August 4, 2017 – 12 Av 5777
Die Vielfalt des israelischen Volkstanzes

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Zum Schwerpunkt des zwölften „Yiddish Summer“ in Weimar  

Von Matti Goldschmidt

Eine sehr interessante und spannende Frage hatten sich die Veranstalter des kommenden Yiddish Summer in Weimar gestellt: Welche Tanzkulturen, neben der chassidischen und arabischen, haben den israelischen Volkstanz maßgeblich beeinflusst, und welche Rolle spielt(e) dabei der jiddische Tanz?

Dabei soll außerdem herausgefunden werden, wie unter anderem dieser „in den 1930er und 1940er Jahr eine ganze Welle neuer israelischer Tanzchoreografien beeinflusst haben“ soll.

Bereits zu biblischen Zeiten, und ohne Unterbruch bis heute, war der Tanz für Juden eine tragende Komponente ihrer soziokulturellen Entwicklung: Getanzt wurde eigentlich schon immer. Man denke etwa an den Tanz um das goldene Kalb (nicht der Tanz an sich war verwerflich, sondern das Objekt, um das getanzt wurde) oder an den Tanz der Miriam nach der Überquerung des Roten Meeres (Exodus).

Wurde im Christentum bereits im Frühmittelalter durch kirchliche Verordnungen das Tanzen wesentlich eingeschränkt, waren die Juden davon nicht betroffen, die die nun offengewordene Nischen belegen konnten. Die ab etwa dem 15. Jahrhundert entstandene (nicht-liturgisch-jüdische) Klezmermusik galt bis etwa 1930 als eine reine Tanzmusik, beispielsweise der Freylakh oder der Bulgar. Juden der zweiten und dritten Aliyah (Einwanderungswellen nach Palästina 1904-1914 und 1919-1923), im Wesentlichen aus Russland und Polen, brillierten entweder im klassischen Bühnentanz wie der aus Odessa stammende Baruch Agadathi oder brachten Volkstänze ihrer alten Heimat mit, etwa die Polka, einen Rondo oder den Krakowiak, während die ursprünglich rumänische Hora in simplifizierter Form zum jüdisch-palästinensischen Nationaltanz mutierte.

Bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es nicht nur, aber vor allem im Kibbuz Ben-Shemen nahe der Stadt Lod (Lydda) entsprechende Tanzfestivitäten. Insbesondere Immigranten aus dem deutschsprachigen Raum sollten in den folgenden zwei Jahrzehnten die Volkstanzszene Palästinas und später Israels formen. Gertrude (Gert) Kaufman, geb. Löwenstein und gebürtig aus Leipzig, plädierte in einem Artikel der gewerkschaftseigenen Tageszeitung „Davar“ in der Ausgabe vom 5. August 1938 unter der Überschrift „Rikud Amami“ (folkloristischer Tanz), die Volkstänze der Diaspora, namentlich derjenigen Osteuropas, durch eigene, neu zu kreierende zu ersetzen. Die üblichen kulturellen Eckpfeiler einer Nation im europäischen Sinne wie Sprache, Literatur, Theater, dies alles auf wiederbelebtem Hebräisch, Musik und Malerei, Letzeres überwiegend mit bibelbezogenen Themen, sollten nun durch den Tanz erweitert werden.

1944, mitten im Krieg, gab es in einem Kibbuz eine Landeskonferenz für Volkstanz
Beschränkte sich das kreative tänzerische Umfeld der jüdischen Einwanderer in Palästina bis etwa 1940 auf theatralische Produktion, vor allem im expressionistischen und Ausdruckstanz, namentlich beispielsweise durch Lea Bergstein, Gertrud Kraus oder die Orenstein-Familie, entstanden parallel dazu im säkularen Umfeld der Kibbuzbewegung Vorführtänze, meist in biblischen Phantasiekostümen und vor allem zu religiösen Festen nach dem jüdischen Kalender wie etwa dem Wochenfest (Schawuot). Als Prototyp mag hierfür der Tanz „u-Sha‘avthem Mayim“ gelten, den Else Dublon, erst ein Jahr zuvor aus Montabaur eingewandert, im Juni 1937 im Kibbuz Na’an mit ihrer Vorführgruppe präsentierte, nachdem einige Monate zuvor nach langjähriger Suche nahe des Kibbuz eine Wasserquelle entdeckt wurde; der Text dazu wurde direkt der Bibel entnommen: „Und ihr werdet Wasser schöpfen mit Wonne aus den Quellen des Heils“ (Jesaia 12,3). Wann genau die ersten selbstkreierten Volkstänze der jüdischen Einwanderer in den Jahren nach 1940 nun tatsächlich entstanden, ist nicht mehr ganz nachvollziehbar, so dass man sich spätestens mit der ersten (von gesamt fünf) „Landeskonferenz für Volkstanz“ im Kibbuz Daliah (14.-15. Juli 1944) als die Geburtsstunde des eigenen Volkstanzes einigte. Natürlich konnte es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch keine „israelisch“ genannten Tänze geben; vielmehr wurden diese, etwa analog zu Polen und polnisch, „palästinensisch“ genannt.
Andererseits gab es durchaus auch den Begriff „hebräische Tänze“, einer nicht unüblichen Bezeichnung in der späteren britischen Mandatszeit. So benutzte etwa auch die in hebräischer Sprache erscheinende palästinensische Abendzeitung „Yedioth Ahronoth“ noch auf der Frontseite ihrer Ausgabe Nummer 4030 vom 14. Mai 1948, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung Israels, den Ausdruck „hebräisches Vaterland“ und erklärte den Ausruf eines „hebräischen Staates“.

Die erste Generation von Choreographen, die aus Namen wie Rivka Sturman, Gurit Kadman (alias G. Kaufman), Sara Levi-Tanai, Yardena Cohen, Tova Zimbel, Ze’ev Havatzeleth oder Shalom Hermon bestand, war bestrebt, durch neu zu kreierende Volkstänze eine kulturelle Eigenständigkeit aufzuzeigen, wie sie es bei praktisch allen anderen Völkern auch gab. Darunter fallen noch heute populäre Tänze wie „Hora Agadathi“, „Qumah Ekha“, Hei Harmonika“ oder „Mekhol Ovadiyah“, Die Quellen des modernen israelischen Volkstanzes sollten, um Kadman zu zitieren, im „Boden, der Arbeit sowie in der Wiederbelebung der jüdischen Nation“ liegen, während sich die Texte auf die Landschaft Palästinas, die Landwirtschaft und Bodenbezogenheit oder auf Kameradschaft bezogen. Stand also der Tanz an sich im Vordergrund, so galt es zweifelsohne, über diesen eine vereinheitlichende nationale Kulturkomponente umzusetzen. Religiöse Texte und bibelbezogene Feierlichkeiten bildeten im sozialistisch säkularen Umfeld der Kibbuzim den einzigen gemeinsamen kulturellen Nenner aller Einwanderer und galten deshalb nicht mehr als das Mittel zum Zweck. (…)


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