September 9, 2016 – 6 Elul 5776
Die Synagoge Fraenkelufer wird 100 Jahre alt

image

Von Dr. Nikoline Hansen  

Kreuzberg ist ein Berliner Bezirk, der weit über seine Grenzen bekannt ist – als ein Ort, in dem die Nächte lang sind, und wo am 1. Mai Barrikaden gebaut werden. Dieser Berliner Bezirk beherbergt heute eine bunte Mischung aus Alternativszene, türkischen „Gastarbeitern“ und einheimischen Bewohnern vorzugsweise der Arbeiterklasse. Davon, dass er einstmals auch Wohnort durchaus bürgerlicher bessergestellter Familien war, bezeugen heute noch wenige alte Häuser vorzugsweise in der Gegend um das Paul-Lincke-Ufer. Am Landwehrkanal gab – und gibt es – sehr schöne Ecken. Die Gegend wurde allerdings nicht nur im Krieg, sondern auch in den 80er Jahren stark zerstört, als der Trend zum Abriss der Altbausubstanz ging, der durch massive Bürgerproteste und nicht zuletzt die Hausbesetzer gestoppt wurde. Einige der schönen alten Häuser mit ihrer großzügigen sogenannten „Beletage“ sieht man dort noch heute.

Wie das Umfeld hat auch die Synagoge am Fraenkelufer, vormals Kottbusser Ufer 48-50, eine bewegte Geschichte, die von kulturellen Änderungen zeugt. Gebaut wurde sie zu einer Zeit als das jüdische Leben in Berlin während des Kaiserreichs eine Blütezeit erlebte: 1911 erwarb die jüdische Gemeinde das Grundstück, 1912 entwarf der Architekt Alexander Beer das Gebäude und am 17. September 1916 wurde sie eingeweiht. Ihre Blütezeit erlebte die Synagoge dann auch in der Weimarer Republik, als sie als lebendiges Gemeindezentrum erblühte. Eine Orgel wie in der Pestalozzistraße gab es nicht – die Gemeinde war orthodox und ist konservativ geblieben. Am 9. November 1938 wurde das Hauptgebäude während des von den Nationalsozialisten initiierten Pogroms durch einen Brand vernichtet – ein Schicksal, das sie mit den meisten anderen Berliner Synagogen teilte. Doch schon kurz nach Kriegsende wurde hier wieder geheiratet und Bar Mitzwa gefeiert – es waren jüdische Kindern, die während des Krieges geboren wurden und unter schwierigen Umständen überlebt hatten.

Den ersten Gottesdienst nach dem Krieg an Rosch HaSchana feierten am 8. September 1945 etwa 500 Beter in den provisorisch hergerichteten Räumen: Berliner Juden, heimatlos gewordene Juden aus den DP-Lagern sowie sowjetische und amerikanische Soldaten. Von den noch 1933 in Kreuzberg ansässigen 6.000 Juden hatten nur 400 überlebt, die meisten davon durch sogenannte „arische“ Ehepartner geschützt.

Weniger bekannt dürfte sein, dass wöchentlich und zu den jüdischen Feiertagen das Fraenkelufer, das an das Paul-Lincke-Ufer anschließt, für den Durchfahrtsverkehr von der Polizei gesperrt wird. Grund ist die kleine Synagoge, die sich seit wenigen Jahren wieder größerer Beliebtheit im jüdischen Berlin erfreut. Zu verdanken ist dies der Tatsache, dass jüdisches Leben generell wieder in Berlin Fuß fasst: Heute gibt es in Berlin rund ein Dutzend Synagogen, von denen acht an die Jüdische Gemeinde zu Berlin angebunden sind. Die Synagoge am Fraenkelufer ist eine davon. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Besetzerszene und Polizei fanden seinerzeit direkt vor der Tür der Synagoge statt – so informiert das Friedrichshain-Kreuzberger Informationsportal Xhain.info über eine „Schlacht am Fraenkelufer“, die 1980 stattgefunden habe – um die Ecke in der Admiralstraße gab es besetzte Häuser.

Zu dieser Zeit war es relativ ruhig geworden in der Synagoge. Die Ruine des Haupthauses war in den 50er Jahren abgerissen worden. Stehen blieb lediglich die frühere Jugendsynagoge, ein Nebengebäude, in dem zuvor der Gottesdienst für die Kinder abgehalten worden war. Dieses wurde wieder hergerichtet und 1959 eingeweiht. Die Synagoge bietet nun Platz für 300 Personen, aber nur wenige Beter trafen sich hier regelmäßig, um ihre Gottesdienste abzuhalten. Das Umfeld war ihnen gegenüber nicht gerade aufgeschlossen: Im Oktober 2000 waren Fensterscheiben der Synagoge zerstört worden, am 29. April 2002 wurde sogar ein Brandsatz auf das Gebäude geworfen. Der damalige Innensenator Körting schloss nicht aus, dass es sich bei den Tätern um „Palästinenser“ oder „Sympathisanten der Palästinenser“ gehandelt haben könnte. Die Wachschutzleute verhinderten Schlimmeres, die Täter wurden trotz der ausgesetzten Belohnung nie gefasst. Das Umfeld in Kreuzberg nahe der Grenze zum Bezirk Neukölln war und ist schwierig.

Umso erfreulicher, dass das Bethaus nunmehr zu seinem 100. Jahrestag wieder mit Leben gefüllt ist. Jede Woche finden die Gottesdienste nach traditionell-konservativem Ritus statt. Wenn kein Rabbiner der Gemeinde abkömmlich ist, wird improvisiert und es springt ein Kantor ein oder einer der Beter. Eine Initiative junger Menschen – nicht nur Mitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde, sondern auch junge Israelis – haben sich hier zusammengefunden, um die Tradition des jüdischen Gemeindelebens engagiert voranzubringen. Sie haben das getan, was man in Deutschland gemeinhin tut, wenn man eine Sache aktiv vorantreiben will: Sie haben einen Verein gegründet. Die „Freunde der Synagoge Fraenkelufer e.V.“ tragen wesentlich dazu bei, dass wieder Leben in der Synagoge eingekehrt ist. Dabei pflegen sie nicht nur die jüdische Tradition, indem sie einmal im Monat im Anschluss an die Kabbalat Schabbat einen Kiddusch organisieren und regelmäßig nach dem Gottesdienst am Samstag Schiurim anbieten. Sie bemühen sich auch darum, gute Kontakte in die Nachbarschaft zu etablieren. Seit fünf Jahren findet regelmäßig ein interreligiöser Gedankenaustausch statt, es gibt Raum für Begegnungen und es werden Führungen für die interessierte Öffentlichkeit angeboten. Darüber hinaus ist man in der Flüchtlingsarbeit engagiert – ein schwieriges Thema, denn gerade die Flüchtlinge, die aus muslimischen Ländern kommen und antisemitisch indoktriniert wurden, haben Juden gegenüber starke Vorbehalte, die es abzubauen gilt.

Die Vorsitzende des Vereins, Nina Peretz, ist Pressereferentin in einem Wohlfahrtsverband und kennt sich gut mit Öffentlichkeitsarbeit aus. Auch das trägt sicher dazu bei, dass die Synagoge und das wiedererweckte Leben mittlerweile in der Öffentlichkeit einige Bekanntheit hat. Sie ist 2011 zum Judentum übergetreten (sie selbst sagt „Jew by Joice“) und hat für die Aprilausgabe der Jüdischen Rundschau 2015 über „Das Wunder vom Fraenkelufer“ geschrieben. Der stellvertretende Vorsitzende Jonathan Marcus kommt aus einer der alteingesessenen Berliner jüdischen Familien, die schon vor dem Krieg in der Synagoge am Fraenkelufer gebetet haben. Auch er trägt als Vorstandsmitglied von Limud e.V. wesentlich dazu bei, dass jüdisches Leben in Deutschland wiederbelebt wird. So bildet das Vereinsteam eine befruchtende Symbiose aus Tradition und Neuanfang.

Am 17. September, dem 100. Jahrestag der Einweihung der Synagoge in Kreuzberg wird richtig gefeiert. Auf dem Programm steht neben den unvermeidlichen kulinarischen Leckereien ein umfangreiches Musikprogramm in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Volkshochschule Berlin. In der Ankündigung heißt es: „Jüdische Musik, die an die Vergangenheit erinnert und Hoffnung für die Zukunft gibt, steht im Mittelpunkt eines unvergesslichen Abends am Fraenkelufer.“

Wir wünschen Mazel tov!

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben