„Adath Israel“ – ein offizieller Gegenbesuch aus Havanna  

Von Yehudit de Toledo Gruber

„Besuch“ liest sich ja erst einmal sehr einfach und heutzutage auch irgendwie selbstverständlich. Doch an diesem offiziellen Besuch des Vorsitzenden der einzigen jüdisch-orthodoxen Gemeinde „Adath Israel“ auf Kuba, war nichts selbstverständlich, geschweige denn einfach.

Nach unserer IKG-Mizwa im November für diese hilfesuchende Gemeinde, als ich mit Kantor Nikola David nach Havanna geflogen war, hatte ich nun den Wunsch, Señor Salomón Susi Sarfati unsere Stadt und unsere schöne Gemeinde „Ohel Jakob“ präsentieren zu können. Nach einem beratenden Gespräch mit unserer Präsidentin, Frau Dr. Charlotte Knobloch, und ihrem Einverständnis, kontaktierte ich schriftlich als erstes die deutsche Botschaft in Havanna. Ich wollte wissen, wie und ob es mittlerweile überhaupt möglich wäre, einen kubanischen Juden offiziell nach Deutschland einladen zu dürfen. Aber die Auflagen und Bedingungen waren immer noch dermaßen hoch, ja fast unerfüllbar, dass ich zurückschreckte.

Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben und fragte in vielen Schreiben immer wieder nach, ob man nicht doch noch eine Ausnahme-Klausel finden könnte für eine Visa-Erleichterung. Und weil ich glaubhaft darlegen konnte, dass wir schon seit 2005 mit der kubanischen jüdischen Gemeinde „Adath Israel“ im Kontakt standen, teilte mir im Februar 2016 die deutsche Konsulin mit, dass sie eine „vereinfachte“ Möglichkeit einer Einladung sähe, wenn ich einige Grundbedingungen erfüllte:

Als erstes eine offizielle Einladung auf IKG-Briefpapier von unserer Präsidentin, dazu die Kopie eines bestätigten Flugtickets für den Vorsitzenden von „Adath Israel“. Des Weiteren eine schriftliche Versicherung für das vollkommene Aufkommen und Betreuen unseres kubanischen Gastes in München sowie seinen vorherigen Abschluss einer Auslands-Krankenversicherung für den Aufenthalt in Deutschland. Von beiden Seiten sollte zudem ein Schreiben präsentiert werden, in welchem nachvollziehbar dargelegt wird, was die Gründe und Wünsche unseres erstmaligen Zusammentreffens hier in Deutschland sein sollten. Wir einigten uns auf „einen kulturellen und religiösen Gedanken- und Ideenaustausch“, was von der Visa-Abteilung der Deutschen Botschaft angenommen wurde. Außerdem teilte mir die Konsulin später mit, dass man selbst sehr am Zustandekommen dieses interessanten, erstmaligen Zusammentreffens interessiert sei und uns deshalb die hohen Visa-Antragskosten schenken wolle. Mit dieser wunderbaren Botschaft ging ich zu unserer Präsidentin und bat sie um die erforderliche offizielle Einladung, welche sodann auch direkt nach Havanna gesandt wurde.

Ich richtete unterdessen auf einer Münchener Bank ein offizielles Spenden-Konto ein und verfasste dazu ein erklärendes Schreiben, da ich nun sehr zügig Geld brauchte. Denn vor allem wartete die Visa-Abteilung in Havanna auf die Bestätigung eines Flugtickets für Salomón Susi Sarfati. Mittels meines ständigen Email-Kontaktes mit ihm hatte ich viele wichtige Umstände, Daten und Fakten bezüglich seines Besuches hier in Deutschland abzuklären. Vor allem den Zeitpunkt seines Besuches.
Wir einigten uns auf die Woche vom 14. bis 21. September 2016 um davor genügend Zeit für alle notwendigen Vorbereitungen zu haben und um die Spenden sammeln zu können. Eine Freundin lieh mir als erstes die kompletten 1000 Euro für das Flugticket Havanna-Frankfurt-München und wieder zurück, damit ich sofort buchen und die geforderte Buchungsbestätigung an die Konsulin nach Havanna senden konnte. Den preiswertesten Flug bot schon im Frühjahr „Condor“ an, weshalb ich schon deshalb an einer schnellen Buchung interessiert war. Außerdem recherchierte ich für Señor Susi Sarfati nach dem Büro für seine Auslandskrankenversicherung in Havanna, da ihm und „Adath Israel“ in Kuba leider kein Internet zur Verfügung steht. Übrigens ist auch die Internetseite von „Adath Israel“ im Internet veraltet. Die Seite kann leider nur von einem kanadischen Team aktualisiert werden, wofür noch keine Devisen vorhanden sind. Als fast alles schon perfekt schien, brach plötzlich der E-Mail-Kontakt mit der uns so behilflichen, netten Konsulin in Havanna ab.

Statt ihrer hatte ich es jetzt mit einem wortkargen, desinteressierten und unfreundlichen Vertreter zu tun, der plötzlich nicht nur alles in Frage stellte, sondern auch meinte, er habe gar keine Unterlagen mehr und wir sollten alles noch einmal zusammenstellen und nach Havanna senden. Mein Schreck war groß, zumal ich es mir nicht zusammenreimen konnte, weshalb uns so plötzlich die Konsulin nicht mehr zur Verfügung stand. Es musste einen triftigen Grund geben, den ich herausfinden wollte. Per Internet recherchierte ich lange und stieß dabei eher zufällig auf ein Kinderhilfsprojekt in Berlin mit dem ungewöhnlichen ungarischen Familiennamen der Konsulin. Dazu eine Telefonnummer. Ich zögerte eine Weile und rief dann an. Es meldete sich – die Mutter, welche sich geduldig meine Sorgen und Nachfragen anhörte und mir sofort weiterhalf. Denn wenige Stunden später erhielt ich eine private E-Mail der Konsulin und ihre Erklärung, dass sie sich während der Arbeit ein Bein gebrochen habe, aber bald wieder in ihrem Büro sei und ich mir wegen ihrer muffigen Vertretung keine Sorgen machen solle. Sie habe alles schon vorbereitet. Mir fiel ein dicker Stein vom Herzen. Langsam füllte sich auch das Spendenkonto, ich organisierte mir ein kleines Unterstützer-Team, eine nette Unterkunft für unseren Gast inklusive Verköstigung im Haus von Peter Hertz, allerdings außerhalb des Münchener Zentrums und stellte einen Ablauf- und Kulturplan zusammen.

Ich organisierte zwei besondere Kidduschim in unserem Gemeinderestaurant „Einstein“ und informierte auch unsere Gemeinderabbiner Raw Brodmann und Raw Horowitz, die Kulturchefin Frau Presser, unsere Religionslehrerin Frau Rychlá und erhielt sehr große Unterstützung seitens der Präsidentin der B´nai-Brit-Loge, Frau Kaminski. Sie bat mich dafür zu sorgen, dass unser Gast einen Vortag hält über Kuba und das jüdische Leben dort. Da Salomón Susi Sarfati nicht nur der Präsident von „Adath Israel“ ist, sondern auch ein recht bekannter Schriftsteller in seinem Land, war er besonders prädestiniert und später auch bereit über sein Land zu berichten und zahlreiche Fragen der interessierten Besucher in den Räumlichkeiten der B´nai-Brit-Loge zu beantworten. Als Dolmetscher stellte sich zu meiner Entlastung der Argentinier Daniel Salzer zur Verfügung.

Mit Spannung warteten wir also am 15. September in der Ankunftshalle des Münchener Flughafens und holten Señor Susi Sarfati ab, brachten ihn nach Vaterstetten in seine Wohnung und genossen das erste gemeinsame köstliche Abendessen. Da unser Gast leider weder Englisch noch Deutsch beherrscht, fungierte ich als Dolmetscherin und schenkte ihm als erstes ein dickes Wörterbuch. Aber die beiden, Herr Susi Sarfati und sein Gastgeber Peter Hertz kamen auch ohne Spanisch gut zurecht. In der nun folgenden Woche zeigten wir Señor Susi Sarfati unsere Gemeinde, viele Sehenswürdigkeiten Münchens und vor allem auch das Konzentrationslager in Dachau. Unsere Präsidentin lud den Präsidenten von „Adath Israel“ und ausgewählte Mitglieder unserer Gemeinde nach dem G´ttesdienst am Kabbalat Schabbat in unserem Restaurant zu einem sehr festlichen, würdigen Kiddusch ein. Die Zeremonie gestaltete unsere Lehrerin Frau Michaela Rychlá. Ein weiterer Höhepunkt war nicht nur der Sonntags-Ausflug in die Berge mit dem Auto unseres Freundes Marcel Bruck. Wir durften zudem auch anwesend sein bei der bemerkenswerten Einweihung einer privaten Synagoge des Ehepaares Schilling in Kiefersfelden unter der Anwesenheit unserer
Präsidentin, unserer Rabbiner, unseres Kantors aus Israel und vieler angereister Gäste.

Unser kubanischer Gast erlebte mit seinen jüdischen deutschen Freunden hier in München und Oberbayern sehr dichte, erlebnisreiche Tage und war außerordentlich gerührt über unsere großzügige Gastfreundschaft. Wir machten viele Fotos und brachten unseren Gast am 21. September zurück zum Flughafen, wo er schweren Herzens Abschied nahm. Er wird viel zu berichten haben in seiner Gemeinde in Havanna, die aus 120 Familien besteht – und vor allem mit dazu beitragen, dass unsere freundschaftlichen Kontakte nicht nur erhalten bleiben, sondern noch vertieft werden. Ein großer und wichtiger Anfang wurde nun gemacht.

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