August 7, 2015 – 22 Av 5775
Die Urkatastrophe

Die zweite Tempelzerstörung ist auch aus säkular-jüdischer Sicht eine Tragödie

Von Michael Groys

Im Jahr 1914 begann der Erste Weltkrieg, welcher aus Sicht des US-amerikanischen Historikers George F. Kennan als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ generell und Ursache des Zweiten Weltkrieges im Besonderen bezeichnet wird. Diese Sicht hat ihre Berechtigung und wirklich ernste Belege, die das bestätigen würden. Monarchien sind zerfallen, Revolutionen überrollten Europa und das alte System wurde durch neue Regierungsformen – zum Teil auch Demokratien – ausgewechselt. Die Urkatastrophe des jüdischen Volkes begann „etwas“ früher im Jahre 70 nach unserer Zeitrechnung mit der Eroberung Jerusalems durch die Römer und der Zerstörung des Zweiten Tempels. Für das jüdische Volk hatte dieses Ereignis ebenfalls fundamentale Veränderungen nach sich gezogen, die für die nächsten 2.000 Jahre entscheidend sein sollten.

Auf den ersten Blick aber wird es nicht so ganz deutlich, was genau durch diese Zerstörung angerichtet wurde. Jerusalem war ein religiöses Zentrum und der Tempel der ultimative religiöse Lebensmittelpunkt des jüdischen Volkes. Tempeldienst, Tieropfer sowie pilgern, sind wohl für die meisten progressiven Menschen heute Rituale aus längst vergangen Tagen. Besonders für einen jü- dischen Atheisten ist das wohl kein allzu großer Verlust, über den es sich in der Moderne noch zu grübeln lohnt. Wer aber glaubt, dass der Tempel nur eine religiöse Bedeutung hatte und dessen Zerstörung nur religiöse Umwälzungen nach sich zog, der irrt sich gewaltig. Jerusalem war auch die politische Hauptstadt des damaligen Israels. Mit dem Fall dieser Stadt verlor sowohl die jüdische Religion als auch vor allem das Volk seine Heimstätte. (...)

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