In dem Südtiroler Kurort gab sich die jüdische Prominenz die Klinke in die Hand  

Von Sabine Mayr

„Vielleicht hat es mit den Bergen zu tun, dass es im Alpenraum einen so starken Widerstand gegen Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund gibt. Dies ist nicht nur in Südtirol so, sondern auch in der Schweiz, sei es im Kanton Wallis, sei es im Engadin. Bergler sind gegen Fremdes,“ erklärt der pensionierte Hotelier Leopold Bermann dem Bürgermeister von Meran, Paul Rösch, kürzlich an einem Juninachmittag.

Leopold Bermann weiß, wovon er spricht. Er hat sieben Jahre in Meran und ab 1938 in St. Moritz in der Schweiz gelebt. Erst 2006 ist er nach Israel gezogen, wo er in der Nähe seiner fünf Kinder, Enkel und Urenkel in Jerusalem wohnt. Leopold Bermann spielt auch auf eine Kritik von Heinrich Heine an, der in seiner „Reise von München nach Genua“ deutschnationale und religiös verbrämte Mythen Tirols zurückwies, als diese noch im Inkubationszustand waren. Völlig undenkbar sei es etwa, dass ein jüdischer Autor ein Drama über den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer schreiben könne, karikiert Heine einen Gastwirt in Innsbruck. Nein, das müsse schon ein gestandener Tiroler sein.

Auf Heines gewitzte Demontage des „Heiligen Land Tirol“ reagierten wütende, selbsternannte patriotische Dichter, um die dominante, feudal-konservative Sache zu verteidigen und jeden demokratischen Veränderungsversuch vom Vormärz durch das 19. Jahrhundert hindurch bis zum Ersten Weltkrieg zu vereiteln. Einen neuen Anlauf gegen die mythisch verklärte Tiroler Reformabwehr nahmen Anfang der 1870er Jahre jüdische Rechtsanwälte, Journalisten und Schriftsteller, die – von den Meran-Besuchen der österreichischen Kaiserin Elisabeth ermutigt – für liberale Ideen eintraten und feudal-klerikale Privilegien hinterfragten.

Für die liberale „Bozner Zeitung“ schrieb etwa Jakob Straschnow, der als Kurgast von Prag nach Gries gereist war. Der Schriftsteller und Journalist Daniel Spitzer war wiederholt Kurgast in Meran. In seinen für die „Neue Freie Presse“ verfassten „Wiener Spaziergängen“ machte er sich über die überdimensionale katholische Prägung des Tiroler Kurorts, das häufige Glockenläuten und antiliberale Äußerungen katholischer Geistlicher lustig. Wie Heine und Straschnow erntete Spitzer persönliche Angriffe. Mit diffamierenden Darstellungen setzten klerikale Zeitungen wie „Der Burggräfler“ oder das „Tiroler Volksblatt“ die Tiroler Tradition der antisemitischen Verhetzung fort, die dank vier kirchlich legitimierter und tolerierter Tiroler Ritualmord-Beschuldigungen jahrhundertelang kultiviert wurde.

In diesem nicht sehr judenfreundlichen, christlichen Umfeld ließen sich im rasch wachsenden Kurort in den 1870er Jahren immer mehr jüdische Restaurant- und Pensionsbetreiber, Kaufleute, Handwerker, Rechtsanwälte und Ärzte nieder. 1872 wurde in Meran die Königswarter-Stiftung gegründet, die im Kurort jüdische Einrichtungen wie den jüdischen Friedhof förderte, auf dem Straschnow und Spitzer begraben wurden. Und in den frühen 1870er Jahren kam auch Familie Bermann nach Meran. 1885 erwarb Josef Bermann die Pension Starkenhof, in der er am Schabbat zu Gottesdiensten lud, da es damals in Meran noch keine Synagoge gab.

Josef Bermann wurde 1827 in Kremsier in Mähren geboren und lebte in Brezová nahe dem Kurort Piešťany im Bezirk Neutra (Nitra), wo fast alle seine Kinder geboren wurden. Von dort zog er mit seiner Familie nach Kobersdorf, eine der aufgrund ihrer frommen Rabbiner berühmten Siebengemeinden Burgenlands, das wie Brezová und die gesamte heutige Slowakei zu Ungarn gehörte. Josef Bermann brachte sein frommes, ungarisch-oberländisches Judentum mit nach Meran und wurde hier nach erfolgreichen Jahren als Restaurantbetreiber und Förderer der jüdischen Gemeinde 1896 begraben. Als vor Kurzem dessen 1931 in Meran geborener Urenkel Leopold mit seinem Sohn Josef Meran besuchte, hinterließ die über Generationen fortgesetzte, fromme und gottesfürchtige Bescheidenheit einen tiefen, bleibenden Eindruck.

Die Familie Bermann hatte die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Meran von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende begleitet. Ihr letzter Präsident vor der Schoah war Leopolds Vater Josef, 1902 in St. Moritz geboren. Wie sein Vater Leopold führte Josef in den 1920er und 1930er Jahren das legendäre Hotel Bellaria in Meran und das Hotel Edelweiss in St. Moritz, die beide als koschere Hotels orthodoxen Juden weltweit ein Begriff waren. Die Gründung des Hotel Edelweiss in St. Moritz geht auf einen Baron Rothschild zurück, der im Meraner Starkenhof zu Gast war und Leopold als Schächter in St. Moritz engagierte. 1896 eröffnete Leopold das Hotel Edelweiss, das sein Sohn Josef und von 1953 bis 2006 sein Enkel Leopold weiterführten.

Neben dem Starkenhof duldete die Meraner Stadtgemeinde nur mehr eine weitere koschere Pension, die von Jenny Vogel. Weitere koschere Einrichtungen waren nicht zugelassen. Dennoch erstaunt heute, wie viele Kurpensionen und Hotels es von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Meran bzw. – da diese erst 1921 von Italien als unabhängige Gemeinde anerkannt wurde und vorher als Stiftung auftreten musste – von Förderern der Königswarter-Stiftung im relativ kleinen Kurort gab: die Kurpension Balog, Pension Lamberg, die Pensionen Rhaetia und Berger, das Sanatorium Wartburg, Villa Habsburg und Villa Beatrice von Ludwig Brauner, das Sanatorium Martinsbrunn von Norbert von Kaan, der Maendlhof, die Pension Gold oder das 1893 aus Spenden finanzierte und 1909 zu einem Prachtbau erweiterte jüdische Sanatorium. 1905 erhielt Leopolds Bruder Max Bermann die Konzession für das Sanatorium Waldpark, dessen Gebäude 1942 versteigert wird, und auch fast alle jüdischen Pensionen gingen ihren Eigentümern ab 1938 verloren.

Auch Leopold Bermann musste um die Konzession zur Führung eines koscheren Hotels im 1905 erworbenen Bellaria kämpfen. Sie wurde ihm erst 1909 im dritten Anlauf erteilt. (…)

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