Die Rede von Dr. Rafael Korenzecher, Herausgeber der JÜDISCHEN RUNDSCHAU, Initiator des „Preises für ehrlichen Journalismus“ bei der Preisverleihung im Berliner Hotel Adlon am 12. Dezember 2016  

„Guten Abend, meine Damen und Herren, guten Abend, liebe Gäste!

Ganz bewusst verzichte ich heute Abend darauf eine Wichtung vorzunehmen und einzelne von Ihnen gesondert hervorzuheben, was in der Regel ohnehin weniger dazu dient die Genannten zu ehren, als eher die Bedeutung der eigenen Veranstaltung zu unterstreichen.

Nein – Sie alle sind uns gleichermaßen wichtig, wir heißen Sie alle, alle gleichermaßen willkommen und freuen uns überaus, dass Sie so zahlreich unserer Einladung gefolgt sind – jeder einzelne von Ihnen.

Die JÜDISCHE RUNDSCHAU verleiht einen Preis für ehrlichen Journalismus. Natürlich haben wir uns gefragt, was Sie veranlasst haben mag, uns aus diesem Anlass in derart beachtlicher Zahl zu folgen.
Der im Anschluss an die Veranstaltung servierte Imbiss kann es nicht sein. Der wird – wie bei einem armen Printmedium nicht anders zu erwarten – ohnehin eher karg ausfallen müssen.
Also doch ehrlicher Journalismus – das muss es sein!

Als mir mein Redaktionsteam – Herr Simon Akstinat, der Chefredakteur der JÜDISCHEN RUNDSCHAU und Herr Michail Goldberg, der Chefredakteur der russischsprachigen EVREJSKAJA PANORAMA, denen ich wie allen anderen unserer Mitarbeiter in keinem Falle versäumen möchte für ihren unschätzbaren und aufopferungsvollen Einsatz zum Gelingen unserer Publikationen und der Gestehung dieses Abends aufs Herzlichste danken, die Vergabe eines derartigen Preises, der noch nie zuvor verliehen worden ist, nahelegten, war ich alles andere als enthusiastisch.

Ehrlicher Journalismus – warum muss man das hervorheben?
Haben Sie je einen Journalisten in unserer freiheitlichen, demokratischen westlichen Medienlandschaft kennengelernt, der einräumt oder auch nur von sich annimmt kein ehrlicher Journalist zu sein?

Sie alle, alle sind ehrliche Journalisten – unsere Presse- und Medienlandschaft ist geradezu übersät von ehrlichen Journalisten – wieviel Trophäen sollen wir eigentlich verleihen?

Nun gut, zugegeben, es gibt gerade gegenwärtig – und das auch schon in den letzten Jahren – zunehmende Anzeichen, dass die Berichterstattung unserer öffentlich-rechtlichen, ursprünglich mit einem großen öffentlichen Credo-Vorschuss ausgestatteten Medien und anderer großer Teile unserer Mainstreampresse in eine veritable Vertrauenskrise geraten ist.

Böse, sehr irritierende, an unselige Zeiten erinnernde Begrifflichkeiten zu den Gesamtcontents und Skepsis gegenüber der Ausrichtung der Mainstream-Medien machten und machen unter der bundesrepublikanischen Bevölkerung die Runde und wollen und wollen einfach nicht verstummen.
Auch der Aufschrei der Betroffenen und die Anwürfe, dass es sich hier um bösartige Polemik ewiggestriger und rechtsgerichteter Demokratiefeinde und Feinde der freien Presse handele, hat nicht dazu beigetragen das verlorene Vertrauen wiederzubringen.

Nun sind wir Juden ein sehr altes Kulturvolk und haben für alles unsere Analogien und Präzedenzfälle. Eine alte jüdische Weisheit sagt, wenn mehrere Leute sagen, man sei betrunken, dann soll man, statt es mit der sturen Beharrlichkeit eines Betrunkenen abzustreiten, ins Bett gehen und seinen Rausch ausschlafen.

Es wird der hiesigen Medienlandschaft nicht helfen, beharrlich die Kritiker ihres immer deutlicher gewordenen Gesinnungsjournalismus zu beschimpfen, zu desavouieren und in die „rechte“ Ecke zu stellen.

Einsicht, Selbstkritik und Common Sense sind gefragt und die nachhaltige Abkehr von einer als bevormundend und manipulativ empfundenen, zwischenzeitlich in die Massenmedien mit großer Reichweite Eingang gefundene Praxis, vor allem die Fakten zu finden und überzugewichten, die die eigene vorgefasste Meinung bestätigen.
Es ist schwer und es mag schmerzlich sein, aber das Vertrauen werden unsere Medien erst dann beginnen langsam wiederzuerlangen, wenn ihre Berichterstattung bereit ist, sich gern gehegte Vorurteile und Stereotype – mögen sie positiv oder negativ sein – durch Fakten zerstören zu lassen, statt diese eigenen Lebensanschauungs-Vorurteile durch Informationsfilterungen an den Zuschauer, Leser und Zuhörer bringen zu wollen.

Dazu gehören auch die gern geübte, vorsätzliche Falsch-Gewichtung oder Falsch-Chronologisierung von Ereignissen, gesinnungsimmanente Täter-Opfer-Verkehrung und ein vorsätzliches Kreativ-Preis-verdächtiges Fakten-Verzerrungs-Headlining, das sich an der in der Mainstreampresse vorherrschenden, dort häufig völlig zu Unrecht als „progressiv“ empfundenen Meinung der eigenen Reaktionen ausrichtet.

„Palästinenser stirbt bei Messerattacke“, „Waffenruhe hält trotz Raketenangriff aus Gaza“ (darauf muss man erst mal kommen!) sind nur zwei aus einer nahezu täglichen Vielzahl derartiger zu höchst empörender, gegenüber den Opfern völlig empathieloser Stilblüten und sind belegbar wörtliche Zitate aus unserer Mainstreammedien.

Fehler dieser Art sind nicht nur bei der in unserer Presse Regel gewordenen Negativ- bis Dämonisierungs-Berichterstattung zu dem einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten, Israel, begangen worden. Nicht anders verhält es sich auch bei der unkritischen Willkommensberichterstattung zum Thema der Aufnahme vor allem muslimischer Migranten, zur Bagatellisierung islam-generierter Straftaten (Beispiel Silvesternacht in Köln) und zur vollkommen einseitig ausgerichteten Tendenzberichterstattung zum US-Wahlkampf.

Erste Ansätze zur Hoffnung auf mehr Ausgewogenheit liefern, wenn gegenwärtig auch erst nur halbherzige Fehler-Eingeständnisse der ARD und die dazu veröffentlichten Studien der Hamburg Media School und des Leipziger Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung.
Von 2009 an hätten Medien das von der Politik eingeführte Narrativ „Willkommenskultur“ aufgegriffen (Narrative treten im heutigen Journalismus ohnehin – und das auch im Nachrichtenteil sogenannter seriöser Medien – viel zu häufig an die Stelle der objektiven Berichterstattung). Bis Anfang 2015 habe sich – so die Studie der HMS – im Nachrichtenteil und nicht nur in den Kommentaren – beispielsweise der Subtext etabliert, dass Deutschland aus seiner Vergangenheit gelernt habe und nun auf vorbildliche Weise Menschen aufnehme.

Insgesamt seien – so die Studie weiter – 82 Prozent aller Beiträge zur Flüchtlingsthematik positiv konnotiert gewesen, zwölf Prozent rein berichtend, nur sechs Prozent hätten die Flüchtlingspolitik problematisiert. Reichweitenstarke Medien hätten sich unkritisch das Motto der Bundeskanzlerin – „Wir schaffen das“ – zu eigen gemacht. So titelte die „Zeit“ noch im August 2015 euphorisch und unkritisch mit „Willkommen!“.

Rund zwei Drittel der tonangebenden Medien hätten gemäß der HMS-Studie zunächst „übersehen“, dass die Aufnahme von Flüchtlingen in großer Zahl und die Politik der offenen Grenzen die Gesellschaft vor neue Probleme stellt und dies nicht thematisiert.
Dass es nunmehr, wenn auch sicher zu spät, vielleicht zu einer Umbesinnung kommen könnte, zeigt auch die Wahl des Wortes des Jahres „postfaktisch“, das nichts anderes anprangert als den Umstand, dass Fakten in Politik und Journalismus längst wieder einer je nach Gesinnung vorgenommenen Faktenbewertung auch im Berichtsteil gewichen sind.

Während mit der Definition des Begriffs Faktum und Wahrheit bereits Sokrates und Diderot größte Not hatten, haben wir, das Team der JÜDISCHEN RUNDSCHAU und habe ich als Migrant und typischer Vertreter eines merkantilen, bildungsfernen Ostjudentums – als der ich schon mal gelegentlich geschmäht werde – auf derartige philosophische Sophistereien verzichtet.
Wir haben uns lieber an Tuvia Tenenbom gehalten, der uns als unerschrockener, unübertroffen humorvoller, keine Berührungsängste mit Freund und Feind kennender Journalist, Kolumnist und Buchautor – geradezu die Verkörperung berichtender und hoch-journalistischer Aufrichtigkeit – als idealer erster Preisträger für die von uns beabsichtigte Betonung der Bedeutung eines aufrichtigen, ungeschminkten, seine eigenen Befindlichkeiten zurückstellenden Journalismus erschienen ist.
Neben seiner ständigen Kolumne in der „Zeit“ – Allein unter Menschen – hat er gerade mit seinem kürzlich erschienenen Buch „Allein unter Amerikanern“ angesichts des soeben stattgefundenen amerikanischen Wahlbebens höchste und zahlreiche Aufmerksamkeit erzielt.
Nun immerhin hat das amerikanische Volk es gewagt, Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten zu wählen, ohne zuvor Frau Merkel, Herrn Steinmeier, Herrn Schulz und Herrn Junckers um Erlaubnis zu fragen.

Die Laudatio unseres Preisträgers wird in viel berufenerer Weise Jan Fleischhauer vornehmen.

Ihnen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und ihre große Geduld mit mir.

Dr. Rafael Korenzecher

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