Dezember 13, 2016 – 13 Kislev 5777
Dreckig, aber herzlich

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Der jüdische Komiker Oliver Polak startet durch mit seiner neuen Late Night-Talkshow „Applaus und Raus!“.  

Von Jerome Lombard

Der Gegenüber, mit dem man aus irgendwelchen Gründen ins Gespräch gekommen ist, erweist sich als echte Nervensäge. Schon nach kürzester Zeit labert er oder sie nur dummes Zeug. Erzählt in einer nicht zu überbietenden Schamlosigkeit ausschließlich von sich selber. Es ist grauenhaft! Jeder kennt diese Situationen. Sie sind nahezu alltäglich und gehören wohl oder übel zu den Schattenseiten des Lebens. Da muss man einfach durch. Man wurde ja schließlich gut erzogen und die Netiquette gebietet es nun mal nicht, aufzustehen und zu gehen, oder den menschgewordenen Abturner da vor sich einfach fortzuschicken. Oder etwa doch?

Man lasse folgendes Gedankenexperiment zu: In der Jackentasche, praktisch zur Hand, befindet sich ein knallroter Buzzerknopf. Einmal beherzt draufgehauen. Ein schrilles Piepsen! Und schwuppdiwupp muss der ätzende Gesprächspartner den Raum verlassen. Kein Lamento. Keine Diskussion. Hasta la vista. Was für den einen überaus verlockend, für den anderen ziemlich unhöflich und für alle mindestens ganz schön unrealistisch im alltäglichen Gebrauch klingen mag, ist im deutschen Fernsehen jetzt Realität geworden. Findet der Moderator seinen Talk-Show-Gast langweilig, buzzert er ihn kurzentschlossen raus. In der Hoffnung, der nächste möge doch bitte spannender sein. Hand aufs Herz, wie häufig hätten Sie genau das nicht schon mal von der Couch aus während einer der abendlichen Talk-Runden im öffentlich-rechtlichen TV gemacht? Anne Will, Sandra Maischberger und Markus Lanz – das Establishment-Trio der deutschen medialen Gesprächsrunden-Hosts – können von einem Next-Please-Buzzer aber weiterhin nur träumen. Es ist niemand Geringeres als der von Hause aus gelernte Komiker Oliver Polak, der zum Herrn des Buzzers ernannt wurde.

Im November ist seine Late-Night-Talkshow mit dem prägnanten Titel „Applaus und Raus!“ im Privatsender „ProSieben“ angelaufen. Immer montags um 23.15 Uhr empfängt der gebürtige Papenburger die bunt zusammengewürfelten Gesprächspartner für knappe 45 Minuten vor Live-Publikum auf seinem heißen Stuhl. Nicht in einem mausgrauen Studio mit beigen Sofas in Mainz oder Köln, sondern in der urbanen „Baumhaus Bar“ mit hipper lila Neonreklame und Blick aufs Schlesische Tor in Berlin-Kreuzberg. Nicht im dunkelblauen Hosenanzug und offiziöser Krawatte, sondern locker in Adidas-Jacke und stylischen Turnschuhen. Das Konzept des Speed-Talks ist so neu wie kreativ. Die Funktion des Buzzers, der auf Polaks dunklem Talkmaster-Tisch so bedrohlich thront, wurde bereits erwähnt. Wer nervt oder langweilt, wird schnurstracks nachhause geschickt. Und damit nicht der Überraschung genug: Die Gäste sind dem Gastgeber vorher nicht bekannt. Vorschläge von seiner Seite sind verboten. Wer kommt, entscheidet allein die Redaktion. Polak hat keine Ahnung und muss sich ad hoc auf sein Gegenüber einstellen und Gesprächsthemen finden. B-Promis, Freaks, Adlige, Ex-Nazis, israelische Schauspieler, Polaks Mutter – die ersten Folgen haben bereits gezeigt, dass wirklich jeder auf dem Stuhl landen kann. Und nicht selten schneller wieder gehen muss, als ihm oder ihr lieb ist.

Das Konzept ist skurril und durchaus gewagt. Die Gefahr der Beliebigkeit und flacher Locker-Room-Talks durch das Situative in Kombination mit fehlendem Script groß. Das Ganze, von „ProSieben“ als Ersatz für die viele Jahre auf demselben Sendeplatz erfolgreich laufende „TV Total“-Show von Stefan Raab gedacht, könnte ein Flop werden. Wäre da nicht Oliver Polak. Der 40-Jährige ist mit seiner kumpelhaften Art, seiner derben Sprache, seinem Hang zum schonungslosen Dirty-Talk und seinem bestimmt nicht politisch korrekten Humor der richtige Mann für den Job des Buzzer-Talkers. Wenn es mit ihm nichts werden sollte, kann der Sender das Format getrost einstampfen.

Das findet auch ProSieben-Senderchef Daniel Rosemann: „Eine Talkshow wie ‚Applaus und Raus!‘ kennt der deutsche TV-Zuschauer bislang nicht. In dieser Show hat der Gastgeber so viel Macht, dass er seine Gäste sogar aus der Show bitten kann, ehe das Gespräch überhaupt richtig begonnen hat. Oliver Polak sagt sehr direkt, was er denkt, eiert nicht herum. Deswegen ist ‚Applaus und Raus‘ wie für ihn gemacht.“ (…)

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