Ein Interview mit Dr. Michael Chaim Vogt-Moykopf aus Kochav Jaakov  

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Du lebst in Kochav Jaakov östlich von Jerusalem. Wie bist du hierhergekommen?

Vogt-Moykopf: Im August 2010 haben wir Alija gemacht. Wir sind von Kanada aus eingewandert. Von Ottawa direkt nach Kochav Jaakov. Geboren bin ich in Deutschland, habe dort auch etliche Jahre gelebt und gearbeitet. Doch waren alle Länder, deren Staatsangehörigkeit ich besitze, immer nur Zwischenstationen. Israel war für mich als Jude das einzige Land zum Ankommen und Dableiben. Israel ist der einzige Staat, den wir Juden haben. Dennoch, mein Verhältnis zu ihm ist im Wesentlichen ein pragmatisches wie auch zum kanadischen, zum deutschen, zum französischen Staat. Es gibt Dinge, die mir gefallen und Dinge, die mir missfallen. Es gibt also keine bedingungslose Liebe. Vielleicht ist dieses Wort im Zusammenhang mit einer politischen Ordnung überhaupt unangebracht. Nicht so das „Land Israel“ oder Eretz Israel wie wir auf Hebräisch sagen. Ich liebe dieses Land. Es ist für mich unvergänglich. Eine unverhandelbare Größe. Nach diesem Stück Land habe ich mich gesehnt.

Ich war oft in Israel. Manchmal zweimal im Jahr. Aus der Einwanderung wurde jedoch lange nichts. Aus den verschiedensten Gründen. Nachdem meine Frau, die aus Montreal kommt, eine schlimme Erfahrung antisemitischer Diskriminierung an ihrem Arbeitsplatz durchmachen musste, war es schließlich so weit. Im Mai 2010 sagte sie mir, ich will weg, nach Hause. Da habe ich mich auf die Suche nach einem Ort begeben, der in der Nähe von Jerusalem liegt, auf dem Land. Wir wollten keine Großstadt. Wir wollten etwas Neues. Wir wollten die Berge, das trockene Klima, relative Ruhe, überschaubare Strukturen. Wir wollten einen Ort mit heterogener Bevölkerungsstruktur. Wir wollten auch einen Ort, in dem man Französisch spricht. Damit unser Junge, der auf eine englischsprachige jüdische Schule ging, seine Sprachkenntnisse halten kann. In Kochav Jaakov hat etwa 40 % der Bevölkerung Französisch als Muttersprache, 10 % bis 15 % Englisch. Irgendwann bin ich auf der Webseite von Kochav Jaakov gelandet, habe mir Fotos und Videoclips angeschaut, Leute angerufen, die Infos mit der Familie geteilt und der Rest ist Geschichte.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was gefällt dir an diesem Ort? Willst du bleiben oder betrachtest du diesen Ort als provisorisch?

Vogt-Moykopf: Was ich hier besonders mag, ist die Schönheit der kargen, sperrigen Berglandschaft, die mir nach Osten den einzigartigen Blick zum Gebirge Moab, manchmal sogar bis zum Toten Meer freigibt. Fast immer setzen spät nachmittags heftige, meist frische Winde ein, wodurch die Temperatur auf ein angenehmes Niveau runtergeht. Das ist die schönste Zeit, um die Landschaft zu erkunden und spazieren zu gehen.

Wohltuend ist auch, unser Leben nach jüdischem Recht und Gebräuchen leben zu können. In Deutschland ist es mir unangenehm, als Jude identifiziert zu werden. Auf der Straße vertausche ich meine Kippa immer mit einem Barett. In Frankreich, besonders in Paris, ist es sogar lebensgefährlich geworden, als Jude erkannt zu werden. Selbst in Kanada, vor allem an der Uni, musste ich ständig erklären, wie ein moderner und aufgeschlossener Mensch dazu kommt, sich diesen, wie es hieß, mittelalterlichen, unzeitgemäßen Gebräuchen zu unterwerfen. Hier in Israel habe ich bisher nichts dergleichen gehört. Ich kann ein jüdisches Leben führen. Kochav Jaakov ist eine Ortschaft, in der nur observante Juden leben. Das Leben ist einfach und ländlich, die Häuser schlicht, die Straßen holprig, die Autos verbeult. Morgens krähen die Hähne, abends schreien die Esel, dazwischen das ewige Gebell meist streunender Hunde. Gebetet wurde bisher hauptsächlich in den Luftschutzbunkern, die zur Synagoge umfunktioniert sind. Erst vor kurzem ist der zentrale Synagogenkomplex fertig geworden. Der Jeschuw ist sehr jung. Überall spielen Kinder. Fünf, sechs sieben Kinder pro Familie sind keine Seltenheit. Ihnen gehört die Straße. Wenn ich abends durch die Hügel bis zur Militärbasis wandere, stolpere ich an den abgelegensten Stellen über Kinder. Neulich gab es einen Riesenaufruhr als herauskam, dass einige Jugendliche den neuen Wasserturm heimlich als Schwimmbad nutzen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Lebt es sich anders in diesem Ort als in den Orten innerhalb der grünen Grenze? Siehst du kulturelle Unterschiede, andere Lebensgewohnheiten?

Vogt-Moykopf: Es gibt Unterschiede. Etwa die Art sich zu kleiden. Vielleicht kann man sogar von einer „Siedlermode“ sprechen. Doch dann darf nicht vergessen werden, dass sich viele Leute auch anders kleiden. Wie ich etwa (lacht). Die verheirateten Frauen tragen, was ich einen Kopfwickel nenne: ein meist üppiges, kunstvoll gebundenes Kopftuch. Das so gewickelte Haupthaar reicht weit nach hinten, verleiht dem Kopf etwas Erhabenes, Stolzes. Die Kopftücher werden oft in Bat-Ayin-Läden erstanden, die diesen Stil stark geprägt haben: flower-power, farbenfroh, fraulich, frei. Eine israelische Neuauflage von Hippie-Outfit, vermischt mit den spezifisch jüdischen Elementen der sogenannten Habakuk-Kultur, also den Traditionen der Chabad-, Rav-Kook-, Breslav- und Carlebach-Gemeinden. Bat-Ayin ist ein kleines, idyllisch gelegenes Dorf, das zum Gusch-Etzion-Block gehört. Eine Frau von dort ist die Schöpferin der gleichnamigen Mode, von der sich die meisten Jüdinnen in Jehuda und Schomron inspirieren lassen. Es überwiegen farbenprächtige, lose übereinander geworfene Naturstoffe mit Blumenmotiven. Die Röcke reichen meistens bis zu den Knöcheln, mindestens bis zu den Knien. Faltenwurf und Lagenlook sind die Regel. Auffällig sind auch die schweren, bis zu den Knien reichenden Lederstiefel, die aus dem Schrank geholt werden, sobald die Regenzeit einsetzt. Im Sommer tragen sie Naot-Sandalen, israelische Birkenstock. Frauen mit französischem Kulturhintergrund, auch die sogenannten Pieds-Noirs aus dem Maghreb kleiden sich sorgfältig, bisweilen ausgesprochen elegant, während die nordamerikanischen Jüdinnen kaum Wert auf das Aussehen legen und sich auch selten schminken. Die hier geborenen Frauen liegen in etwa dazwischen...

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Und die Männer?

Vogt-Moykopf: Die Männer laufen in Jeans mit wehenden Zitzit, das Hemd fast immer aus der Hose, die Füße meist strumpflos in Sandalen, auf dem Kopf ein gestricktes, eher zierliches Baumwollkäppchen in allen denkbaren Farben oder eine massige, den halben Schädel bedeckende Wollkippa. Häufig sind auch die strahlend weißen Breslav-Zipfelkippas zu sehen. Jugendliche, die mit einem Bein außerhalb der Tradition stehen und nach den amerikanischen Subkulturen in Tel Aviv schielen, haben oft nur noch Minikippas oder medaillengroße Scheinkippas, die sie sich möglichst unauffällig an den Hinterkopf stecken. Sie bilden Cliquen und lungern bis spät nachts auf den Plätzen herum, rauchen, scherzen, treiben Unfug. Sie pöbeln einen jedoch nicht an. Ich bin noch nie angemacht worden und habe auch nichts dergleichen gehört. Diese Beobachtung ist mir wichtig, weil ich damit sagen will, dass von jüdischer Seite keine Angst erzeugt wird, ganz gleich wo wir sozial, politisch und kulturell stehen. Das ist jenseits der grünen Linie anders. Da ist die Toleranzschwelle bei Jugendlichen deutlich niedriger.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wo siehst du noch Unterschiede?

Vogt-Moykopf: Alles ist etwas wilder, weniger geordnet. Viele Leute hier sind sehr naturverbunden, kaufen nur in alternativen Läden ein, halten sich Hühner, Gänse, Ziegen, bauen ihr eigenes Gemüse an, experimentieren mit der Herstellung von Bionahrungsmitteln. Ein Bekannter braut sein eigenes Bier. Keine Ballerbrühe, sondern wirklich guten Stoff. Ein anderer macht seinen eigenen Wein im Wellblechschuppen. Meiner Wahrnehmung nach ist ein großer Teil israelischer Ökokultur in Judäa und Samaria beheimatet. Im Ausland denkt man bei israelischer Alternativszene an die israelische Friedensbewegung, das heißt an Organisationen wie etwa Schalom Achschav, Yesh Gvul und wie sie alle heißen, die das israelische Establishment bekämpfen und im linken Spektrum angesiedelt sind. Die Grün- und Alternativszene vermutet man in israelischen Städten und ähnlich politisiert wie die deutsche. Das ist jedoch falsch.

Israel ist ein extrem technologieorientiertes Land, den Deutschen in der Computerisierung weit voraus. Das geht leider oft zu Lasten der Umwelt. Umwelt und Gesundheit werden bis heute stiefmütterlich behandelt. Im Privaten wie in der Politik. Das Bewusstsein ist einfach nicht da, aus Gründen, auf die ich hier nicht eingehen kann. In den ländlich strukturierten Gebieten ist das anders. Da haben sich Initiativen etabliert, die diesem Status quo gegensteuern. Das rührt aus der täglichen Konfrontation mit Umweltverbrechen, die unter die Haut gehen. Stichwort wilde Müllentsorgung. In den israelischen Großstädten gibt es das Gott sei Dank nicht mehr. Hier ist es ein Megaproblem.

Wenn Leute Asthmaanfälle wegen der Müllbrände in den benachbarten arabischen Gemeinden bekommen, werden sie sensibilisiert. Das sorgt dann nicht nur für Gesprächsstoff, sondern ist der Anfang einer Kette von Reaktionen, vom Auffüllen der Wissenslücken bis hin zur Aktionsbereitschaft. Ein weiterer Unterschied ist die starke Verbundenheit mit dem Land, die jedem Vandalismus trotzt. Ich kenne jemanden, dem jedes Jahr ein Teil seiner Weinberge zerstört wird. Weinstöcke werden ausgerissen, Setzlinge niedergetrampelt, das Bewässerungssystem zerschnitten. Er fängt immer wieder von vorn an. Dasselbe mit den Wäldern. Jedes Jahr werden ungezählte Brände entfacht. Auch hier vor der eigenen Haustür. Manchmal ist es Unachtsamkeit, manchmal sind es Kinder, meist jedoch Araber. Sie benutzen das Abfackeln von Bäumen und Steppen als politische Waffe. Dann wird halt wieder aufgeforstet, nicht nur von staatlicher Seite. (…)

(Auszug aus einem Interview von Cham Noll, der Geschichten vor allem deutschsprachiger jüdischer Siedler in Judäa und Samaria sammelt. Er plant diese Geschichten in naher Zukunft als Buch zu veröffentlichen.)