Februar 2, 2017 – 6 Shevat 5777
Der Entmündigungs-Rassismus

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Sie degradieren im islamkritischen Kontext Muslime zu einer Gruppe, die nicht in der Lage wäre mit Kritik umzugehen  

Von Melissa Kaiser

Der berühmte „casus knacktus“ beim bisher schlecht als recht erkannten Rassismus in unserer Gesellschaft liegt in seinem vermeintlichen wohlwollenden Ursprung. Das „Fremde“ wird mit ausschließlich verminderten Reflexionsfähigkeiten und Mangel an Selbstkritik assoziiert.

Aus diesem Grund gelten für bedauerlicherweise eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Menschen genau jene Gruppen als besonders schützenswert. Beschützt vor Kritik, die einen Prozess der Selbstkritik einleiten oder zumindest fördern könnten. Deutlich wird dies vor allem bei der routinierten Anwendung kulturrelativistischer Aussagen in Diskussionen um die problematischen kulturellen Differenzen zwischen beispielsweise nordafrikanischen und europäischen Staaten.
Reale Probleme werden auf diese Weise verbal ausradiert und teilweise auch lächerlich gemacht. Gleichmacherei scheint das neue Differenzieren in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zu sein. Auf diese Weise werden Spannungen, die logischerweise aus kulturellen Besonderheiten können, gleichgesetzt mit Problemen, die einen ganz anderen Ursprung haben. Der Islamwissenschaftler Abdel Hakim-Ourghi forderte die Gesellschaft zu Recht auf, Muslime nicht wie Kuscheltiere zu behandeln oder sie als solche zu betrachten.

Und genau darin liegt der Kern des „Kuscheltierrassismus‘“: Er degradiert im islamkritischen Kontext Muslime zu einer Gruppe, die nicht in der Lage wäre mit Kritik umzugehen. Andere betonen mit einer bestimmten Wortwahl aber sinngemäß, diese Kulturen „seien noch nicht so weit“. Das heißt nichts anderes als „diese Menschen sind zu blöd, um zu kapieren“. Und genau dies ist nicht der Fall. Hier wird ein rhetorisches Mittel bedient, um sein besonderes Wohlwollen und seine besondere Nachsichtigkeit mit Muslimen als besonders progressiv zu verkaufen. Tatsächlich ist das ein immenses Kernproblem der regressiven Linken, Muslime als Kollektiv eine bestimmte Rückständigkeit zu unterstellen, die es unmöglich macht, Islamkritik als das zu erkennen was sie ist: Kritik und keine Hetze. Wenn sie sich abseits der Sachlichkeit bewegt, dann verdient sie den Namen der Kritik schlichtweg nicht.

Anstatt die Komfortzone für eine Gruppe weiter auszubauen, in welcher man sie vor jeglicher Kritik zu bewahren versucht, wäre es ratsam, diese Komfortzone schleunigst aufzugeben. Wer braucht schon Menschen, die einem ständig vorhalten und einzureden versuchen, wie diskriminiert man doch von allen Menschen in der Gesellschaft werde. Dass man dies dann auch irgendwann selbst zu glauben beginnt, wenn Talkshows gebetsmühlenartig das Mantra der alles und jeden erfassenden Islamophobie wiederholen, möchte man zumindest fast gar nicht mehr zum Vorwurf machen.
Besonders auffällig und beliebt beim Rassismus der regressiven Linken ist zudem auch das Instrumentalisieren von Flüchtlingen als Grund „endlich wieder stolz auf Deutschland sein zu können“. So getätigt beispielsweise vom ehemaligen Leiter des ARD Studios Brüssel Rolf-Dieter Krause. Wie bitte? Ist das also der gute Nationalstolz? Flüchtlinge als Objekt, um sich ein Gefühl erlauben zu dürfen, das man bei anderen nicht müde wird vernichtend zu kritisieren?

Wäre ich Muslima, so wäre ich von dieser Weise des „besonderen Schutzes“ durchaus brüskiert. Wer diese Art von kulturellem Rassismus einmal fokussiert, der wird staunen, wie salonfähig und häufig dieser in der deutschen innenpolitischen, aber auch in der gesamteuropäischen oder generell westlichen Debatte um den Islam anzutreffen ist.

Die Religion ist kein angeborener Bestandteil eines Menschen. Jedoch könnte man bei einigen „Antirassisten“ den Eindruck bekommen, diese sehen das ganz und gar nicht so. Da ist der Islam ein genetischer Bestandteil des Menschen, man ist beruhigt, wenn die fromme Muslima das Kopftuch mit der Freiheit der westlichen Emanzipation verteidigt, um sicherzugehen, dass diese Freiheit noch existiert. Dass mitten unter uns eine Menge Frauen leben, die gerne das Gegenteil aussprechen möchten, aber nicht können, ist diesen Gruppen keine einzige Sekunde der Sorge wert. Vielmehr stehen diese Menschen noch ganz vorne an, wenn es darum geht, die Burka in ihrem Wesen und ihrer Häufigkeit als harmlos zu relativieren.

Wenn Kultur nicht mehr als historisch bedingt und stattdessen unveränderbar gilt, dann ist Kultur schon zum funktionalen Äquivalent des Rassenbegriffes geworden. Eine Denkweise, die eben nicht nur bei der rechtsextremen Bevölkerungsschicht vorzufinden ist. Auch wenn dies in der Gesellschaft und im vielbeschworenenen Kampf gegen Rechtspopulismus gerne übersehen wird, weil das die Pseudodifferenzierung im Sinne des Gleichmachens sabotieren würde.

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