Zu Gast in einer jiddischen Zeitungsredaktion in Warschau  

 
In Polen hat bis heute eine jüdische Gemeinschaft überlebt. Interessanterweise spricht eine beachtliche Zahl der Mitglieder noch immer die traditionelle Sprache der mittel- und osteuropäischen Juden: Jiddisch. Sie haben diesen besonderen Sprachschatz durch die Jahrhunderte gerettet. Deshalb erscheint auch die einzige Zeitschrift der Juden in unserem Nachbarland auf Polnisch und Jiddisch. Björn Akstinat interviewte für die JÜDISCHE RUNDSCHAU Marek Hause, einen deutschsprachigen Mitarbeiter des Magazins namens „Dos Jidisze Wort/Słowo Żydowskie”.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wann, von wem und warum wurde Ihre Zeitschrift „Dos Jidisze Wort” gegründet?
 
Marek Hause: „Dos Jidisze Wort” (Das Jüdische Wort) hat in Polen eine über siebzigjährige Tradition. 1946 wurde in Lodz dank der polnischen Regierung die Tageszeitung „Folks Sztyme“ (Volksstimme) in jiddischer Sprache gestartet. Nach der Gründung der „Sozialkulturellen Gesellschaft der Juden in Polen“ (TSKŻ – Towarzystwo Społeczno-Kulturalne Żydów w Polsce) wurde die Zeitung von der Gesellschaft in Warschau weiter betrieben. In den 1960er Jahren entstand ein zusätzlicher Teil der Zeitung auf Polnisch. Aufgrund der Judenvertreibung und Verkleinerung der Leserschaft musste die einzige jiddischsprachige Zeitung Polens ab 1968 auf einen wöchentlichen Erscheinungsrhythmus umgestellt werden. Nach dem Ende des Kommunismus änderte sie ihren Namen 1991 zu „Dos Jidisze Wort/Słowo Żydowskie”. Ab diesem Zeitpunkt erschien sie alle zwei Wochen und wurde hauptsächlich auf Polnisch verfasst. Seit 2002 kommt die zweisprachige Zeitschrift einmal im Monat in Warschau heraus. Der jiddische Anteil beträgt gegenwärtig etwa 30 %. Ihr Chefredakteur ist Artur Hofman, der zugleich auch der Vorsitzende der Gesellschaft TSKŻ ist.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Warum enthält Ihre Zeitschrift bis heute einen großen Teil in jiddischer Sprache?
 
Marek Hause: Unsere Zeitschrift wird weltweit abonniert und in einem Teil der Gemeinden spielt Jiddisch als Teil der jüdischen Kultur weiterhin eine große Rolle.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Worüber berichten Sie in jiddischer Sprache?
 
Marek Hause: Der Inhalt des jiddischsprachigen Abschnitts unterscheidet sich vom polnischen Teil der Zeitschrift. Doch thematisch gesehen berichten beide Teile über das jüdische Leben in Polen und über das Judentum in der Welt. Der jiddische Teil verfügt noch zusätzlich über eine Rubrik mit Poesie.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie viele jiddische Muttersprachler gibt es noch in Polen?
 
Marek Hause: Vor dem Zweiten Weltkrieg sprachen fast 80 % der polnischen Juden Jiddisch, nur etwa 12 % Polnisch und lediglich 8 % Hebräisch. Heute, so schätzen wir, liegt die Zahl der Jiddischsprachigen bei etwa 1.000 Personen. Das sind ca. 14 % Prozent aller in Polen lebenden Juden. Es sind zum größten Teil die älteren Gemeindemitglieder.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Gibt es in Polen Initiativen zur Förderung der jiddischen Sprache?
 
Marek Hause: Wir als Gesellschaft bekommen finanzielle Mittel der polnischen Regierung für die Herausgabe des Magazins. Die Gelder gibt es aber nicht speziell zur Unterstützung der jiddischen Sprache oder zur Förderung des jiddischen Zeitschriftenteils.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Gab es bereits Fördergelder von deutscher Seite?
 
Marek Hause: Wir haben keinerlei Hilfsmittel von der Bundesregierung oder der deutschen Botschaft bekommen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie beurteilen Sie die Situation der jiddischen Sprache in Europa und weltweit?
 
Marek Hause: Es wird geschätzt, dass noch etwa 600.000 Menschen Jiddisch in ihrem Alltag sprechen. Die Zahl der Personen mit jiddischen Sprachkenntnissen liegt jedoch höher. Zu den Ländern, wo am meisten Jiddisch gesprochen wird, gehören die USA, Israel und Russland.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Meinen Sie, dass sich die Deutschen mehr um die jiddische Sprache kümmern müssten?
 
Marek Hause: Ja, die deutsche Regierung und die Deutschen sollten sich für die jiddische Sprache mehr einsetzen, denn sie ist ein Teil der deutschen Kultur. Bezüglich des deutsch-jüdischen Verhältnisses steht für die polnischen Juden allerdings nicht allein die jiddische Sprache im Vordergrund. Wir als „Sozialkulturelle Gesellschaft der Juden in Polen“ würden uns über eine allgemeine Erweiterung der Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft in Polen und mit den Deutschen freuen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie ist das Verhältnis der katholischen polnischen Bevölkerung zu den Juden in Polen?
 
Marek Hause: Das ist ein heikles Thema, denn wie auch in Deutschland gibt es hier Antisemitismus. Gleichzeitig ist es in Polen schick, ein Jude zu sein, denn Juden gelten als reich und klug. Das Judentum erlebt hier derzeit eine gewisse Renaissance. Wegen der jetzigen politischen Situation in Polen ist die Bevölkerung zweigeteilt. Wahrscheinlich haben beide Fraktionen gleich viele Anhänger. Aber es lässt sich sagen, dass es momentan in Polen für Juden nicht gefährlich ist.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen der polnischen Regierung und Israel?
 
Marek Hause: Es gibt regelmäßige politische Treffen und auf offizieller Ebene findet eine Annäherung statt. Der jetzige polnische Präsident zitiert sogar gerne die romantische Beschreibung „Volksrepublik der Freunde“, wenn er von den israelisch-polnischen Beziehungen spricht.

Björn Akstinat ist Leiter der Internationalen Medienhilfe (IMH), des Netzwerkes interkultureller Publikationen und Rundfunkprogramme weltweit, zu dem auch deutsch-jüdische und jiddische Medien aus verschiedenen Ländern gehören – zum Beispiel „Dos Jidisze Wort”.

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