Juli 3, 2014 – 5 Tammuz 5774
Die Jüdische Rundschau vor 100 Jahren

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An dieser Stelle bringen wir Auszüge aus der «Jüdischen Rundschau» von vor genau 100 Jahren und erinnern damit zugleich an eine jüdische Medienlandschaft in Deutschland, die sich Ende der 1930er Jahre unter nationalsozialistischer Repression unwiederbringlich aufl öste. Die «Jüdische Rundschau», die 1902 erstmals erschien, war damals nur eine unter vielen jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, aber sie besaß ihr unverwechselbares Profi l. Sie erschien wöchentlich, bisweilen auch zweimal in der Woche, erreichte zeitweilig eine Aufl age von fast 40.000 Exemplaren und spiegelte vor allem die Meinung der zionistischen Bewegung in Deutschland wieder. Maßgeblich geprägt wurde sie von dem berühmten Journalisten, Publizisten, Philosophen und Bibliothekar Heinrich Löwe, der 1933 selbst nach Tel Aviv emigrierte. 1938 wurde die «Jüdische Rundschau» von den Nationalsozialisten verboten. Wie andere Blätter auch, vermittelt die «Jüdische Rundschau» uns heute interessante Einblicke in die spezifi sche Situation der Juden im Deutschen Kaiserreich, während der Weimarer Republik und im NS-Staat. Wir erfahren von innerjüdischen Debatten, dem Kampf um Emanzipation im Alltag, politischen Aktivitäten, Prominenten und weniger Prominenten, von Deutschlands «Sonderweg» wie häufi g auch von Entwicklungen in Palästina und in der jüdischen Diaspora.

In der «Jüdischen Rundschau» vom 3. Juli 1914 warnt der Autor davor, die bestehenden
Startschwierigkeiten für zionistische Siedlungspioniere
nach ihrer Ankunft in Palästina zu unterschätzen.
Er schlägt im Zweifelsfall die Kontaktaufnahme
zum Palästina-Amt in Jaffa vor, das seit 1909
von dem deutschen Zionisten Arthur Ruppin geleitet
wurde:

«In den letzten Monaten hat
die jüdische Einwanderung
nach Palästina eine starke Zunahme
erfahren. Fast jedes
Schiff brachte große Gruppen
von Emigranten, die die unhaltbare
Lage in ihren bisherigen
Wohnländern zur Auswanderung
getrieben hatte.
Außer Rußland und Galizien
sind neuerdings die früher
ottomanischen, jetzt unter
griechischer Oberhoheit stehenden
Balkangebiete, Herde
der Emigration. Es sind bereits
eine erhebliche Zahl von Emigranten
aus diesen Gegenden
in Palästina eingetroffen, die
als ehemalige Ottomanen ein
besonders wertvolles Kolonisationselement
bilden. Infolge
dieser Steigerung der Einwanderung,
die ein erfreuliches
Zeichen für die Zunahme
des überall einsetzenden Interesses
für das Land Israel
darstellt, sind alle Maßregeln
getroffen, um den Strom der
Zuwanderung in geregelte
Bahnen zu führen. Es liegt jedoch
im Interesse eines gesunden
Fortschritts des jüdischen
Kolonisationswerkes, daß die
Einwanderung ohne jede Unterstützung
von sich geht. Die
Rücksicht auf die Landesverhältnisse
Palästinas gestattet
ein stetiges, aber vorläufi g
nur langsames Tempo der Zuwanderung.
Es gibt zahlreiche
Leute, für die Palästina als Einwanderungsland
in Betracht
kommt, aber auch sehr viele,
die wegen ungenügender Mittel
oder mangelnder Berufskenntnisse
in Palästina jetzt
absolut keine Existenz fi nden
können. Es ist daher dringend
zu empfehlen, nicht aufs Geratewohl
unter Umgehung der
zuständigen Informationsstellen
in Palästina und den Emigrationsländern
zu handeln.
Ueber die Möglichkeit der Ansiedlung
in Palästina erteilt
das Palästina-Amt in Jaffa bereitwilligst
die Auskunft.»

In der «Jüdischen Rundschau
» vom 10. Juli 1914
schreibt der Wiesbadener
Gustav Salomon seine Gedanken
über «Theodor Herzl
und die Jugend» nieder:

«Schön steht der Jugend die
Freude; denn wunderhübsch ist
die Zeit, da man die Kräfte in
sich glaubt, das Weltall umspannen,
alles erjagen und besiegen
zu können. Ihr ist die Zukunft.
Und doch bleibt ihr Glück nicht
ungetrübt; Leid erfährt sie
bald. Sie wird nämlich gewahr,
daß das Kommende nicht alles
verheißt, daß vielmehr auch die
Vergangenheit Köstliches in
sich birgt, das keinesgleichen
mehr kennt. Gerade ihr hat die
Natur vorenthalten, Epochen
mitzuerleben, in denen große
Männer es verstanden, gewaltige
Taten zu vollbringen. Beinahe
mit Leid blicken wir auf die
alten, die damals mitarbeiten
durften, während wir uns damit
bescheiden müssen, ihren
Berichten zu lauschen, bis vor
unserem Geiste das Bild unserer
Sehnsucht entsteht.
Vor einem Jahrzehnt ist
Theodor Herzl von uns gegangen,
und wir konnten damals
seinen Verlust nicht ermessen.
Wir haben ihn nicht gekannt,
aber aus seinen Schöpfungen,
die seinen Geist atmen,
ward uns Kenntnis über ihn.
Bald tritt er uns als gewandter
Schriftsteller und feiner
Dichter, bald als tüchtiger Organisator
und bedeutender
Politiker entgegen. Unserem
Volke war er ein Führer, dem
einzelnen ein guter Freund.
Der Jugend ist er mehr.»

In der Ausgabe der «Jüdischen
Rundschau» vom 17. Juli 1914
wird von der Eröffnung einer
«hebräischen Realschule in Haifa
» berichtet, die zu diesem Zeitpunkt
«130 Schüler aus Haifa
und den Kolonien» zählt:

«Das Beth Hasefer Hareali Haibri
in Haifa versendet sein Programm.
Es ist die vielumstrittene
Realschule, die durch das bekannte
Kompromiß aus dem Komplex
der Technikumsgründungen ausgeschieden
ist und der zionistischen
Initiative überlassen wurde.
Die Schule ist erwachsen aus der
in der Kampfzeit auf die hebräische
Seite übergegangenen Hilfsvereinsschule
und umfaßt nach
den Neuanmeldungen zu Beginn
dieses Semesters etwa 130 Schüler
aus Haifa und den Kolonien.
Die Schule wird nach ihrem
vollkommenen Ausbau drei Vorbereitungs-
und Realklassen umfassen,
von denen die drei Vorbereitungs-
und Realklassen bereits
bestehen. Nach Sukkoth wird die
vierte und wenn genügend Anmeldungen
vorliegen, auch die
fünfte Realklasse hinzugefügt
werden. Die Schule soll gemäß
dem ersten Leitsatz ihres Status
zugleich mit einer hebräisch-nationalen
Erziehung für technische,
überhaupt für praktische Berufe
vorbereiten. Die drei obersten
Klassen werden neben den Realklassen
Parallelkurse für handelswissenschaftliche
Vorbereitung
aufweisen. Gemäß ihrem Lernziel
legt die Schule auf das manual-
training besonderes Gewicht
und erhofft durch diese Arbeit
eine Erziehung zur Ordnung,
Präzision und Gewissenhaftigkeit.
Durch die Art ihrer Arbeit
will sie klare und selbständige
Menschen erziehen und in konsequenter
Methodik durch stete
praktische Bestätigung den Willen
stählen. Die immer neu sich
bildenden Arbeitsgemeinschaften
verlangen die Mitregierung
der Schüler, durch die sie in Kameradschaftsgefühl
und Selbstdisziplinierung
erzogen werden.
Auch der körperlichen Erziehung
durch Turnen, Sport, vor allem
aber durch gemeinsames Wandern
legt die Schule großes Gewicht
bei. (…) So hofft die Schule:
klare, selbständige, willensstarke,
uneigennützige Menschen
zu erziehen, deren Wirkung in
der künftigen Entwicklung des
Landes sich geltend machen soll.
Die Einleitung des Programms
schließt mit den Worten:
«Wir wollen nicht eine neue
Stätte zum Erwerb von Berechtigung
für akademisches oder technisches
Studium sein, wir kennen
nur einen Sinn und ein Ziel für
unsere Arbeit, neue Helfer für
die Erlösung unseres Landes und
die Befreiung unseres Volkes zu
schaffen.» – «Vom Kleinsten bis
zum Größten sollen unsere Jungen
lebendig das Gefühl in sich
tragen, daß sie Zukunftsmenschen
sind, Menschen künftiger
jüdischen Herrlichkeit.»

Über Berufsverbote und
andere diskriminierende
staatliche Maßnahmen gegen
jüdische Handwerker
im Zaristischen Russland,
hier konkret in Kiew,
schreibt ein anderer Autor
in der «Jüdischen Rundschau
» vom 24. Juli 1914:

Nach einer neuerdings getroffenen
behördlichen
Verfügung werden voraussichtlich
acht- bis neuntausend
jüdische Familien, insgesamt
etwa vierzigtausend
Seelen, die Stadt verlassen
müssen. Dabei handelt es
sich um zwei besonders privilegierte
Kategorien von
Juden, deren Wohnrecht
seit Jahrzehnten unbestritten
ist. Als nämlich die russische
Regierung unter dem
liberalen Alexander II. die
Verbreitung der Bildung
unter Juden besonders fördern
wollte, da erließ sie ein
Gesetz, wonach alle derjenigen
Juden, die ihre Kinder
in die Unterrichtsanstalten
Kiews schickten, unbehelligt
am Orte wohnen durften.
So wohnen gegenwärtig
etwa zweitausendfünfhundert
jüdische Familien in
Kiew nur auf Grund der
Erziehung ihrer Kinder in
staatlichen Schulen. Da sind
nun plötzlich die russischen
Verwaltungsbehörden auf
den Gedanken gekommen,
das seit Jahrzehnten
bestehende Privileg, ohne
jegliche Sanktion seitens
der gesetzgebenden Körperschaften
umzustoßen!
Neben dieser Kategorie soll
aber noch eine weit größere,
diejenige der Handwerker,
schon in den nächsten
Wochen der Ausweisung
verfallen. Den in Kiew gibt
es nicht weniger als sechstausend
alteingesessene
jüdische Handwerkerfamilien,
die also ins große Unglück
gestürzt werden. Und
womit begründen die Behörden
diese Grausamkeit?
Sie haben vor einigen Jahren
in dem jüdischen Ansiedlungsrayon
sämtliche
Handwerkerinnungen mit
Ausnahme derer von Odessa,
Berditschew, Kischinew
und Kertsch geschlossen
und von den Juden, die
als Handwerker in Kiew
wohnen, die alljährliche
Beibringung eines Zeugnisses
einer Innung verlangt,
durch die der Befähigungsnachweis
erbracht
wäre. Nunmehr gehen
die Behörden noch einen
Schritt weiter. Sie verlangen
von jedem, der ein solches
Zeugnis beibringt, den
Nachweis, daß er seinerzeit,
sei es vor zwanzig oder dreißig
oder noch mehr Jahren,
am betreffenden Orte seine
Lernzeit durchgemacht
habe. So absurd auch diese
Forderung ist, daß plötzlich
sämtliche jüdischen Handwerker
Rußlands, wenn sie
vom allgemeinen Wohnprivileg
Gebrauch machen
wollen, den Nachweis erbringen
sollen, daß sie ihre
Lehrlingszeit an einem der
genannten vier Orte zugebracht
hatten, so sehr dies
natürlich auch dem Gesetz
wiederspricht, so ist doch
die Gefahr vorhanden, daß
die Kiewer Verwaltung die
wiedersinnige Katastrophe
herausbeschwören wird.
Schon sind zahlreiche jüdische
Handwerkerfamilien
auf Grund der erwähnten
Verfügung ausgewiesen
worden und die anderen
erwarten von Tag zu Tag
das gleiche Schicksal. So
werden wohl etwa vierzigtausend
jüdische Seelen
Kiew verlassen müssen! Die
geplante Massenausweisung
bedeutet eine Heraufbeschwörung
von Elend,
wie es selbst in Rußland
nicht alltäglich ist. Sollte die
Menschlichkeit nicht noch
im letzten Momente siegen,
so wird Kiew damit einen
der schrecklichsten Pogrome
erleben. Diese Ausweisungen
bedrohen aber nicht
nur die Existenz der Kiewer
Juden, sondern auch die gesamte
Wirtschaft des russischen
Südwestens.»

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