesset.

Jüdische Rundschau:

Im Oktober hat die Knesset nach zweimonatiger Sommerpause ihre regulären Sitzungen wiederaufgenommen. Sie sind im Sommer für den bekannten Likud-Politiker Danny Danon, der zu Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen ernannt wurde, in das Parlament nachgerückt. Wie stellt sich die Arbeit eines Knesset-Mitglieds dar, wie ist der Status als Abgeordnete, wie viele Mitarbeiter haben Sie?  

Sharren Haskel:

Ich beschäftigte zwei Assistenten und man bekommt ein Auto und ein Büro zur Verfügung gestellt. Das ist alles, abgesehen von den Diäten, die an einer Vollzeitbeschäftigung angelehnt sind. Es ist uns verboten, neben dem Mandat in der Knesset noch einer anderen beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Der Zweck dieser Regelung besteht darin, dass ein Knesset-Mitglied all seine Zeit in die parlamentarische Arbeit stecken soll. Außerdem soll politische Arbeit nicht mit beruflichen Dingen vermischt werden.

JR: Was haben Sie vor Ihrem Eintritt in die Knesset gemacht?

Sharren Haskel:

Ich bin gelernte Tierpflegerin und habe in diesem Beruf sechs Jahre lang in Australien gearbeitet bis ich vor 4 Jahren nach Israel zurückkehrte. In den letzten Jahren habe ich allerdings zusammen mit meinem Lebensgefährten in seinem Betrieb gearbeitet. Vor einigen Monaten habe ich dann noch mein Studium in Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen abgeschlossen.

JR: Von außen – durch die Augen vor allem der internationalen Medien – betrachtet erweckt die israelische Politik den Eindruck, sehr um die Themen Sicherheit und Außenpolitik zu kreisen. Ist es Ihrer Einschätzung nach schwierig in Israel, Aufmerksamkeit für andere, vermeintlich „weiche“ Themen, etwa aus den Bereichen Umwelt, Soziales usw., zu generieren? 

Sharren Haskel:

Die Bezeichnung „weiche“ Themen würde ich nicht wählen. Israel als einzige demokratische Insel im gesamten Nahen Osten befindet sich in Konflikten, was der Sicherheitsfrage eine hohe Priorität verschafft. Aber Sicherheit ist mit diversen anderen Themen verbunden, insbesondere mit der Wirtschaft und dem Tourismus. Der Sommer 2014 mit der „Operation Schutzrand“ war ein Beispiel dafür. Generell ist die Außensicht auf Israel durch die Sicherheitsfrage überlagert. Dabei wird dann anderes übersehen, etwa, dass Israel das erste Land auf der Welt war, das im Bereich des Tierschutzes gestopfte Gänseleber verboten hat. Es hängt auch immer mit der jeweiligen Zeit zusammen: Wenn es nicht gerade Sicherheits-Probleme gibt, diskutieren wir alle möglichen Themen.

JR: Selbst Anfang Oktober haben an einer Tierschutzdemonstration in Tel Aviv 10.000 Menschen teilgenommen.  

Sharren Haskel:

Ja, ich war auch dabei zusammen mit einer Gruppe von Likud-Mitgliedern, die sich für Tierrechte einsetzen. In Israel gibt es viele Vegetarier, etwa 10 Prozent der Bevölkerung. Israel ist nicht das einfachste Land zum Aufwachsen. Hier gibt es ein starkes Bewusstsein dafür, was um einen herum passiert, was andere Leute machen, auch Verantwortung zu übernehmen, besonders in der Armee. Dieses Bewusstsein wirkt sich auf die ganze Gesellschaft aus und sensibilisiert für viele Themen, wie etwa Menschen in Not, Frauen- und Tierrechte, Umwelt und Soziales.

JR: Was sind Ihre Ziele für die bevorstehende Zeit?

Sharren Haskel:

Ich werde mich auf drei Themengebiete konzentrieren: 1. Wirtschaft (insbesondere die Nahrungsmittelkosten bzw. Lebenshaltungskosten), 2.Umwelt und Tierrechte und 3. Geschlechter-Gerechtigkeit.

JR: Besonders das letzte der genannten Themengebiete ist ja für eine konservative Partei wie den Likud recht ungewöhnlich, nicht wahr? 

Sharren Haskel:

Die Likud-Fraktion in der Knesset hat schon mal nicht so wenige Frauen, immerhin sieben von 30 Abgeordneten.

Jüdische Rundschau: In welchen Ausschuss werde Sie tätig sein?  

Sharren Haskel:

Ich bin stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Sicherheit und Auswärtige Angelegenheiten.

JR: Wie passt das zu den eben genannten Themen? 

Sharren Haskel:

In der parlamentarischen Kultur Israels ist es nicht notwendigerweise so, dass die Mitgliedschaft in einem Ausschuss auch den persönlichen Politik-Schwerpunkten eines Abgeordneten entsprechen muss. Aber wie ich eingangs schon erwähnte, ist das Thema der Sicherheit ohnehin mit jedem meiner Themen verknüpft. Das ist also kein Widerspruch. Und der Ausschuss ist ein sehr wichtiger, deshalb empfinde ich es auch als eine Ehre, ihm anzugehören. Aber ich bin auch noch Mitglied in drei weiteren Ausschüssen: Dem Technologie- und Wissenschaftsausschuss, dem Ausschuss für Transparenz und Zugang der Öffentlichkeit zu Regierungsinformationen, sowie dem Ausschuss zu Drogen und Alkoholmissbrauch. Damit werde ich ziemlich beschäftigt sein.

JR: Nun sind Sie ein Neuling im politischen, im parlamentarischen System Israels, dazu mit viel Auslandserfahrung. Was denken Sie, könnte Israel, besonders seine Regierung, besser machen, um in der Weltöffentlichkeit auf mehr Akzeptanz und Unterstützung zu treffen? 

Sharren Haskel:

Ich denke, dass die weltweiten Medien und die internationale Staatengemeinschaft die Dinge einseitig betrachten. Es werden leider oft einseitige oder völlig verzerrte Informationen verbreitet. Dem ist Israel aber nicht nur aus dem Ausland ausgesetzt, sondern auch aus dem Inneren, etwa von arabischen Knesset-Mitgliedern, wie sich bei den jüngsten Messer-Attentaten wieder gezeigt hat.

JR: Aber das ist eine übliche Klage, die man von israelischer Seite oft hört.  

Sharren Haskel:

Ja, das stimmt. Es muss mehr getan werden, damit von unserer Seite korrekte Informationen vermittelt werden. Das muss auch institutionalisiert werden, da ist auch jedes einzelne Knesset-Mitglied gefordert. Dann ist es natürlich so, dass von den Medien oft auch die Emotionen angesprochen werden, wenn z.B. ein 19-jähriger Palästinenser oder gar ein Minderjähriger erschossen wird. Das dies im Zusammenhang mit Attentaten geschieht, geht dann leider oft unter. Ich für meinen Teil werde alles tun, was ich tun kann. Mit jeder Zeitung sprechen, jede Bühne nutzen. Ich werde auch anfangen Arabisch lernen, um auch die die arabischen Wähler in Israel ansprechen zu können.

JR: Im Zuge der Messer-Angriffe ist der Eindruck entstanden, die größte Opposition erfährt die israelische Regierung, insbesondere Premierminister Netanjahu, aus seinem eigenen politischen Lager, wenn ich da an Demonstrationen mit dem Ruf nach mehr Siedlungsbau und mehr militärischer Präsenz im Westjordanland vor seiner Residenz denke, an der sogar Regierungsmitglieder teilgenommen haben. 

Sharren Haskel:

Das ist ein Eindruck, den die Medien gerne betonen, selbst, wenn es nur ein oder zwei Mitglieder der Koalition sind, die Netanjahu kritisieren. Die Demonstranten vor der Residenz von Netanjahu unterstützen in Wirklichkeit den Premierminister. Die Zionistische Union als größte Opposition-Fraktion kritisiert die Regierung natürlich. Aber in Zeiten wie diesen rücken in Israel alle enger zusammen.

JR: Dennoch – die Interessengruppen, wie etwa die Siedler, kritisieren die Regierung massiv. 

Sharren Haskel:

Die meisten Siedler sind Teil unserer Agenda, so dass wir auch Ihre Interessen berücksichtigen müssen. Die Siedler in Judäa und Samaria gehen derzeit durch eine schwierige Phase; es gibt jede Woche Angriffe. Deshalb fordern sie mehr Schutz von der Regierung.

JR: Wie stehen Sie zum Verhältnis von Staat und Religion in Israel, wo sehen Sie Reformbedarf?  

Sharren Haskel:

Ich respektiere die jüdische Tradition und bin Teil der jüdischen Kultur. Gleichwohl denke ich nicht, dass der Staat der Anwalt der Religion sein muss. Israel muss noch lernen, Staat und Religion besser zu trennen. Israel ist der Staat des jüdischen Volkes, das Land, in dem Judentum völlig selbstverständlich praktiziert und gelebt werden kann, ohne, dass man sich dafür entschuldigen muss.

JR: Welche Rolle soll der Staat im Verhältnis zur Religion einnehmen? 

Sharren Haskel:

Der Staat kann Religion bzw. religiöse Institutionen durchaus unterstützen. Aber für die Bürger Israels muss es freiwillig sein, ob sie religiöse Angebote wahrnehmen oder nicht. Das betrifft insbesondere die Frage der Eheschließung, die bisher nur auf religiöse Weise, also durch eine religiöse Institution, möglich ist. Hier benötigen wir eine Reform, die Religiöse und Nicht-Religiöse nicht gegeneinander ausspielt, aber dazu führt, dass für Menschen, die keine religiöse Eheschließung wünschen, eine Alternative angeboten wird. Bisher müssen Menschen, die einen nicht-jüdischen Partner heiraten wollen oder schlicht nicht an einer religiösen Eheschließung interessiert sind, im Ausland heiraten. Das halte ich für problematisch.

JR: In einem Artikel über Sie hieß es, Sie seien eine „moderate Likudnik“. Was bedeutet das?

Sharren Haskel:

Ich würde mich als wirtschaftsnahe, rechtsstehende Zionistin betrachten in Abgrenzung zu religiösen Zionisten. Der Zionismus hat ja säkulare Wurzeln, im Vordergrund sollte der Aufbau, die weitere Besiedlung des Landes stehen, im Negev, im Norden, auch in Judäa und Samaria.

JR: Könnte diese Entwicklung, insbesondere das Bauen im Westjordanland, auch zu einer Ein-Staaten-Lösung führen, wie es ja in der israelischen Öffentlichkeit von manchen vertreten wird? 

Sharren Haskel:

Ich lehne einen gemeinsamen Staat jedenfalls nicht ab. Es geht natürlich bei jedem Vorschlag um viele Details. Eine jüdische Mehrheit muss auf jeden Fall bewahrt werden, aber das bedeutet nicht, dass Minderheiten nicht dieselben Rechte haben, sogar eine gewisse Autonomie ist möglich. Wie es derzeit aussieht ist die Zwei-Staaten-Lösung unmöglich. Aber ich verstehe auch Premierminister Netanjahu, der zurzeit keine Bewegung will. Wir wissen einfach nicht, wie sich die Dinge entwickeln, auch nicht das regionale Umfeld.

JR: Vielen Dank für das Gespräch! 

Das Gespräch führte Martin Jehle

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