Januar 6, 2017 – 8 Tevet 5777
Die jüdische Gemeinde in Heidelberg

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Die Wiege der ersten Universität auf deutschem Boden  

Von Miriam Magall

Juden dürften sich in Heidelberg spätestens seit der Mitte des 14. Jahrhunderts in der Unteren Straße / Ecke Dreikönigstraße angesiedelt haben. Auf jeden Fall stand dort ihre Synagoge, wie ein Stich von M. Merian zeigt. Es muss auch eine Mikve, ein jüdisches Ritualbad, in ihrer unmittelbaren Nähe gegeben haben. Im Keller des Eckhauses, das sich heute an dieser Stelle erhebt, führt eine enge Wendeltreppe in einen kleineren, überwölbten Kellerraum, von dem es auf derselben Wendeltreppe noch weiter in die Tiefe ging. Dieser Teil wurde später zugemauert und ist heute leider nicht mehr frei zugänglich.

Lange dürfen sich die Heidelberger Juden nicht an Synagoge und Mikve erfreuen. Als Kurfürst Ruprecht I. (1309—1390) stirbt, tritt sein Neffe als neuer Kurfürst Ruprecht II. (1325-1398) seine Nachfolge an. Kurz zuvor, 1396, hatte sein Onkel die Ruprecht-Karls-Universität, die erste auf (heutigem) deutschem Boden (Anm. d. Red.: die erste deutsche Universität stand in Prag), gegründet. Der neue Kurfürst braucht wohl mehr Platz für dieses Prestigeobjekt. Da sind ihm die Juden im Weg, weshalb er sie im September/Oktober 1390 kurzerhand aus der Stadt ausweist. Die Synagoge und die enteigneten Häuser der Juden schenkt er (ein wirklich großzügiger Herrscher!), der neuen Universität. Damit sind deren Platzsorgen erst einmal behoben.

In die besseren Häuser ziehen die Professoren ein, in die einfacheren die Studenten. In einem feierlichen Gottesdienst wird die Synagoge am zweiten Weihnachtstag, am 26. Dezember, 1390 vom Wormser Bischof Eckhard von Dersch zu einer Kirche zur Ehre Gottes, Marias und des Heiligen Stephanus geweiht. Fortan kennt man die ehemalige Synagoge als Universitätskapelle. Sie dient der jungen Universität nicht nur zum Beten, nein, hier finden auch Vorlesungen statt. Und selbst ihre finanzielle Absicherung verdankt diese erste deutsche Universität anfangs den vertriebenen Juden: Neben den Häusern und der Synagoge übereignet der neue Kurfürst der Universität auch alle Weinberge in ehemals jüdischem Besitz.

Judenpogrome
Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg, also gegen Mitte bzw. Ende des 17. Jahrhunderts, praktisch 300 Jahre später, dürfen Juden wieder in Heidelberg wohnen. Sie lassen sich erneut in dem Stadtteil beim Neckar nieder, in dem sie schon vor ihrer Vertreibung gewohnt hatten, rund um die Untere Straße. Hier liegt bis zur „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938 das Zentrum jüdischen Lebens.
Und hier kommt es auch zu einem Pogrom: 1819, dem Jahr der „Hepp-Hepp“-Unruhen, ziehen dichte Menschenscharen in die Untere Straße und durchbrechen mit Äxten und Brecheisen Fenster, Läden und Türen. Drei Stunden lang können sie ungestört in jüdische Häuser eindringen und alles, was sie dort vorfinden, plündern oder zerschlagen. Am Ende ist beinahe die ganze Straße angefüllt mit Papierfetzen, Bettfedern und Möbeltrümmern. Weder die Polizei noch die Bürgergarde greifen ein. Überraschende Hilfe wird den überfallenen Juden von den mit Hiebern, Säbeln oder Rapieren bewaffneten Studenten der Universität zuteil. In kürzester Zeit zerstreuen sie die Räuber und händigen alle, derer sie habhaft werden können, den städtischen Behörden aus. Von den mehreren hundert Aufrührern und Plünderern werden nur fünf Heidelberger Bürger und vier auswärtige Handwerksgesellen festgenommen, aber schnellstens wieder auf freien Fuß gesetzt. (…)

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