Juli 7, 2016 – 1 Tammuz 5776
Die Stimme der Schoah – Ein Nachruf zum Tod von Eli Wiesel

Von Michael Groys

Wer die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besucht hat, stellt sich viele Fragen. Es gibt aber seltsamerweise so wenige Antworten. Jede rationale Erklärung von Auschwitz misslingt. Dennoch stellen sich gläubige und nicht-gläubige Menschen diese unerträglich einfache Frage: Wo war Gott und wie konnte er das zulassen?

Eli Wiesel wuchs in einer osteuropäischen chassidischen Familie auf, wo die Existenz Gottes nicht hinterfragt wurde. Sie war spürbar an jedem Schabbat mit der ganzen Familie. Wenn seine Schwestern am Freitagabend die Schabbat-Kerzen entzündeten und der Geruch der frischen Challah schon von draußen zu riechen war, lebte Gott. Dieser Welt wurde 1944 ein Ende gesetzt und vermutlich auch seinem Glauben an Gott. Zumindest war für Wiesel Gott nach Auschwitz etwas anderes als in seiner Vischnitzer Synagoge. In seinem weltberühmten Buch „Die Nacht“ beschreibt er eine unerträgliche Situation, bei der ein kleiner jüdischer Junge an einem Galgen mehr als eine halbe Stunde um sein Leben kämpfte und ein Mann hinter Wiesel nur fragte: „Wo ist Gott?“ Darauf beantwortete eine imaginäre Stimme in Wiesels Kopf die Frage so: „Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen.“

Wiesel sah den Sinn seines Lebens darin für die zu sprechen, die nicht mehr sprechen konnten. Er erzählte und schrieb und mahnte für seine Mutter und seinen Vater, für seine Geschwister und letztendlich für die 6 Millionen Opfer des Holocausts. Holocaust (übersetzt „Ganzbrandopfer“) war ein Begriff, den Eli Wiesel prägte und der international Bekanntheit erlangt hat. Das wurde von vielen Stimmen kritisch wahrgenommen, und diese kritischen Stimmen gab es nicht selten in Wiesels Leben. Sei es nun bei seiner klaren Unterstützung des Kosovo-Einsatzes und des Irak-Krieges, oder bei seiner bedingungslosen Ablehnung des Atom-Abkommens mit dem Iran. Wiesel erzählte, schrieb und mahnte unbeirrt weiter. Er wusste nur zu gut, zu was Gleichgültigkeit führen konnte. 1986 erhielt der Holocaustüberlebende den Friedensnobelpreis.

Mit Eli Wiesel sind erneut die Opfer der Schoah gestorben, denn er verstand es wie kein anderer der Welt von dieser unerträglichen Geschichte zu erzählen, immer in der Hoffnung, dass sich so etwas nie mehr wiederholen möge. Er gab den Deutschen eine Chance und schenkte ihnen das Vertrauen als er in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages im Jahre 2000 einen bemerkenswerten Satz sagte: „Nur die Schuldigen sind schuldig.“ Die Kollektivschuld lehnte er somit stets ab.

Wiesel hatte versucht die Tragödie seines eigenen Volkes den Menschen weltweit näherzubringen, zu sensibilisieren und zu erklären. Er hatte vermutlich sein Leben lang an Schuldgefühlen, Identitätsfragen und Schmerz gelitten, die er literarisch in seinen Figuren, die nichts anderes als die eigene Stück-Autobiografien waren, verarbeitet. Diese leblosen Gestalten, die die Nazis entmenschlichen wollten. Er gab ihnen stets die Hoffnung und sogar den Glauben. Wiesel hatte geschrieben, dass nur das jüdische Glaubensbekenntnis ,,Schma Israel“ ihm einen Schimmer Hoffnung gab. Das „Schma Israel“ war das letzte, was man von einigen Menschen kurz vor ihrem Tod in den Gaskammern hörte. Gleichzeitig war dieser Gedanke begleitet von einer unendlichen Enttäuschung gegenüber Gott.

Diesen inneren Diskurs kann vermutlich nur ein Holocaustüberlebender in seinem ganzen Ausmaße verstehen. Eli Wiesels Welt wurde in eine Hölle verwandelt als er 15 Jahre alt war, in Tod, Leid und Trauer verwandelt. Die neue Zeit war eine Verneinung und der Totalangriff auf sein früheres gottesfürchtiges Leben in Rumänien. Jedes neue Opfer entfernte ihn immer weiter von Gott.

Eli Wiesel wird nun den nächsten Schabbat im Himmel mit seinen Eltern und Geschwistern begehen können. Dort wird er wieder ein 15-jähriger chassidischer Junge sein, der stolz ist endlich Tefellin anziehen zu können und gemeinsam mit den Männern in der Synagoge zu beten. Dort im Himmel wird es kein Auschwitz und Buchenwald mehr geben.

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