März 4, 2016 – 24 Adar A 5776
Dunja Hayali und andere ignorante Journalisten

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Die falschen Karten vom „Palästinensischen Landverlust“ kursieren wieder.  

Von Attila Teri

Für viel Aufsehen sorgte Dunja Hayali mit ihrer Dankesrede, nachdem sie die „Goldene Kamera“ für ihre politische Berichterstattung erhalten hatte. Ich muss zugeben, ihre Worte haben auch mich tief berührt. Ihren Ausführungen kann ich nur bedingungslos beipflichten. Denn das, was inzwischen in Deutschland unter freier Meinungsäußerung verstanden wird, ähnelt oft eher einer Jagd auf alle, die nicht die Meinung der jeweiligen Betrachter teilen. Es ist kaum noch möglich eine vernünftige Diskussion, geschweige denn ein Streitgespräch zu führen. Andere mit Dreck zu bewerfen scheint der neue deutsche Volkssport zu sein. Ich finde es richtig und wichtig, dass sie ihre Stimme erhebt und deutlich artikuliert, was uns, die sich nicht von der Pogromstimmung verleiten lassen, bewegt!

Und genau aus diesem Grunde traf es mich umso härter, als nach ihrer fulminanten Rede ein Facebook-Posting von Frau Hayali vom Sommer 2014, aus der Zeit während des letzten Gaza-Krieges, wieder die Runde machte. Frau Hayali hatte die altbekannte, oft und gern von Antiisrael-Aktivisten benutzte und gefälschte Landkarte über den „Landverlust der Palästinenser“ geteilt. Auf die Karte möchte ich hier nicht weiter eingehen – wer die Fakten dazu wissen möchte, muss lediglich den Artikel „Ein Poker mit falschen Karten“ aus der Mai-Ausgabe 2015 der JÜDISCHEN RUNDSCHAU lesen. Genauso wenig möchte ich auf Dunja Hayali eindreschen. Sie hat in den letzten Wochen schon genug abbekommen.

Auch viele angebliche „Israel-Freunde“ haben sie mit Hasskommentaren überzogen, die bei mir eher den Eindruck erwecken, es sind mehr oder minder lupenreine Rassisten, für die wir Juden als eine Art Alibi dienen. „Wir stehen hinter Israel, also können wir gar keine Rassisten sein!“ Nett – nur etwas unglaubwürdig. Zweifelsohne hat Dunja Hayali einen Bock geschossen, aber zumindest ich bin davon überzeugt, dass sie keine Antisemitin ist. Sie hat sich entschuldigt und beteuert, dass sie gerne in Israel Urlaub mache.

Doch ob Frau Hayali Antisemitin ist oder nicht, ist gar nicht der Kern der Debatte. Mich beschäftigt viel mehr die Frage, warum eine gestandene Kollegin und öffentliche Person „Copy-Paste-Journalismus“ betreibt, indem sie eine falsche Landkarte veröffentlicht, und sei es wider besseres Wissen. Wer als seriöse Journalistin wahrgenommen werden möchte, sollte dementsprechend agieren und sich nicht wundern, wenn ihr die eigenen falschen Behauptungen um die Ohren fliegen.

Das gilt jedoch auch für den Rest unserer Zunft. Unbelehrbare Exemplare wie unseren alten „Freund“ Jakob Augstein (er will nicht einmal nach Israel reisen, um sich ein eigenes Bild zu machen von dem Land, über das er so gerne schreibt) scheinen Angriffe gegen ihn egal zu sein. Kollegen wie Augstein kann niemand „bekehren“, nur ignorieren so weit es eben möglich ist. Auch so richtet er mehr als genug Schaden an. Allerdings ist Augstein kein Einzelfall.

Geht es um den so beliebten „Nahostkonflikt“, gehört es schon lange zum „guten Ton“ deutscher, aber auch internationaler Medien, Fakten zu verdrehen, „palästinensische“ Propaganda zu übernehmen und für alles Israel die Schuld zu geben. An der Wahrheit sind die wenigsten dieser Pressevertreter interessiert. Und nicht nur das. Es wird ganz einfach Stimmung gegen Israel betrieben – ob bewusst oder unbewusst. Eine kleine Auswahl gefällig? Bitteschön:

„Palästinenser bei Attacken erschossen“ – lautet die Schlagzeile der „taz“ vom 17. Februar. Darunter steht dann klein: „Mit Messern, Steinen und Gewehren wurden israelische Soldaten und Polizisten angegriffen. Seit Oktober sind bereits fast 200 Menschen bei Gewaltakten gestorben.“ Am 5. Oktober 2015 schreibt Spiegel Online: „Israel fliegt Angriffe auf Gazastreifen. Die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern nehmen wieder zu. Die israelische Luftwaffe attackierte vergangene Nacht den Gazastreifen – nachdem zuvor von dort eine Rakete abgeschossen worden war.“ Claus Kleber moderiert am 9. Februar im „heute journal“einen Bericht über den erneuten Tunnelbau der Hamas-Terroristen so an: „Das letzte, was die Welt gebrauchen kann, ist ein neuer Krieg im Heiligen Land, im Pulverfass Nahost. Doch stehen die Zeichen leider nicht gut, auch wenn es im Schatten des Syrienkonflikts weniger Aufmerksamkeit bekommt. Nichts und niemand weist zur Zeit einen Ausweg im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern im Westjordanland und vor allem im Gazastreifen. Dort gären Hoffnungslosigkeit, Frustration und Aggression – die explosive Mischung, aus der Kriege entstehen. In Israel, im Grenzgebiet zum Gazastreifen, liegt diese Gefahr nicht nur in der Luft. Man kann sie hören und spüren.“ Immerhin ging es dann in dem Film zumindest um die neue Gefahr, die von diesen Terrortunneln ausgeht. Selten genug.

Damit ich „ausgewogen“ bin, nun noch ein Beispiel aus dem Ausland. Eine gute Freundin diente bei der Pressestelle der israelischen Armee. Nach einem Vorfall erkundigte sich die CNN-Korrespondentin nach den Fakten. Sie gab ihr alle Informationen. Eine Stunde später berichtete die „ehrenwerte“ Kollegin genau das Gegenteil auf CNN.

Und genau hier liegt für mich der Hund begraben. Journalisten wie auch „Normalsterbliche“ verinnerlichen und übernehmen allzu leicht Falschmeldungen, und haben oft keine Ahnung von der Realität vor Ort. Oft ist es vermutlich nicht einmal böse gemeint, aber dennoch gemeingefährlich. Immer wieder erwecken solche Schlagzeilen oder Kommentare den Eindruck, Israel sei der Aggressor und selbst schuld, wenn sich die „armen“ „Palästinenser“ wehren, sie hätten ja sonst nichts zu verlieren. Häufig wird uns Juden Paranoia vorgeworfen. Aber ist das denn so verwunderlich, allein schon aufgrund dieser einseitigen Berichterstattung? Es ist langsam sehr schwer dahinter keine Methode zu vermuten. Oder sind es einfach nur uralte menschliche Reflexe, wonach sich selbsternannte Humanisten aufgrund der Tatsache, dass Israel sich immer wieder erfolgreich wehrt und in der Regel erheblich weniger Juden als Araber ums Leben kommen, mit den vermeintlich Schwächeren solidarisch fühlen? Würden sie mehr Mitgefühl entwickeln, wenn in ihren Augen auch genügend Juden sterben?

Aber es könnte ebenso schlicht und einfach „nur“ latenter Antisemitismus zu dieser scheinheiligen Haltung führen, ohne, dass die von diesem „Virus“ Befallenen es überhaupt wissen. Ich habe keine passende Antwort darauf. Die grenzenlose Ahnungslosigkeit treibt auf jeden Fall des Öfteren seltsame „Blüten“.

Dazu fällt mir eine alte Geschichte ein: Ich drehte 2002 einige Reportagen in Israel. Die „Zweite Intifada“ war in vollem Gange. Dabei berichtete ich auch über einen Anschlag im Kibbuz Metzer, bei dem ein „palästinensischer“ Terrorist fünf Menschen, unter ihnen eine Mutter und ihre zwei kleinen Söhne, ermordet hat. Am Kibbuz angrenzend liegt das israelisch-arabische Dorf Meisar. Um ihre Anteilnahme auszudrücken, kam die gesamte Dorfbevölkerung zur anschließenden Beerdigung der Opfer.

Nach meiner Rückkehr in die Münchener Redaktion fragten mich einige meiner Kollegen und auch der damalige Moderator der Sendung „taff“ verdutzt: „Wie? Es gibt arabische Dörfer in Israel?“ Kein Witz! Als ich ihnen erklärte, dass in Israel über 1,7 Millionen Araber mit allen Rechten und Pflichten eines Staatsbürgers leben, fielen sie fast aus dem Stuhl. Sie konnten schlagartig nur deswegen so viel dazu lernen, weil sie vorher so wenig über dieses journalistisch so ausgiebig beackerte Land wussten!

Genau solche Aha-Effekte, solches Augen-Öffnen täte meinen Kollegen in ganz Deutschland gut. Sie müssen endlich bereit sein dazuzulernen statt Un- oder Halbwahrheiten zu verbreiten, die sie selbst oft gar nicht böswillig verbreiten. Wie hieß es so schön im alten römischen Recht: „Ignorantia legis non excusat!“ – „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!“ Aber warum wird in dem Fall dann immer nur das Opfer der Unwissenheit, nämlich Israel, bestraft?

Journalisten – also Menschen, die anderen Menschen die Welt erklären wollen – legen heutzutage einen erschreckenden Mangel an Bildung an den Tag. Ein Journalist der österreichischen Zeitung „Die Presse“ will am 9. Februar den Fall Hayali erklären und offenbart dabei seine eigene Unwissenheit: „Im Juli 2014 postete sie eine Grafik, die zeigt, wie sich die Gebietsgrenzen von Palästina und Israel zwischen 1946 und 2000 verschoben haben.“ Nein, das zeigen die falschen Karten eben nicht!

1946 beispielsweise hatten weder Araber noch Juden auch nur über einen Flecken Land im heutigen Israel zu bestimmen – es war alles unter britischer Herrschaft. 1947 hatte sich gegenüber 1946 überhaupt nichts geändert – es war immer noch alles britisch. Es gab lediglich auf dem Papier einen nie in die Tat umgesetzten Teilungsplan, der den Arabern viel mehr Land gegeben hätte als sie heute besitzen. Die Araber haben diesen Plan abgelehnt.

Hayali selbst schrieb über die Karte „Im Jahr 2014 wurde die Karte oft geteilt. Für die einen ist sie wahr, für andere nicht.“ Nein, diese Karten sind sachlich falsch und für niemanden wahr! Schließlich ließ Hayali darüber abstimmen, ob sie die anti-israelische Propaganda-Karte auf Facebook stehen lassen solle oder nicht. Nun hat sie die Karten gelöscht.

„Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt noch mal ein Rassist. Fertig. Und das müssen Sie auch ertragen können. ... Seien Sie offen! Bleiben Sie fair! Differenzieren Sie! Wahrheit braucht einfach Zeit.“ – sagte unter anderem Dunja Hayali bei ihrer vielumjubelten Rede. Das gilt auch für sie selbst.

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