Februar 9, 2018 – 24 Shevat 5778
Die Unfähigkeit, zu verstehen

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Ina Hartwigs „Biographie in Bruchstücken“ über die Schriftsteller Ingeborg Bachmann und Paul Celan  

Von Chaim Noll

Das Buch war gedacht als psychologische Studie über Ingeborg Bachmann, ihre Drogensucht, ihren Alkoholismus, ihren spektakulären Tod in Rom. Die berühmte österreichische Dichterin starb an den Folgen eines Wohnungsbrandes in einem Palazzo in der Via Giulia, nachdem sie versehentlich mit einer Zigarette ihr Bett in Brand gesetzt hatte, zugleich stand sie unter Einfluss von Alkohol und Psychopharmaka, deren plötzlicher Entzug ihren Körper schwächte. Dieses Sterben, das sich über drei Wochen hinzog, gehört seit Jahrzehnten zu den Lieblingsgeschichten des gehobenen intellektuellen Klatsches im deutschen Sprachraum, zu den viel verklärten Todesmythen der „Neuen Linken“.

Die bis heute die Dichterin für sich reklamiert. Trotz der oft konservativen Formensprache ihrer Gedichte und ihres weitgehend unpolitischen Auftritts gilt Ingeborg Bachmann als Ikone der 68er-Bewegung. Auch Ina Hartwig, eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, folgt diesem Muster. Sie beginnt ihr Buch, geradezu konventionell, mit der Szenenfolge am Sterbebett, dem Auftreten verschiedener Freundinnen und Freunde der Dichterin. Deren Privatleben Gegenstand obsessiver Durchleuchtung, von deren Werk jedoch fast nirgendwo auf den 300 Seiten die Rede ist. Kaum wird daraus zitiert, selten auf einzelne Gedichte oder Texte verwiesen. Im Mittelpunkt dieser Biographie in Bruchstücken steht nicht die künstlerische Arbeit der hochbegabten, schon zu Lebzeiten legendären Dichterin, sondern ihre Beziehungen zu anderen – meist gleichfalls berühmten – Künstlern ihrer Tage.

Wenn dieses Buch nicht unter der Rubrik „Klatsch“ zu archivieren ist, liegt es an den Beziehungen selbst, die – wie gnadenlos man sie auch immer ausschlachtet – den Charakter des Unschuldigen, des Bedeutenden wahren. Im Zentrum der Tragödie Ingeborg Bachmanns entdeckt Autorin Ina Hartwig – wie schon mancher andere – die unerfüllte, dramatische Liebesbeziehung zu dem jüdischen Dichter Paul Celan. Die Beziehung verlief mit Interruptionen, Phasen der Annäherung und Abstoßung, ja der Flucht voreinander (heute würde man – an derlei gewöhnt – von einer On-Off-Beziehung sprechen) und fand ihren Niederschlag in einem Briefwechsel über zwei Jahrzehnte, von 1948 bis 67.

Im Medium des schriftlichen Austauschs sind sich diese zwei zutiefst literarischen Menschen näher gekommen als in den schwierigen, von äußeren Problemen beeinträchtigten Tagen leiblichen Beisammenseins. Celan war kein einfacher, kein umgänglicher, er war vielleicht überhaupt kein Partner. Seine Einsamkeit empfand er als unvermeidlich, sogar als obligat, nachdem die Nazis seine Eltern und andere Angehörige umgebracht hatten. Dieser empfindsame Überlebende hat das Grauen der Vernichtungslager in die kühl wirkenden Verse seiner berühmten Todesfuge gefügt, eines heute weltberühmten Gedichts, und damit – nebenbei – Adornos despotisches Diktum widerlegt, man könne „nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben.“

Der in Paris lebende Celan war ein behandlungsbedürftiger, nach dem Verlust seiner im Holocaust ermordeten Familie zutiefst verstörter junger Mann, heimgesucht von depressiven und paranoiden Anwandlungen, dessen tragisches Ende – er ertränkte sich 1970 in der Seine – nicht nur einer, sondern einem ganzen Komplex von Ursachen zuzuschreiben ist. Er war schon zuvor – wegen der für seine Familie gefährlichen Anfälle – in die Psychiatrie eingewiesen worden. Hier kamen immense dichterische Begabung – aber ausgerechnet auf die für Juden problematische deutsche Sprache fixiert – und eine durch den Holocaust verletzte Charakterstruktur zusammen, dazu enttäuschende, erniedrigende Erlebnisse im deutschen Literaturbetrieb.

Ingeborg Bachmann war Zeugin, wie Celan von der versammelten „Gruppe 47“, der damals maßgeblichen deutschen Literatenvereinigung, gedemütigt und verhöhnt wurde, als er dort im Mai 1952 zum ersten und einzigen Mal auftrat und die Todesfuge vortrug. So geschehen auf der Jahrestagung der Gruppe in Niendorf bei Lübeck. Die dummen Reaktionen führender deutscher Literaten auf dieses Gedicht reichten von der Behauptung Hans Werner Richters, Celan lese „wie Goebbels“, bis zur verächtlich gemeinten Bezeichnung „Synagogen-Singsang“ oder höhnischem Nachsprechen der berühmten Anfangszeile „Schwarze Milch der Frühe...“ Es war ausgerechnet Ingeborg Bachmann, die Celan zum Lesen der Todesfuge angeregt hatte. Der empfindliche Celan gewann außerdem den Eindruck, sie sei in der rituellen Diskussion des vorgetragenen Textes – von der „Gruppe 47“ als demonstrativ demokratisches Element im deutschen Nachkriegs-Literaturbetrieb eingeführt – nicht wirklich, bis zum Risiko eines Bruchs mit der Gruppe, für ihn eingetreten. Er heiratete jedenfalls noch im selben Jahr eine andere Frau, die französische Comtesse Gisèle de l'Estrange. Mit Ingeborg Bachmann gab es weiterhin Begegnungen und einen ausgedehnten, poetisch-intimen Briefwechsel. Die in Rom lebende Dichterin schrieb kurz nach Celans Selbstmord, zwei Jahre vor ihrem eigenen tragischen Tod, in ihrem autobiographischen Roman Malina: „Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluss ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“

Nach Ina Hartwigs Behauptung soll Hans Werner Richter wegen seiner bornierten, Celan schockierenden Reaktion auf die Todesfuge später Gewissensqualen empfunden haben, doch die betreffende Stelle in Richters Tagebüchern, die sie im Anhang zitiert, erweckt eher den Eindruck, der deutsche Fischersohn Richter hätte nicht wirklich begriffen, warum der Jude Celan ihm, wie er schreibt, „nie verziehen“ hätte. Nur, weil Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger ihn „unter wahren Tränenströmen immer wieder“ bedrängten, hätte er sich schließlich bei Celan für die höhnischen Bemerkungen entschuldigt, die er selbst als „ganz nebenbei und jede Absicht“ darstellt.

Auch der Literaturkritiker Helmut Böttiger versuchte in einem 2012 erschienenen Buch, den Eklat in Niendorf nachträglich herunterzuspielen, so durch das Argument, Celan hätte für seine Gedichte immerhin den „dritten Preis“ bei der Wertung durch die „Gruppe 47“ erhalten. Was den Dichter, der sich – zu Recht – für erst- und nicht drittklassig hielt, eher noch tiefer erbittert haben dürfte.

Ob das unglückselige, zunehmend inflationierte Wort „Antisemitismus“ auf das Verhalten der deutschen Kollegen zutrifft, wie andere Autoren urteilen, wage ich dennoch zu bezweifeln. Eher war es Beschränktheit, Unverständnis, eine Unfähigkeit zu verstehen, die Celan aus dem deutschen Literaturbetrieb entgegenschlug. Und die er, fern von jeder Leichtigkeit im Umgang mit dem für seine Familie so schicksalhaften Volk, zu schwer nahm. Als Geschäftsmann wusste Hans Werner Richter jedenfalls, was Deutschland mit seinen Juden verloren hatte. Gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ begründete er im Herbst 1952 das Fiasko einer von ihm herausgegebenen Literaturzeitschrift mit dem Mangel eines literaturverständigen deutschen Publikums:
„Es fehlen heute in Deutschland 50.000 literarisch interessierte Juden, die es vorher gab.“

Ina Hartwig, Wer war Ingeborg Bachmann?
Eine Biographie in Bruchstücken.
Frankfurt, S. Fischer, 2017

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