Juni 6, 2019 – 3 Sivan 5779
Die Juden-Sympathie der Tschechen

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Das kleine westslawische Volk widersetzte sich schon im Mittelalter anti-jüdischen Pogromen und ist auch heute besonders israel-freundlich 

Von Aleš Novotný

Als seit Generationen „Brünner“ und mährischer Patriot hatte ich Prag nie gemocht, als ich in jungen Jahren noch in meiner alten tschechoslowakischen Heimat lebte. Vor vier Jahrzehnten habe ich sie dann endgültig in Richtung Freiheit des westlicheren Europas verlassen, um seitdem fast wie Ahasver in dem selbigen umherzuwandern. Diese Reisen betreffen seit dem viel zu samtenen Umsturz Havels auch meine gelegentlichen Versuche, in die alte Heimat zurückzukehren – um immer wieder bestätigt zu bekommen, dass eine Rückkehr nichts als Illusion ist.

Unlängst war ich wieder einmal da, mit einem deutschen Freund, der sowohl geographisch als auch historisch sehr interessiert ist, so viel wie möglich von uns Tschechen und insbesondere von Prag zu erfahren. Weil mir bekannt war, dass sein Interesse an dem jüdischen Teil nicht nur der Prager Geschichte außerordentlich ausgeprägt ist, wählte ich zuerst ein Hotel in der ältesten Altstadt. Als wir dann an einem schönen Vormittag zwischen der Altneuen und der Spanischen Synagoge um den Alten Friedhof in Richtung Moldau unser Schlendern begannen, überraschte mich mein Freund mit einer fast schon persönlichen Frage – warum eigentlich wir Tschechen so judenfreundlich seien, dass dies heute in Brüssel den meisten der dort massiv versammelten Weltverbesserern gewaltig auf die Nerven geht.

Die Tschechen verstehen den Witz

Da musste ich zuerst ein wenig lachen und zugeben, dass dies wohl so rein sachlich stimmen dürfte. Der Bibi Netanjahu hatte gerade gestern irgendwo gesagt, dass Israel auf der östlichen Halbkugel keine besseren Freunde hätte als uns Tschechen. Und mir ist eine ziemlich schon alte Bemerkung Efraim Kischons in Erinnerung gekommen, als er einmal feststellte, dass er seine weltweiten Lesungen am liebsten vor uns Tschechen hält, auch wenn er vor lauter Gojims steht – uns braucht er im Gegenteil zu anderen Nationen seine Witze nicht zu erklären. Und weil wir gerade an der Moldau entlanggingen und den schönen Blick nach rechts frei hatten, zeigte ich auf Hradschin da oben auf dem Berg, wo die wehende Fahne anzeigte, dass der Hausherr gerade zu Hause ist:

„Weißt du, da oben sitzt gerade ein absolut unmöglicher Mann, der uns jetzt den Staatspräsidenten vorspielt. Ich würde ihn aus hundert Gründen niemals wählen wollen und können, aber eins war und ist super, obwohl ich gar nicht ahne, warum dem so ist – die Idee, unsere Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, hatte er noch früher als Donald Trump. Ja, irgendwie habe ich so eine leise Ahnung, dass der Trump vielleicht diese Idee von ihm hatte...“

„Das soll wohl ein Witz sein, oder?“, fragte skeptisch mein nüchterner deutscher Freund, „immerhin..., in aller Ehre, aber der amerikanische und der tschechische Präsident..., das ist doch irgendwie..., schwer vorstellbar, wie die Vermittlung dieser hervorragenden Idee den Weg hätte nehmen sollen.“

„Nun ja“, entgegnete ich verständnisvoll, „was die politischen Gewichte und die übliche Diplomatie angeht, magst du schon Recht haben. Auf der anderen Seite darfst du aber nicht vergessen, dass die ältesten Kinder Trumps halbe Tschechen sind, also gab es vielleicht dort irgendwelche Informationskanäle... Aber eigentlich wollte ich etwas anderes sagen. Nämlich, dass ich genauso wenig ahne, warum wir Tschechen so judenfreundlich sind. Es stimmt zwar durchaus, und wohl schon seit ewig, aber warum es so ist..., das ist eine ganz schwere Frage...“

Und somit verfiel ich zuerst selbst ins Grübeln, als wir schon fast am Eingang auf die Karlsbrücke ihrem königlich-kaiserlichen Erbauer die Hand hätten schütteln können. Soll ich ganz am Anfang beginnen und ihm sagen, dass ein gewisser Fredegar, ein Mönch aus dem westlichen Frankenreich, schon etwa 620 festhielt, dass ein gewisser Samo, ein weitreisender Fernhändler, der erste Herrscher der Slawen wurde, aus welchen erst Jahrhunderte später die Tschechen entstanden? In Wirklichkeit hieß er wohl Samuel, und weil er von den ihn schon damals schätzenden Slawen zwölf Ehefrauen bekam, zeugte er mit ihnen fünfzehn Söhne und zweiundzwanzig Töchter, was gewiss einen guten Grundstock für die künftige Judenfreudigkeit der Tschechen bedeuten könnte.

Die Tschechen machten keine Pogrome zur Zeit der Kreuzzüge

Oder soll ich erwähnen, dass knapp ein halbes Jahrtausend später im Rahmen des ersten Kreuzzuges alle Städte des westlichen Europas ihre jüdischen Siedlungen durch die üblichen Pogrome verloren hatten, in Prag allerdings die Tschechen ihre Juden mit der Waffe in der Hand verteidigten, obwohl ihr Herrscher damals gar nicht zu Hause war, wie der heutige es ist, um dies zu organisieren?

Auch wenn ich die Geschichte aus der Zeit Rudolfs, wieder um das nächste knappe Jahrtausend später, erwähnen sollte, als Rabbi Löw den Golem zusammenbastelte, wäre es aussichtslos; davon abgesehen, dass sogar fast jeder, der um uns herum auf der Karlsbrücke schlendernden, gefühlt zehn Millionen chinesisch-japanisch-koreanischen Touristen davon hörte, geschweige denn mein gebildeter Freund, würde es nichts bringen im Bezug auf das ewige, verdammte WARUM...

„Weißt du was?“, sagte ich, als wir die Brücke nach dem Hin-und-zurück-Schlendern endlich wieder in Richtung Altstadt verlassen hatten. „Ich kann dir zwar nicht sagen, warum wir Tschechen so judenfreundlich sind, aber wenn du willst, kann ich dir erzählen, warum ich selbst so judenfreundlich bin..., unter anderem, natürlich..., wobei nach meiner Erfahrung dieses Ereignis damals eine Unmenge meiner Landsleute in diesem Sinne sehr ähnlich beeinflusste...“

Mein Freund nickte mit einem neugierigen Blick. Wir befanden uns gerade in einem der engsten Gässchen auf dem Weg zum Zentralplatz der Altstadt, wo der erste aller christlichen Protestanten dieser Welt steht, ein Tscheche natürlich, der schon hundert Jahre vor Luther das Alte Testament wiederentdeckte, und die unglücklichen 27 Protestanten dann, wieder zwei Jahrhunderte später, auf dem Schafott ihre Leben ließen. Diesen schönen Platz in Richtung Wenzelsplatz verlassend rief ich die Erinnerungen zurück, die mich damals so entscheidend prägten:

„Es war im Juni 1967, ich war vierzehn, und es war die erste meiner Prägungen..., sozusagen..., der Erlebnisse, die mir die Augen für die Welt öffneten. Denn vorher kannte ich nur Schlittschuhe und Eishockeyschläger im Winter und Fußball und Tennisschläger im Sommer..., und die ersten Mädchen natürlich..., das hat damals auch so etwa begonnen... Die zweite Prägung war dann ein Jahr später, die russischen Panzer unter dem Fenster unserer Wohnung in Brünn..., aber auch diese noch frühere war nicht so ohne... Also in dem beginnenden Sommer 1967 schreibt plötzlich die Kommunistenzeitung „Rudé Právo“ (das bedeutet „Rotes Recht“)..., richtig lustig, oder, denn der Unterschied zwischen Recht und dem roten Recht ist genauso, wie zwischen dem Suhl und dem elektrischen Stuhl.., also die schreiben plötzlich, dass es im Nahen Osten einen Krieg gibt. Das war sehr ungewöhnlich, so viel zu schreiben und so unerwartet. Die bösen, imperialistischen, nach kapitalistischer Ausbeutung lechzenden Juden haben ganz tückisch, wie es ihre Art ist, vor ein paar Tagen ihre friedliebenden arabischen Nachbarn überfallen. Hilft ihnen aber nichts, denn diese werden schon mit der hilfreichen friedvollen Unterstützung des sozialistischen Lagers und besonders der heldenhaften Sowjetunion bald siegen und die verdammten Juden endlich ausrotten, wie sie es verdienen.

Tschechische Piloten als Helfer der Ägypter

Das war so in etwa der Tenor der Meldung und für mich war dabei die interessanteste Neuigkeit, dass es einen Staat Israel gibt. Den Inhalt der Meldung nahm ich schon mit vierzehn nicht ernst. Wir waren gewohnt, diesem Blatt keinen Buchstaben zu glauben, aber ein Thema in der Schule, das wir mit Kommilitonen heiß diskutierten, war es schon geworden. Ein Kumpel von mir gab die Information dazu, dass die Juden so etwa Handvoll sind und ganz toll kämpfen, während ein anderer, dessen Vater gerade als Militärpilot in Ägypten stationiert war, meinte, dass es nichts Heldenhaftes sei, jemanden unerwartet und tückisch zu überfallen. (…)

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