März 31, 2017 – 4 Nisan 5777
Die Judenrettung unter der Mondsichel

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Warum Albanien im Zweiten Weltkrieg zum Vorbild für den Kampf gegen Antisemitismus wurde  

Von Melissa Kaiser

Es ist ein kleines Wunder, jenes Ereignis, das sich in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges im albanischen Kernland abspielte. Das von Mussolini im April 1930 besetzte und mehrheitlich muslimische Königreich Albanien wurde zum Schutzhort von der NS-Herrschaft verfolgter Juden.

Grund hierfür war primär ein albanischer Ehrenkodex namens „besa“, welchem sich die Leute dieses Königreichs und vorbildhaft sein König Ahmet Zogu verpflichtet fühlten.

Albanien unterschied sich in vielen anderen Punkten von den übrigen europäischen Ländern, welche als NS-Satellitenstaaten fungierten. Die Infrastruktur war desaströs, ein Eisenbahnnetz existierte beispielsweise überhaupt nicht. Auch das Bildungssystem war im Vergleich weit abgeschlagen und bot kaum Möglichkeiten zur Weiterbildung.
Es war (und ist) somit ein im europäischen Vergleich auffällig rückständiges Land, welches dem grassierenden Vernichtungsantisemitismus Einhalt und Widerstand gebot. „Besa“, was so viel bedeutet wie „ein Versprechen halten“, beschreibt die Pflicht eines jeden Albaners Schutzbedürftige bei sich aufzunehmen und unter Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen. Ein Verrat des Fremden würde den Verräter zum Ehrlosen innerhalb der albanischen Gesellschaft degradieren.

Gerade innerhalb der Grenzen des Königreichs kam es schon früh vermehrt zu Aufständen gegen den italienischen Faschismus und seiner Besatzung. Am Schutz der Juden, die aus Deutschland, Österreich, Jugoslawien oder Griechenland nach Albanien flohen, zeigte sich jedoch der aufrührerische Geist der albanischen Bevölkerung. Staatliche Einrichtungen fälschten Pässe für jüdische Flüchtlinge, Listen derselben gerieten erst gar nicht in die Hände der deutschen Besatzer ab 1943, welche die italienische Kontrolle ablösten.

Ein Zitat der albanischen Brüder Hamid und Xhemal Veseli, die von der Gedenkstätte Yad Vashem wie einst Oskar Schindler mit dem emotionalen Titel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet wurden, verdeutlicht das verbindende Mitgefühl der Albaner, das das Leben der Verfolgten bewahrte: „Unsere Eltern waren fromme Muslime und glaubten wie wir auch, dass jedes Klopfen an der Tür ein Segen Gottes ist. Wir haben nie Geld von unseren jüdischen Gästen genommen. Alle Menschen sind von Gott. Besa existiert in jeder albanischen Seele.“ Sowohl nationale Elemente wie Ehre und Stolz, aber auch religiöse Überzeugungen sorgten dafür, dass nahezu zweitausend Juden in Albanien überleben durften – das sind fast alle, die es in dieses Land schafften.

Die Brüder Veseli formulierten zudem, dass Albanien bereits viermal seine Türen für Schutzsuchende geöffnet hatte. Für die Griechen während einer Hungersnot, für italienische Soldaten, für die Juden und zuletzt für albanische Flüchtlinge aus dem Kosovo. Lediglich die Juden waren es ihrer Ansicht nach, die vollste Dankbarkeit zeigten.

Dieser wertvolle Teil der Geschichte verdeutlicht eine Lehre, die heute lebende Generationen stets in ihrem Bewusstsein tragen sollten. Ein Regime oder eine Ideologie können noch derart grausam sein, die Strafen für Ungehorsam und Auflehnung unmenschlich bis hin zur Todesstrafe. Es ist jedoch möglich und wichtig trotzdem Widerstand in jeglicher Form zu leisten. Wenn Menschen sich zusammenfinden, ihre humanen Überzeugungen verbinden und ihre Ablehnung des betreffenden Unrechts systematisieren, kann ein Teil der Menschen und der Menschlichkeit überleben.

Es kann gar nicht angemessen betont werden, wie essentiell dieses Bewusstsein und diese Erkenntnis für das Leben und Überleben der Demokratie ist. Die Bevölkerung hat viel mehr Einfluss in demokratiegefährdenden Zeiten als sie sich manchmal eingestehen oder zugeben möchte. Doch wenn jeder auch nur ein Leben rettet, so hat er die ganze Welt gerettet. Ganz so wie es der Talmud schon seit vielen, vielen Jahren richtigerweise mahnt und daran erinnern möchte.

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