Juli 2, 2014 – 4 Tammuz 5774
«Die Jugend als Kraft und Zukunft»

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Ein Gespräch mit viel Chutzpe: Ever Motaev und Michael Krebs-Cerubi über jüdische Tradition und die Zukunft des jüdischen sefardisch-bucharischen Zentrums Deutschland in Hannover 

Ein kurzes, freundliches Telefonat mit Ever Motaev, und dann mache ich mich auf in den Hannoveraner Stadtteil Ricklingen. Hier finde ich ein graues Gebäude mit einer großen Fens- terfront, es ist das Haus des Traumes und der Hoffnung, das jüdische sefardisch-bucharische Zentrum Deutschlands. Ein geschichtsträch- tiger Ort, hat sich doch im Jahr 2002 in Han- nover das erste Mal in der Geschichte Deutsch- lands eine sefardisch-bucharische Gemeinde gegründet und registriert. Vor zwölf Jahren hat- ten sich die aus Kirgisien, Buchara, Samarkand und Schachrizabs stammenden Familien Davy- dov, Gavrilov und Motaev zusammengeschlos- sen, um ihre Zukunft selbst zu gestalten. Heute zählt ihre Gemeinde über 300 Mitglieder und ist somit die größte bucharische Gemeinde in Deutschland.

Auf dem Parkplatz treffe ich Vorstandsmit- glied Ever Motaev, und wir gelangen auf das Grundstück, in dessen Garten ein paar Hasen spielen. Trotz der nahegelegenen Straße mit hohem Verkehrsaufkommen ist es äußerst ru- hig. Mit freundlichem Lächeln eilt uns bereits Michael Krebs-Cerubi entgegen und wir be- treten zusammen das Zentrum.
Einst waren diese Räumlichkeiten Teil der Maria-Magdalenen-Kirche der evangelischen Landeskirche. Sie wurde im Jahr 1962 eröffnet und musste sich schlussendlich mit nur noch 1.500 Gemeindemitgliedern im Juni 2009 auflösen. Anschließend standen die Räum- lichkeiten zwei Jahre leer. Inzwischen sind die Umbauten der ehemaligen Kirche und des dazugehörigen mehrstöckigen Wohnhauses inklusive Pfarrhaus fast abgeschlossen. «5085 Quadratmeter», lacht Michael Krebs-Cerubi, «und ich bestehe auf jeden Einzelnen!».

Eine der ersten Stationen dieser Gemeinde war die Synagoge Haeckelstraße, wo sie bis 2008 untergekommen waren. Doch war es den Gemeindemitgliedern, sowie dem dama- ligen Vorstand, immer ein Bedürfnis, dass Sie einen Raum schaffen, wo der eigene Nussach gebetet werden kann. Zunächst zog man in ein ehemaliges koreanisches Restaurant auf der Göttinger Chaussee um, allerdings herrschte dann auch hier bald Platzmangel.

«Haus des Traumes und der Hoffnung»
In der Gemeinde herrscht viel Lebendigkeit, was vielleicht auch daran liegen mag, dass im Mittelpunkt des Gemeindelebens im Zentrum Kinderliebe und Kinderfreude stehen. Da ist es kaum verwunderlich, dass bedingt durch Hochzeiten und Geburten die Gemeinde ei- nen schnellen Zuwachs zu verzeichnen hat. Seit ihrem Bestehen ist die Gemeinde von An- fangs ca. 100 Mitgliedern auf inzwischen über 300 Mitglieder angewachsen. Ever Motaev erklärt, dass man ein Umfeld schaffen musste, dass sich in der Zukunft erweitern ließe. So wurden lange und intensive Gespräche mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Verband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen geführt. «Ein bisschen lag die Idee auch bei Stephan Kramer. Der erklärte uns, dass es für eine kleine Gemeinde einfach nicht möglich sei einen Rabbiner zu finanzieren. Wenn wir allerdings eine über- regionale Tätigkeit ausüben sollten, so wür- de sich das ändern.», erinnert sich Michael Krebs-Cerubi. «Wir wollten für die 1200 in Deutschland registrierten Buchari eine Hei- mat schaffen, und gleichermaßen öffneten sich damit die Tore für einen Rabbiner.»

Für ein Vorhaben in dieser Größenord- nung musste allerdings erst eine geeignete Unterkunft gefunden werden. Ein Neubau sei nicht möglich, gab Kramer zu bedenken, doch könnten Schulen, Kirchen oder Kindergär- ten auf ihre Zweckmäßigkeit geprüft werden. Schließlich kam die verlassene Maria-Magda- lenen-Kirche als Option ins Gespräch. Kein einfaches Unterfangen, mussten doch erst drei Rabbiner bestätigen, dass der Einzug gegen keine Grundsätze der jüdischen Tradition ver- stoße. Andererseits stellte eine solche Lösung in Hannover auch schon kein Unikum mehr dar: Im Jahr 2007 war bereits die aufgegebene Gustav-Adolf-Kirche der liberalen Gemeinde «Etz Chaim» veräußert worden, die zu einem modernen jüdischen Gemeindezentrum mit Synagoge umbaute.

Um das «Haus des Traumes und der Hoff- nung» Wirklichkeit werden zu lassen, brauch- te es ein Höchstmaß an Planung und einer soliden Finanzierungsgrundlage. Folglich trat man damals in Verhandlung mit Banken und musste eine ganze Menge an Eigenkapital auf- bringen, bedenkt man doch, dass allein Kauf und Sanierungsmaßnahmen eine Summe von einer Millionen Euro verschlangen. Doch das Engagement lohnte sich, und die beteiligten Familien konnten sogar 25 Prozent des Auf- wandes, also 250.000 Euro, als Eigenleistung aufbringen.

Inzwischen ist die Gemeinde Realität ge- worden – mit viel Platz und viel Zukunft. Zwar gibt es bisher keine eigene Mikwe, doch auch das soll sich schnell ändern. Michael Krebs- Cerubi lächelt: «Ich bin nicht nur der Spre- cher und der Tischler, nein, ich bin auch der Architekt.» Der geeignete Standort auf dem Gelände wurde bereits sondiert, und Krebs- Cerubi hat schon einige Entwürfe angefertigt.

«Wir wollen richtig streiten»
Wir schlagen in unserem Gespräch weite Bah- nen, von den frühen Anfängen der Gemeinde bis in die Zukunft. Motaev konstatiert, dass der Kindersegen nicht nur Lebendigkeit in die eigene Gemeinde bringen soll. Viel mehr, will man eine Vorbildfunktion auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft einnehmen. «Kinder sind etwas wunderbares, aber sie begehren auch auf, das ist uns wichtig. Wir wollen uns richtig streiten, richtig jüdisch streiten. Wir sind eine Gemeinde mit viel Streit, aber posi- tivem Streit.» So lebt man ganz in der Traditi- on: «Zwei Juden, drei Meinungen.»

Bei einem sind sich Motaev und Krebs-Ce- rubi absolut einig: «Es braucht Platz und den Willen zum Judentum, nur so geht es wei- ter.» Ihren Platz hat die Gemeinde gefunden, gerade einmal zehn Minuten vom Stadtkern entfernt. Beide sind auch von der dringlichen Notwendigkeit einer verstärkten jüdischen Bildungsarbeit überzeugt. So erklärt Michael Krebs-Cerubi, dass die Jüdischkeit manch- mal nachgeholt werden muss, und dass es eine Maxime gebe, die dem Leben in diesem Zentrum zugrunde läge: Als Erstes ist man Jude, dann Buchari, die Ethnie steht hier nicht an erster Stelle. Die Erwartungen sind hoch gesteckt, will man doch eine der stärksten Gemeinden in Deutschland werden und dabei den Bildungs- und Traditionshunger, welcher diesen Ort so prägt, nicht nur erhalten, sondern verstärken. Dafür finden Kinder, Jugendliche und andere Gemeindemitglieder hier schon viele interes- sante Angebote. Das Gebäude ist voll unter- kellert, so konnte ein großes Jugendzentrum und ein Zeichenkurs eingerichtet werden. Die Treppen hinauf, im zweiten Obergeschoss sollen dann ein Kindergarten und eine Kin- dertagesstätte entstehen. Motaev runzelt die Stirn: «Die Anträge hierfür sind schon fertig geschrieben. Wir pflegen einen sehr pragma- tischen Umgang mit den Behörden.» Für die Frauen der Gemeinde gibt es auch die Mög- lichkeit zu gemeinsamen Aktivitäten im eigenen Frauenklub.

Eine Trias für die Zukunft
Auf dem Weg zu einer umfassenden Bil- dungsarbeit und Traditionsvermittlung hat sich einenqualifizierte Trias zusammenge- funden: Kantor, Religionslehrer und Rab- biner arbeiten gemeinsam daran, auch die- jenigen für das Judentum zu gewinnen, die ihre Jüdischkeit (noch) nicht ganz für sich entdeckt haben. Auch bei ihnen stehen die Jugendlichen ganz besonders im Fokus, so wollen sie ihnen eine gute Kenntnis des Ju- dentums vermitteln, denn «ohne das Juden- tum wäre das alles nicht möglich», so Krebs- Cerubi. Hinzu kommt Wissensvermittlung der bucharischen Kultur und Traditionen, und das Erleben von Sprachen – darunter Deutsch, Hebräisch und Buchari – als bin- dende und integrative Kraft.

Eine Schlüsselrolle fällt hierbei Kantor Ari Malaev zu. Wir sitzen in einer Sitzgruppe vor einer Tafel mit dem ehemaligen Vorstand, in der Mitte findet sich das Bild von Malaev und diese Position scheint nicht willkürlich gewählt: «Er ist das Herz unserer Gemeinde, heute ergänzt durch den Rabbiner», sagt Mo- taev. Bevor der Rabbiner finanziert werden konnte, war es Malaev, der das Gebet leitete. Und er erfüllt noch eine zweite wichtige Auf- gabe für die Gemeinde, denn hinzu zu seiner kräftigen Stimme, ist er ausgebildeter Schochet und versorgt die fleischige Küche.

Eine nicht zu vernachlässigende Rolle, insbesondere für die Zukunft des Zentrums, spielt natürlich der Religionslehrer. In enger Zusammenarbeit mit Rabbiner und Kantor hat Rabbiner Yaacov Zinvirt – Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutsch- lands (ORD) – den Anspruch, die Jugendli- chen auf dem Weg der jüdischen Identitäts- bildung zu begleiten. Im Jahr 1990 ist Zinvirt mit der Ausbildung als Religionslehrer nach Deutschland gekommen und hatte eigentlich nicht vor, so lange zu bleiben. Allerdings gab es dann doch zwei gute Gründe zum Verbleib, denn zum einen hatte er in Deutschland seine Frau kennengelernt und zum anderen merkte er, dass er hier gebraucht wird. Zinvirt kehrte nach Jerusalem zurück, ließ sich als Rabbiner ausbilden und ist inzwischen auch in dieser Funktion für die Jüdische Gemeinde Duis-

Blick zur Frauenempore

Blick zur Frauenempore

Von Monty-Maximilian A. OTT

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