September 9, 2016 – 6 Elul 5776
„Ehrwürdige Monstrums, süße wilde Juden“

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Die Malerin Else Lasker-Schüler  

Von Dr. Joseph Heid

„Meine Bilder sind hier ausgestellt – Ehrwürdige Monstrums, süße wilde Juden – kommen Sie bitte sofort“. So forderte Else Lasker-Schüler (1869-1945) ihren Brieffreund Karl Kraus im Dezember 1915 ultimativ auf, ihre Ausstellung in Berlin zu besuchen. Mag sein, dass sie vermeinte, ihre Bilder und Zeichnungen würden nicht hinreichend gewürdigt, blieben hinter ihrem schriftstellerischen Werk zurück. Richtig ist, dass ihr zeichnerisches Werk zu ihren Lebzeiten nicht die Beachtung und Würdigung erfahren haben, das es verdient. Sie selbst begriff sich indes immer als Künstlerin, der Schreiben, Zeichnen, Dichten ein und derselbe Akt war. „Meine beiden Begleiterinnen, die Dichtung und die Malerei“.

Als sie 1894 nach Berlin kam, hatte Else Lasker-Schüler schnell Kontakt zu Künstler- und Bohémekreisen gesucht, schreibend und zeichnend erste künstlerische Positionen erprobt. Sie hatte einige Jahre Zeichenunterricht genommen, unterhielt ein Atelier, tauschte sich mit erfahrenen Künstlern aus, aber um 1900 hatte ihre zweite Begabung, das Dichten, das größere Gewicht bekommen.

Um die Jahrhundertwende, da war sie 30, schrieb sie an ihre Schwester: „Ich habe jetzt schönen Kreis. Ich hätte mit 17 Jahren nach B. kommen müssen, ständen die Sachen heute anders“. Sie gab sich für jünger aus und verbreitete, sie sei mit 14 zum Studium der Malerei nach Paris gegangen, mit 18 nach Berlin. Dabei brauchte ihr wirkliches Leben kaum bohemisiert zu werden, so wie sie in der deutschen Kulturhauptstadt unterwegs war.

Was für eine Frau, was für eine Ausstrahlung! Im Jahre 1919/20 erschien im Verlag Paul Cassirer „Der Malik. Eine Kaisergeschichte mit Bildern und Zeichnungen“. In diesem „dynastischen“ Briefroman gibt es vier Personen: Else Lasker-Schüler, der „Prinz Jussuf“ in seinem Reich Theben, und Franz Marc, der „Blaue Reiter“. Marc und die Lasker-Schüler verband seit 1913 eine einzigartige Künstlerfreundschaft, die sich in den führenden Zeitschriften des Expressionismus niederschlug. Jussuf war das synthetische Produkt jüdischer, islamischer, christlicher und altägyptischer Bezüge, das sie „als Idee, als Leitmotiv, als Inner- und außerliterarische Spielfigur“ einsetzte.

Als Dichterin war sie in Berlin tonangebend. Die erste Veröffentlichung von Lasker-Schülers „Weltende“ geht auf das Jahr 1903 zurück, und damit gab sie sozusagen den „Startschuss“ für den Expressionismus. Die großartigen ersten Zeilen lauten: „Es ist ein Weinen in der Welt,/ als ob der liebe Gott gestorben wär,/ und der bleierne Schatten, der niederfällt,/ lastet grabesschwer.“

Else Lasker-Schüler ist allzu lange nicht in ihrem eigenständigen bildnerischen Schaffen, sondern vor allem als Schriftstellerin („Arthur Aronymus“), Lyrikerin („Hebräische Balladen“; „Mein blaues Klavier“) oder Dramatikerin wahrgenommen worden. Dabei ist sie, wie bislang wenig bekannt, als Zeichnerin und Illustratorin ihrer eigenen Texte eine herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne.

Viele ihre Werke sind nie öffentlich gezeigt worden, waren bisher unbekannt. Eine eigene Phantasiewelt scheint auf, die Welt des „Jussuf, des Prinzen von Theben – ihr Alter Ego. Orientalismus spielte in ihrem Werk eine wichtige Rolle. Und wer sich auf sie einlässt, kommt nicht an der Frage nach ihrer Identität vorbei. Wer war sie wirklich: Die aus Wuppertal-Elberfeld stammende, in Berlin ihr künstlerischen Glück suchende Bürgertochter oder war sie tatsächlich der verzauberte „Jussuf aus Egypten“, der in seine eigene Welt flüchtete? (…)

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