Dezember 4, 2015 – 22 Kislev 5776
Die Karäer

image

Die unbekannten asketischen Juden  

Von Wolfgang Seibert

Fast jeder Jude hat irgendwann einmal den Namen Karäer gehört, aber inhaltlich wissen die wenigsten etwas über diese interessante jüdische Gruppierung.

Während der verschiedensten Auseinandersetzungen innerhalb des Islams, zwischen 600 bis 900 n.d.Z., entstanden im arabischen Raum auch im Judentum diverse Gruppen. Alle diese Gruppen, denen nur eines gemeinsam war, die Ablehnung des Talmud als Heilige Schrift, wären sicherlich bald wieder verschwunden, wenn nicht entschlossene und starke Männer alle antirabbinischen Elemente um sich vereinigt und ihnen eine bestimmte Richtung gezeigt hätten. Zum Beispiel Anan ben David, der Gründer der Karäer. Anan genoss das Vertrauen des Kalifen und der muslimischen Behörden, deshalb hielt sich seine Gruppe auch bedeutend länger als alle Anderen. Nach seinem Tod spalteten sich die Karäer. Die ursprünglichen Anhänger Arans legten sehr viel Wert auf Askese, was ihnen das Zusammenleben mit anderen Juden sehr erschwerte.

Sie siedelten aus Babylon nach Jerusalem über, wo sie als Awele Zion (Trauernde um Zion) in strenger Entsagung lebten. Die Zahl der Anhänger nahm zu dieser Zeit immer mehr ab. Es überlebten nur kleine Teile der Gruppe, die einen Mittelweg gingen. In dieser Zeit entstand auch der Name Kara‘im. (Karäer). Sie verehrten den Tanach alleine und lehnten die rabbinische Tradition ab.

Lehre
Alle Angaben über Entstehung und alte Geschichte der Karäer sind sowohl bei ihnen selbst und auch in rabbinischen Schriften äußerst ungenau und widerspruchsvoll. Wahrscheinlich ist es so, dass Anan, um die Kontrolle zu behalten und die Reste der verschiedenen oppositionellen Sekten unter seiner Führung zu vereinigen, ihre unterschiedlichen Bräuche und Vorschriften in sein Gesetzbuch aufgenommen hatte. Als Hauptquelle diente ihm jedoch die rabbinische Gesetzeskunde.

Die Benennung „Karäer“ als auschließliche Anhänger des Tanach und Gegner der mündlichen Überlieferung ist unzutreffend, denn auch die Karäer benutzten die tradierten talmudischen Auslegungsmethoden, wobei sie ihre Gesetze auch aus den Propheten und Apokryphen ableiteten; im Gegensatz dazu sucht der Talmud die Begründung der Gesetze nur in der Tora.

Die mündliche Lehre, von Moses ausgehend, auf die der Talmud sich oft bezieht, wurde von ihnen strikt abgelehnt. Die Karäer pflegen eine besondere Tradition, die sie „Sewel hajeruscha“ (Erbschaftlast) nennen. Diese Tradition ist aber, im Gegensatz zum Talmud, labil und kann immer wieder umgedeutet werden. Das führte oft zur Vermehrung beschränkender Vorschriften im Vergleich mit dem Talmud. Es war aber auch eine verwirrende Uneinheitlichkeit die Folge, die dazu führte, dass in verschiedenen Gegenden oft verschiedene Gesetze herrschten.

Mache Karäer verboten es, am Sabbat Waschungen gegen levitische Unreinheit vorzunehmen, andere verboten es am Sabbat einen besonderen Tisch für die Mahlzeiten herzurichten, wieder andere verboten sogar das Bettzeug zu ordnen. Manche verboten das Kochen und Backen an allen jüdischen Feiertagen, außer an Pessach. Andere verboten für den Sabbat das Lesen hebräischer Schriften, erlaubten dagegen das Lesen aller anderen Schriften, in anderen karäischen Gemeinden war das Lesen am Sabbat komplett verboten.

Ein besonderes Gebiet sind die karäischen Speisegesetze. Ein Teil der Karäer erlaubte den Genuss von Fleisch im Galut, der Diaspora, ein anderer nicht. Manche erlaubten Fische bei Andersgläubigen zu kaufen. Die einen erlaubten den Genuss von Fleisch von Vieh, dass von Rabbaniten geschlachtet wurde, bei anderen war es streng verboten.

Ein Teil der Karäer sah das Nachmittagsgebet (Mincha) als tägliche Pflicht an, andere waren dagegen der Meinung, dass es nur für Feiertage vorgeschrieben war. Einige waren der Meinung, dass Schawuot, das Wochenfest, in der Gegenwart nicht mehr gefeiert werden müsse, bei anderen gab es sogar die Meinung, die Feste seien überhaupt nicht mehr obligatorisch, da sie überhaupt nur Erinnerungen darstellten.

Neuere Geschichte
Die meisten Schriften der Karäer waren in arabischer Sprache geschrieben, das änderte sich im 11. Jahrhundert, als die geistige Führungn der Karäer nach Byzanz ging. Die Werke der karäischen Lehrer Abulfaradsch und Josef Albassir wurden aus dem Arabischen ins Hebräische übersetzt. Die ganze Lehre ging allmählich ins Hebräische über.

Im 15.-16. Jahrhundert lebten die Karäer in Konstantinopel in Eintracht mit den Rabbaniten, sie studierten sogar unter ihrer Anleitung hebräische Literatur und weltliche Wissenschaften. Die rabbanitischen Gelehrten, wie zum Beispiel Elia Misrachi, Mordechaj Komtino und andere verhielten sich den Karäern gegenüber duldsam und nahmen karäische Schüler auf.

Im 14. Jahrhundert ging die Führung der jüdischen Sekte an die litauisch-russischen Karäer über. Eine starke Einwanderung der Karäer, zusammen mit den Krimjuden, begann nach der Eroberung der Krim durch die Tataren. Ende des 14. Jahrhunderts siedelte der litauische Großfürst Witold einen Teil der Krim-Karäer, zusammen mit gefangenen Tataren, in die Stadt Troki (bei Wilna) um. Ein Teil der Karäer wanderte weiter nach Wolhynien und Galizien.

Ab etwa 1850 ging die Führung der Karäer an die Krim-Karäer über. Durch starke Zuwanderung aus Galizien und Luzk entfaltete sich bei den Karäern eine rege literarische Tätigkeit. Sie hielt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts an. Zahlreiche Druckereien wurde eröffnet in denen in den 30er bis 60er Jahren eine große Anzahl von Werken karäischer Schriftsteller gedruckt wurden.

Von allen Beschränkungen, mit denen die russischen Eroberer der Krim die Juden drangsalierten
(Militärpflicht, Handel, Wohnrecht), blieben die Karäer ausgenommen. 1852 baten Karäer aus Troki die zaristische Regierung, ihnen zu gestatten, sich nicht mehr Juden zu nennen, sondern „Russische Karäer“, weil sie den Talmud ablehnen und sich durch ihre Lebensweise, Arbeitsamkeit, Ruhe, musterhafte Ehrlichkeit und Kaisertreue von den Juden unterscheiden. (Eine wahrhaft antisemitische Begründung.) Die zaristische Regierung bewilligte ihnen dieses Recht 1863, es blieb bestehen bis zum Ende des Zarismus 1918.

In besonderem Maße trug zur Hebung des Ansehens des Karäertums bei der russichen Regierung der Karäer Abraham Salomon Firkowitsch bei, der sogar vor Fälschungen nicht zurückschreckte, um zu belegen, dass die Karäer schon seit sehr langer Zeit auf der Krim siedelten.

Heute
In der Sowjetunion lebten 1970 (das sind die letzten vorliegenden Zahlen) 4.571 Karäer, in Israel, nach Schätzungen der Karäer selbst, zwischen 20.000 und 25.000. Weitere Karäer-Gemeinden gibt es in den USA, in Ägypten und Istanbul.

Seit 1926 werden in New York karäische Gottesdienste abgehalten, die meisten Karäaer schlossen sich aber rabbinisch-jüdischen Gemeinden an, lediglich in San Francisco existiert eine eigene gutorganisierte karäische Gemeinde.

In Litauen liegt das karäische Zentrum Trakai. Die Stadt ist bis heute das Zentrum der litauischen Karäer, deren ältere Generation immer noch teilweise die aus der Krim mitgebrachte karäische Turksprache beherrscht. Übrigens die einzige Turksprache die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird! In Trakai gibt es auch ein kleines karäisches Museum. In Trakai und Vilnius existieren bis heute noch kleine karäische Gebetshäuser. Auch in Warschau gibt es eine kleine Gemeinde mit einem Gebetshaus.

Die Karäer unter Naziherrschaft
Die Nationalsozialisten befassten sich zum ersten Mal mit den Karäern, als sie die Durchführungsverordnungen der Nürnberger Rassegesetze veröffentlichten.
Anfang 1939 entschied die Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin, dass die Karäer nicht als Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft zu betrachten seien, sondern jeder Karäaer einzeln nach seinem Stammbaum betrachtet werden solle.

Im Frankreichfeldzug waren die deutschen Besatzer mit den Karäern konfrontiert, damals lebten in Frakreich viele Karäer. Sie akzeptierten aber deren Behauptung keine Juden zu sein. Im Russlandfeldzug stießen die Einsatztruppen auf Karäer in Litauen und der Krim. Sie baten um eine Stellungnahme des Rassenamtes in Berlin. Doch schon bevor diese Stellungnahme vorlag, hatten die Einsatzgruppen von SS und Polizei an vielen Orten im Osten Karäer ermordet. Himmler entschied, dass die Karäer als sowjetfeindliches Turkvolk nicht ermordet werden sollten, weil sie türkisch-mongolischer und nicht genuin jüdischer Herkunft seien.

Im Sommer 1942 schickten deutsche Stellen Anfragen an jüdische Gelehrte in den Ghettos von Warschau, Vilnius und Lemberg, ob die Karäer Juden seien. Wider eigene Überzeugung, also um den Karäern das Schicksal der europäischen Juden zu ersparen, erklärten die Gelehrten sie zu nicht-jüdisch.

Im Mai 1943 kam das Ministerium für die besetzten Ostgebiete zu der Überzeugung, dass die Karäer türkisch-mongolisch-tatarischer Herkunft seien und somit keine Juden. Rassenkundliche Untersuchungen an Karäern hätten diese Einschätzung bestätigt.

Für viele Karäer waren diese Einschätzungen der Nazi-Rassenkundler ein großes Glück, denn so gelang einer sehr großen Zahl von Karäern das Überleben. Eine große Rolle beim Überleben der Karäer spielte natürlich auch die Tatsache, dass die Karäer weder jiddisch noch hebräisch sprachen, sondern ihre eigene turkmenische Sprache.
Im Gegensatz zu den Karäern wurden die Chasaren, eine ebenfalls jüdische Sekte, von den Nazis fast komplett ausgerottet.

Aus der Sicht einiger rabbinischer Gelehrter war das Verhalten der Karäer den Nazis gegenüber, vor allem die Verleugnung ihres Judentums, Verrat am Judentum. Es sei zwar verständlich, dass die Karäer versuchten, dem nationalsozialistischen Rassenwahn zu entkommen, doch die Negation der gemeinsamen Vergangenheit und der seit hunderten von Jahren geführten theologischen Debatten, Streitereien und Freundschaften konnten sie nicht akzeptieren, denn sie waren letztlich beide Juden im biblischen Sinn: Kinder der Thora.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben