Nicht nur wir, sondern auch arabische, türkische und persische Religionsgegner sind Opfer des europäischen Islam-Appeasements 

Von Jaklin Chatschadorian

Der Schleier fällt auf den Boden. Nicht nur das Gesicht einer langhaarigen, jungen Frau ist zu sehen, sondern auch ihr goldbestickter Büstenhalter, ihr Bauchnabel, der ein Eigenleben zu führen scheint, ein glitzernder Rock, nackte Füße. Auch ein Mann steht auf der Bühne. Er besingt ihre Schönheit und seine Liebe zu ihr.

Raqs Sharqi. Der klassisch orientalische Tanz der arabischen Welt stammt aus Ägypten und hat über verschiedene Modernisierungen auch den Weg in die Nachtclubs von Damaskus, Beirut und Istanbul als Begleitung zu alkoholischen Getränken erreicht. Heute ist in der Türkei ein gesalzenes Joghurt-Wasser-Gemisch Nationalgetränk, das es strafbewährt nicht zu beleidigen gilt.

Ortswechsel. Eine urbane Szene aus einer alten Fotographie, archiviert in der Bibliothèque nationale de France. Es zeigt drei junge, lachende Frauen allein auf der Straße. Sie tragen Minirock und hohe Schuhe zu ihrem offenen Haar. Afghanistan 1972, vor Taliban und Scharia.

Auch aus dem Maghreb, dem Iran oder Pakistan gibt es alte Bilder aus einer säkularen, freien Welt. Frauen, die studierten, geschlechtergemischte Gruppen junger Menschen auf offener Straße, Familienfotos in Badehose und Bikini. Bilder, die zum Beispiel stolze Sportlerinnen einer nationalen Basketballmannschaft oder Krankenschwestern in adretter Uniform zeigen.

Beim Betrachten solcher Bilder drängt sich vor allem eine Frage auf: Wie weit wären die Gesellschaften des Orients, wenn nicht die Freiheit des Individuums durch die Scharia, die Gesellschafts- und Rechtsordnung des Islam, ersetzt worden wäre? Ein italienisch angehauchtes Libyen, ein spanisch-orientalisches Marokko oder ein nach skandinavischem Muster gestrickter, frauenfreundlicher Irak?

Ja, es gab eine wunderbare Zeit zwischen den Kriegen des Abū l-Qāsim Muhammad ibn ʿAbdallāh ibn ʿAbd al-Muttalib ibn Hāschim ibn ʿAbd Manāf al-Quraschī und denen des IS und der Taliban heute, ebenso wie eine Zeit ohne Staatsoberhäupter wie Erdogan und Rohani. Die arabische, türkische und persische Kultur z.B. existierten eine sehr lange Zeit ohne bzw. neben dem Islam, fernab von der heute für modern erklärten Notwendigkeit einer sogenannte „Reform“.

Die persische Kultur ist 2.500 Jahre alt
Die persische Kultur etwa reicht über 2.500 Jahre zurück und ist damit ein entscheidendes Stück älter als die Religion des Islam. Trotz der Übermacht der Religion im Alltag, angefangen von der Verschleierungspflicht für Frauen bis zur Isma, der Sündlosigkeit und Unfehlbarkeit aller religiösen Oberhäupter, gibt es kulturelle, islamunabhängige Aspekte, die das Bewusstsein der Bewohner und die Geschicke des Landes immer noch prägen. Die Lehren des Zarathrusta, einem Priester aus dem zweiten Jahrhundert vor Christi, prägen die Vorstellungen der Iraner von Gastfreundschaft. Das Wissen über das persische Königtum schaffte ein patriotisches Gefühl gegenüber der eigenen Bevölkerung, Geschichte und Kultur, losgelöst von religiösen Aspekten.

Religiöse Bildung ist im Islam oft mehr wert als wissenschaftliche Bildung
Die islamische Revolution verdrängte die säkulare Gesellschaft, die den islamischen Aspekt der persisch-iranischen Identität ausgewogen auszuleben bzw. kleinzuhalten wusste. Für die berufliche Karriere des Individuums ist die vorhandene Bildung des Kandidaten nur noch von nachrangiger Bedeutung. Der islamische Klerus, unfehlbar in seinen Entscheidungen, sitzt an den Schalthebeln der Macht. Frauen in Führungspositionen hat es regelmäßig nicht zu geben, um das paternalistisch-autoritäre Führungssystem nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die persönliche Qualifikation der Frau darf religiös bedingt nicht in den Wettbewerb mit Männern treten.

Im Kalifat des Osmanischen Reiches hatte lediglich die religiöse Bildung einen hohen Stellenwert. Man erklärte die Kenntnisse zur Überlieferung der Prophetentraditionen zum Privileg und überhöhte diesen Bereich gegenüber der Bildung in Bereichen wie der Architektur, der Mathematik oder des produktiven Handwerks. Ähnlich zu beobachten ist diese Überhöhung religiösen Wissens in der heutigen, sogenannten Neuen Türkei, wenn sich die Politik dafür ausspricht das Fach „Dschihad“ gesondert neben dem Religionsunterricht einzuführen und gleichzeitig die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen zu streichen.

Boko Haram, die terroristische Vereinigung aus Nigeria, geht genau denselben Weg. Man setzt sich ein für die Einführung der Scharia unter gleichzeitigem Verbot westlicher Bildung.

Mädchen werden in eine brennende Schule zurückgescheucht
Saudi Arabien, 2010. Das saudische Erziehungsministerium entscheidet sich, acht Jahre nach einem Großbrand in einer Mädchenschule, für die Aufhebung einer strengislamischen Regelung. Seinerzeit hatten die Wächter der islamischen Religionspolizei Saudi-Arabiens Schülerinnen scharia- bzw. gesetzeskonform daran gehindert, das brennende Gebäude zu verlassen, weil sie keine Kopftücher und langen Gewänder trugen. Augenzeugen berichteten von geschlagenen, zurückgedrängten Kindern.

All dies wissend geht im Westen eine die Scharia in ihren Grundsätzen befürwortende, radikale Toleranz ungehindert ihren eigenen Weg eines pervertierten Laissez-faire.

Für sich selbst und die eigene Gemeinschaft lehnt man als moderner deutscher Weltbürger jede Bildungsverweigerung, die Benachteiligung von Frauen oder den Verzicht auf Wein als Kulturgut ab. Man (über-)fördert die eigenen Kinder mit nachmittäglichem Geigen- und Klavierunterricht, nachdem man diese bestenfalls von einer deutsch-englischen oder deutsch-spanischen, binationalen Schule abgeholt hat und sie am Wochenende in den Tennisclub fährt, während man sich im politischen Gespräch bzw. in der kommunalen Politik dafür einsetzt, dass der rückschrittliche „Südländer“ seiner Tochter den, das Kind zum Sexualobjekt erklärenden, Burkini ebenso aufdrängen darf wie man ihm gestattet, der Lehrerin im Elternabend die Hand zu verweigern, damit dieser sich nicht mit sexuellen Gedanken versündigt.

Der Widerspruch, über den man besser nicht spricht
Unter dem Deckmantel einer falschen Liberalität und Emanzipation setzt man sich gegen jede gefühlte Diskriminierung von Frauen ein, gern auch unter Missachtung grundlegender Sprachregelungen wie etwa im Falle des generischen Maskulinums, während man gleichzeitig Werbung mit Hijab, einem Stück Tuch, das Frauen als ehrbare Sexualobjekte kennzeichnet, befürwortet.

Während man jede Kritik an rassistischen oder rückständigen Inhalten des Islams unter dem marketingtechnisch gut finanzierten, erfolgreichen Kampfbegriff der „Islamophobie“ untersagt, stört man sich mitnichten an der rassistischen, Diskriminierung empfehlenden und empfindlich Missachtung ausdrückenden Kennzeichnung von Nichtmuslimen als Ungläubige. Während belanglose Meldungen von Einzelpersonen zur Zensur nach dem sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz führen, fällt der unter Kapitel 2 eines von Muslimen – unter Missachtung des Grundrechts auf Religionsfreiheit – für alle heilig erklärten Buches veröffentlichte Text, der sich für die Vertreibung, Verfemung, Verfluchung und Tötung von Andersdenkenden ausspricht, unter den Schutz des Art. 4 GG (Grundrecht auf Religionsfreiheit).

Diese Widersprüche werden bereitwillig hingenommen. Mehr noch: Wehe dem, der hier einen Widerspruch sieht. Er wird zum Ketzer erklärt.

Der Islam steckt Arabern, Türken und Persern nicht „in den Genen“
Dem Muslim, selbst dem liberalsten seiner Zunft, hingegen wird per politischer Überkorrektheit der ihn (und jeden anderen) begrenzende Islam „genetisch“ angeheftet – dies ist nichts anderes als blanker Rassismus. Aus dem Iraner, dem Pakistani und dem Algerier wird der Muslim. Seine nationale, ethnische Herkunft verliert – durch den Islam ebenso wie durch den gefühlten Weltbürger Europas – zugunsten einer absoluten Idee an Bedeutung.

Hier wird der Kosmopolit, der sich selbst am wenigsten an Nationen ausrichtet, grob fahrlässig und selbstschädigend zum Erfüllungsgehilfen des politischen Islam. Seine, im vermeintlichen Kampf gegen Rassismus auf die Ausschaltung „streitentzündlicher“ Aspekte wie Nation und Volk ausgerichtete Politik, die Menschen vorzugsweise zu einem „gemischten Salat mit religiösem Grundrecht“ zu erklären geneigt ist, übersieht nicht nur sehenden Auges das Streit- und Gewaltpotential einer Gewalt, Eroberung und Beute aktiv und ausdrücklich vorschreibenden Religion. Vielmehr deckt sich sein nachweislich falsches Konzept der Friedenspädagogik mit dem absoluten, internationalen Vormachtsanspruch des Islam, welcher ebenfalls darauf ausgerichtet ist, die islamische Umma und nicht das arabische, persische, türkische oder afghanische Volk zu stärken.

Politischer Islam und pervertierte Toleranz
Das Zusammenspiel von politischem Islam und pervertierter Toleranz zwingt zur Aufgabe historisch über Jahrtausende gewachsener, zur wertungsfreien Unterscheidung dienender Identitätsmerkmale wie Ethnie, Kultur und (individueller) Religion und bewirkt aufgrund des Anspruchs auf Absolutheit eines einzigen Mitspielers auf Gottes bunter Erde zunächst die Gleichmachung aller Muslime und in einem weiteren Schritt die Gleichmachung aller Menschen zu Muslimen.

Nicht nur am Rande sei hier betont, dass eine solche vermeintliche Antirassismus-Politik, von Nachkommen von Völkermordopfern, also jenen Menschen deren Eltern oder Großeltern allein wegen ihrer ethnischen, kulturellen und/oder religiösen Identität zu Opfern gemacht wurden, nicht gutgeheißen werden kann. Juden, Armenier, Aramäer und Jesiden dürfte dieses neue deutsche/westeuropäische Weltbürger-Friedenskonzept besonders schmerzen. Sie bewirkt letztlich dasselbe wie jede andere „ethnische Säuberung“, wenn auch auf politischem Weg statt auf einem Kriegsschauplatz.

„Multikulti“ bedeutet in Wirklichkeit das Verschwinden zahlreicher Kulturen
Die dem Namen nach auf kulturelle Bereicherung (Stichwort: „Multikulti“) ausgerichtete Politik verkehrt sich ins Gegenteil. Aus dem bunten Orient mit Jahrtausende alter Geschichte wurde bereits ein ständig Schwarz tragender Naher Osten. Die an das bunte Indien erinnernde Kleidung Afghanistans wich einem einheitlich blauen Stück Stoff. Die glitzernden Bauchtanzkostüme Ägyptens schmücken nur noch unehrbare Tänzerinnen verruchter bzw. verbotener Nachtclubs. In Saudi-Arabien tragen alle Männer ein weißes Gewand, während alle Frauen schwarz vollverschleiert sind. Selbst in der Türkei häuft sich die Anzahl schwarzer Niqabs auf den Straßen und die zu erwerbenden, einfachen Kopftücher sind mit Druckknöpfen ausgestattet, damit jede das Kopftuch tragende Frau auch wirklich gleich aussieht.

Die Individualität weicht der Uniformierung des Kollektivs, mit ihr verschwinden Freiheit bedingende Freude, Neugier, Kreativität, Initiative, Innovation und Zweifel. Der (durchaus herbeigesehnte) Fortschritt bleibt aus. Es bereichert sich allenfalls die Führung.

Das Plädoyer für eine unbeschränkte Religionsfreiheit führt spätestens dann, wenn eine Religion nicht nur für die eigenen Mitglieder aktiv beansprucht, die allein wahre und gültige zu sein, zu Rassismus. Wir sollten uns davor hüten, uns und unseren Mitmenschen die größtmögliche Aufklärung zu verweigern. Wir würden uns, nicht nur mittelbar, zu Rassisten machen.

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