April 6, 2018 – 21 Nisan 5778
Die NS-Zeit in der sächsischen Provinz

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Jürgen Nitsches lokalgeschichtliche Studien zum Holocaust 

Von Chaim Noll

Schoah, Holocaust oder „Massenvernichtung der europäischen Juden“ sind Begriffe, die mit der Zeit ihren realen Gehalt einbüßen. Sie werden zu Worthülsen im politischen Diskurs. Die allgemeine Kenntnis über das, was geschehen ist, geht zurück, Jüngere haben oft nur noch verschwommene, stereotype Vorstellungen davon, eben das, was Begriffe vermitteln können. Nachvollziehbar werden die Ereignisse erst, wenn wir aus den abgehobenen Gefilden der Verallgemeinerung hinabsteigen in die profanen Abläufe des Alltags.

Der Historiker Jürgen Nitsche beschäftigt sich mit Lokalgeschichte. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte der Juden in Sachsen. 2002 veröffentlichte er eine umfangreiche Studie über die Juden der Stadt Chemnitz mit der Rekonstruktion zahlreicher Einzel-Biographien, besonders während der NS-Zeit. Auch ich verdanke ihm wichtige Aufschlüsse über das Schicksal meiner Chemnitzer Großmutter, die mir bis dahin unbekannt waren. Sie halfen mir nicht nur die Tragödie meiner Familie, auch die gesamte NS-Zeit besser zu begreifen. Hinter jeder von Jürgen Nitsches Veröffentlichung stehen Jahre intensiver Forschung in örtlichen Archiven und Behörden, die Sichtung von Grundbuch-Einträgen, Kaufverträgen, Geburts- und Ehe-Urkunden, Totenscheinen, Gemeinde-Registern, Gestapo- und Polizei-Akten, Gerichtsurteilen, städtischen Chroniken, Artikeln aus Lokal-Zeitungen, Annoncen in ihrem Anzeigenteil.

Der Holocaust wurde von Deutschen ausgeführt und ist daher bürokratisch dokumentiert. Weshalb, wenn man die Mühe nicht scheut, die Rekonstruktion seiner Abläufe und Mechanismen möglich ist. Mit Hilfe dieser aufwändigen Kleinarbeit legt Nitsche große Bilder zusammen und präsentiert sie in umfangreichen Büchern.
Sein neuestes Buch zur Geschichte der Juden der sächsischen Stadt Mittweida, ist 608 Seiten stark, im Quartformat, reich bebildert mit zeitgenössischen Fotografien, Karten und Faksimiles von Dokumenten. Wenn Nitsche eine – soweit ich weiß, von ihm nie öffentlich bekundete – These vertritt, dann die von der Macht der Details.

Das historische Ereignis Schoah setzt sich zusammen aus Millionen Einzelschicksalen, und so wichtig alle Theorien, Statistiken und Verallgemeinerungen sind, so spürt man beim Studium von Nitsches beklemmenden Untersuchungen, dass die Authentizität der Ereignisse, ihr wirklicher Schrecken, ihre sprachlos machende Gewalt sich erst im scheinbar Kleinen und Unbedeutenden enthüllt, in den Einzelheiten des Alltäglichen.

Nitsche berichtet in nüchternem Ton, was er aus den von ihm ermittelten Dokumenten erfährt: Wann eine jüdische Familie nach Sachsen kam, wovon sie lebte, welche Geschäfte sie begann und mit welchem Erfolg, welche Firmen sie gründete, welche Wohnungen, Ladenräume, Lagerhallen sie mietete, welche Häuser sie kaufte, wann sie Probleme mit deutschen Behörden hatte (was auch vor der NS-Zeit auffallend oft der Fall war), wann sie welche Kinder bekam und was aus diesen wurde, welchen gesellschaftlichen Aktivitäten, politischen Richtungen oder Parteien sie anhing, und in den meisten Fällen das tragische oder wenigstens sozial ruinöse Ende: die Rassen-Gesetze der Nazis, Ausgrenzung und Verfolgung, Emigration oder Deportation in den Tod.

Späte Emanzipation der Juden erst ab 1871
Die Einwanderung von Juden nach Sachsen nahm erst Ende des 19. Jahrhunderts Formen an, die gesellschaftlich spürbar wurden, bis dahin beschränkte sie sich, wie fast überall in Deutschland, auf die wenigen „Schutzjuden“, die von Städten, Gemeinden oder Herrschern legitimiert waren, an einem bestimmten Ort zu leben. Verglichen mit anderen westeuropäischen Ländern erfolgte die bürgerliche Gleichstellung, die „Emanzipation“ der Juden in Deutschland auffallend spät. So richtig begann sie erst nach 1871 zu wirken, nach der Reichsgründung durch die Hohenzollern, die nicht möglich gewesen wäre ohne das Geld der großen jüdischen Bankhäuser, der Bleichröder, Rothschild und anderer. Danach wurden Juden zwar immer noch benachteiligt und, wo es ging, schikaniert, doch sie eroberten sich eine Bedeutung im Geschäftsleben, die dem wirtschaftlichen Aufschwung des Kaiserreiches erheblich zugutekam. Der rasche Aufstieg Deutschlands zur Industriemacht wäre ohne die deutschen Juden nicht möglich gewesen. Auch nicht der Hochstand in Ingenieurkunst, Infrastruktur, Handel, Technologie, Medizin, Musik und Literatur, von dem Deutschland noch lange zehren sollte, auch, nachdem man die Juden vertrieben hatte. (…)

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