Die Sinnkrise des einseitig erblindeten Gesinnungsjournalismus  

Von Seth Frantzman

Vor kurzem wurde eine deutsche Konvertitin, die eine „jugendliche IS-Braut“ geworden war, aus den Ruinen Mossuls gezogen. „[Sie stammte] aus der Kleinstadt Pulsnitz bei Dresden und wurde von Soldaten zusammen mit einer Gruppe von zwanzig anderen, vermutlich ausländischen weiblichen IS-Kämpferinnen am Donnerstag in einem Tunnel unter der Altstadt gefunden“, schrieb der Telegraph. Einem anderen Bericht zufolge kamen die anderen Frauen aus Russland, der Türkei, Kanada und Tschetschenien.

Als ich darüber auf Twitter berichtete, erhielt ich einen Sturm von Kritik westlicher Journalisten, die mir vorwarfen, zum Lynchen eines Kindes aufzurufen, das „einer Gehirnwäsche unterzogen wurde“. Westliche Journalisten scheinen eine besondere Sympathie für westliche Konvertiten zu hegen, besonders für weiße Westeuropäer, die sich dem IS anschließen und nach Syrien und in den Irak gehen, um ihm beizutreten. Sie ignorieren die Tatsache, dass diese Personen mehrere Hindernisse überwinden mussten, um dem IS beizutreten. Örtliche IS-Mitglieder stammen oft aus der Gegend von Mosul, aus den Sunni-Stämmen. Sie sollen angeblich aus der unteren Mittelschicht kommen.

Ich bin einem solchen IS-Mitglied einmal begegnet, das aus Hamam al-Alil in ein Jugendgefängnis kam. Seine Geschichte könnte vielleicht repräsentativ für andere junge Männer sein, die beigetreten sind. Der Prediger der Nuri-Moschee erklärte in einem Interview mit Rudaw ähnliche Gründe über die Unterstützung des IS, die Ortsansässigen hassten die irakische Regierung und suchten im IS ihr Heil. Sie wollten das „Kalifat“, wären aber bestürzt über einige der Grausamkeiten. Sie bringen Entschuldigungen für ihre Unterstützung des Genozides an den Jesiden und der Missbräuche vor.

Aber die ausländischen Freiwilligen haben solche Entschuldigungen nicht. Sie haben nicht unter Nouri al-Maliki gelebt, sie wurden nicht „entrechtet“ oder mussten sich einfach für „das kleinere Übel“ entscheiden. Die ausländischen Freiwilligen haben meistens online etwas über den IS gelesen und sind durch ihre Kontakte oder Freunde dazu gekommen. Sie sind besonders deswegen beigetreten, weil der IS ihnen Sklaven versprach und eine Chance, zu morden und ein zügelloses Leben zu führen. Ihnen fielen dann die Schuppen von den Augen, als sie nach ein paar Vergewaltigungen und Morden und Spielen mit Waffen erkannten, dass das Leben dort nicht so großartig war wie versprochen. Viele Frauen wurden mehrmals an ausländische Freiwillige verkauft, um vergewaltigt zu werden. Das Hauptversprechen des IS war die Chance zu dominieren, sich überlegen zu fühlen und zu vergewaltigen. Das war nicht eine Art Geheimnis, wie Auschwitz bei den Deutschen. Es war ein zentraler Aspekt der IS-Rekrutierungsstrategie. Sie boten eine Art Urlaub für den Dschihad an.

Viele IS-Mitglieder kamen aus zerrütteten Verhältnissen
Nun haben diejenigen, die in muslimischen Familien in Europa aufgewachsen waren und sich dem IS anschlossen, sich dem Extremismus mit der Zeit zugewandt. Viele stammten nicht aus religiösen Familien und fast alle IS-Mitglieder sind berüchtigt dafür, Trinker oder Drogenkonsumenten gewesen zu sein, Straftäter und sexuell Pervertierte und damit scheinbar das Gegenteil von dem, was der IS ist. Aber das ist ein Missverständnis, denn der IS versprach keine schnellen Autos und Vergewaltigungen. Er nahm den Alkohol weg, versprach aber den Freiwilligen das gute Leben. Der IS stellt eine hedonistische Welt dar, die die Aggression der Menschen – die Fußball-Hooligans hätten werden können – zulässt, um ihre Wut zu anderen Zwecken zu nutzen.

Für Konvertiten auf dem Weg zum ISIS ist die Lage aber ein bisschen anders. Es gibt hunderte Geschichten über das Konvertiten-Phänomen, denn die westlichen Medien finden es exotisch und fragen heimlich: „Hätte ich das sein können?“ Süffisante Details türmen sich und die Medien scheinen das „Warum“ zu mystifizieren. Der IS hat es auch besonders auf Frauen abgesehen, und fand Konvertiten bei den Hindus und den nominal christlichen Bevölkerungen. Einige waren reiche Konvertiten mit einer langen Hintergrundgeschichte des Extremismus. Die Zahl der Konvertiten, die sich dem IS anschlossen, liegt im Dunkeln. Wir wissen, dass rund 5.000 oder mehr aus Europa kommen. Man kann sicher davon ausgehen, dass ca. 10 % oder weniger Konvertiten waren.

Wenn Kommentatoren darüber sprechen, was Menschen zum IS treibt und behaupten, dass der IS unsere Gesellschaft „spalten“ will, dann ignorieren sie das Phänomen der ausländischen Kämpfer. IS-Konvertiten aus dem Westen haben nicht unter Rassismus und Diskriminierung gelitten, besonders nicht, wenn es sich um weiße Konvertiten handelt. Ihre Geschichten haben einen Schlüssel: Privileg. Sie waren privilegiert, normalerweise Europäer aus der Mittelschicht. Sie unterscheiden sich nicht groß von westlichen Konvertiten, die den Niqab anziehen und konvertierten. Forschungen belegen, dass viele gut gebildet sind und aus der Mittel- oder Oberschicht stammen.

Die Islam-Konvertiten hatten viel Zeit für bewusste Entscheidungen
Lassen Sie uns jetzt über die Hindernisse der konvertierten ausländischen Freiwilligen sprechen. Wir hören viel von „Gehirnwäsche“ und „Kindern“ und „Frauen“. Das ist eine willkommene Entschuldigung. Westliche Frauen sind normalerweise gebildet, gleichberechtigt und privilegiert in der Welt. Sie zu Opfern und zu „IS-Bräuten“ zu machen dreht die Wirklichkeit ihrer Welt um. Es gibt keine Beweise dafür, dass sie eine „Gehirnwäsche“ erlitten haben, oder dass jede westliche Frau, die dem IS beitreten will, eine Art „IS-Braut“ wird. Tatsächlich ist das Gegenteil bewiesen, nämlich dass einige dieser Frauen bei Misshandlungen und Folter involviert waren, dass sie an der Seite der Männer Gewaltverbrechen begingen. Es gibt auch Beweismaterial, dass sie Komplizen beim Missbrauch der Jesidinnen waren. Jesidinnen sind sogar manchmal in Kontakt mit westlichen Frauen im IS gekommen, als sie missbraucht und versklavt wurden. Es gibt keine Beweise dafür, dass diese westlichen IS-Unterstützer irgendwelchen Genozid-Opfern geholfen hätten. Sie haben ihnen nicht geholfen, mit ihren Verwandten Kontakt aufzunehmen oder zu fliehen. Dahingehend waren sie Komplizen bei Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese freiwilligen westlichen weiblichen und männlichen Konvertiten wussten über über den Genozid seit 2014-2015 Bescheid und haben sich trotzdem angeschlossen.

Warum also machen unsere Medien Schuldige zu Opfern? Warum sprechen sie nicht zuerst von den Opfern des IS in den Lagern Speicher und Sinjar? Warum sind in ihren Augen nicht das die wirklichen Opfer? Warum werden westliche Konvertiten aus privilegierten Familien mit Geld, die sich damit brüsten, Frauen zu verkaufen und zu vergewaltigen, die in den Mittleren Osten reisen, um am Genozid teilzunehmen und die KKK- und Naziverbrechen des 21. Jahrhunderts zu begehen, als irgendwie unschuldig betrachtet?

Der IS hatte mehr westliche Helfer als die Kurden
Es gibt noch einen anderen interessanten Aspekt der Zahl westlicher konvertierter Freiwilliger. In vielerlei Hinsicht repräsentieren sie die Kollaborateure, die die Nazi-Partei im Zweiten Weltkrieg unterstützten. Halten sie sich die Anzahl der wenigen Menschen aus dem Westen vor Augen, die sich Anti-ISIS Gruppen wie der YPG und der Peschmerga anschließen. Es sind sehr wenige. Ein paar hundert vielleicht. Aber 5.000 gingen zum IS. Das bedeutet, 5.000 wollten den Genozid und nur eine Handvoll wollte die Menschenrechte. Die Konvertiten kamen aus den selben Verhältnissen, die einen wollten eine Art Nazi-Völkermord, die anderen wollten den Faschismus bekämpfen. Das ist die Aufspaltung im Westen zwischen den verschiedenen Freiwilligen.

Aber wir müssen sie zur Rechenschaft ziehen und sie verantwortlich machen. Sie nicht alle als Opfer vorführen. Die meisten von ihnen sind es nicht. Konzentrieren sie sich auf die wirklichen Opfer des IS, von denen viele überhaupt noch nicht gefunden wurden.

Übersetzung ins Deutsche von Jan Bentz

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