August 4, 2017 – 12 Av 5777
Ein Leben für die Literatur

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Die jüdische Österreicherin Lilly Ungar (96) führt die älteste Bücherei in Kolumbiens Hauptstadt Bogota.  

Von Tobias Käufer (Bogota)

Von ihrem Platz aus hat Lilly Ungar einen hervorragenden Blick über die ganze „Libreria Central“. Aus einem grünen Sessel heraus steuert sie das Geschehen in Bogotas ältester Bibliothek, empfängt Gäste und freut sich über den Plausch mit den Stammkunden. Um sie herum: Zehntausende Bücher, Zeitschriften und Nachschlagewerke. Und eine alte Schreibmaschine. Auch für eine kleine Galerie für Ausstellungen kolumbianischer und internationaler Künstler ist Platz. Für Stammgäste hält sie stets eine kleine Schale mit selbstgeschnittenen Apfelstreifen bereit. „Das Spannendste an meinem Beruf sind die Gespräche mit den Menschen, denn es sind ausschließlich intelligente Kunden, die ich habe. Dumme gehen nun einmal nicht in die Bibliothek“, sagt die heute 96 Jahre alte Frau mit selbstbewusster Stimme.

Vor fast 80 Jahren floh sie vor den Nazis nach Kolumbien, als Hitler den Anschluss Österreichs durchsetzen konnte. „Was die Nazis den Juden angetan haben, kann man nie wieder gutmachen“, sagt Ungar heute. Damals war sie noch Jüdin, inzwischen aber hat sie der Glaube verlassen. Heute ist sie Atheistin. „Ich glaube an ein höheres Wesen, aber ein wirklich allmächtiger Gott hätte nie zugelassen, dass sechseinhalb Millionen Juden getötet werden.“ Trotz der Verbrechen der Nazis reiste sie nach dem Untergang des Dritten Reiches immer wieder nach Österreich zurück, stieg lange Jahre immer im gleichen Hotel in Wien ab und besuchte Freunde und Bekannte: „Heimat bleibt Heimat, aber Kolumbien ist mein Zuhause“.

Die Kolumbianer haben sie freundlich aufgenommen
Mit dem Zug ging es in den Vorkriegswirren nach Rotterdam, dann per Schiff in drei Wochen nach Südamerika. Noch an Bord lernte sie ihre ersten Wörter in spanischer Sprache. In der kleinen Hafenstadt Puerto Colombia angekommen, konnte sie schon ein paar Brocken: „Der Bücher sei Dank.“ In Kolumbien wurde sie von ihrem Bruder empfangen, das erleichterte den Anfang. „Die Kolumbianer haben uns mit offenen Herzen aufgenommen. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir nicht willkommen waren.“ Das südamerikanische Land war weltweit eines der wenigen, die damals noch Visa an jüdische Flüchtlinge ausstellte.

Lilly Bleyer, wie sie damals hieß, lernte dann schnell ihren künftigen Mann Hans kennen. Der war ein wahrer Büchernarr, und als er vor ein paar Jahren starb, umfasste seine Privatsammlung 26.000 Bücher. Die Buchhandlung wurde 1926 vom mexikanischen Dichter Gilberto Owen gegründet, vier Jahre später übernahm sie der Österreicher Pablo Wolf. Bei eben diesem Pablo Wolf fing Hans Ungar einst an zu arbeiten. Dann ergab sich 1946 die Möglichkeit, den Buchladen selbst zu übernehmen. Und die Erfolgsgeschichte der „Zentralen Buchhandlung“ begann. Schnell wurde die exotische Buchhandlung zu einem Künstler- und Intellektuellentreff. Sogar kolumbianische Präsidenten gingen ein und aus: „Weil wir die einzigen waren, die ausländische Bücher führten.“ – und weil Hans Ungar leidenschaftlich gern diskutierte, während Lilly den Laden zusammenhielt. Debattiert wurde über die aktuelle Politik oder über Biographien. „Ein gutes Buch muss das Interesse des Lesers wecken und ihn fesseln.“ Lilly Ungar hat sich bis heute die Begeisterung für diese Bücher über Politisches Zeitgeschehen und Geschichte erhalten.

Inzwischen macht der Buchhandlung die digitale Konkurrenz zu schaffen. Es arbeiten nicht mehr 60 Mitarbeiter wie früher in verschiedenen Läden. (…)

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