Nach 1946 formierten sich in London ehemalige jüdisch-britische Soldaten, um – notfalls gewaltsam – ein Wiedererstarken der englischen Faschisten um Oswald Mosley zu verhindern 

Von Karl Pfeifer

Während die allermeisten Briten das Kriegsende in Europa 1945 freudig erlebten, waren die Nazisympathisanten, die für einen deutschen Sieg eingetreten waren, bestürzt. Der antisemitische und rechtsextreme Herzog von Bedford veröffentlichte bereits im Juni 1945 einen Artikel, in dem er den Tod der nazifaschistischen Führer betrauerte.

„Die Ermordung von Mussolini und der Tod von Hitler entfernen aus der internationalen Politik zwei Persönlichkeiten, von denen ich voraussage, dass die zukünftigen Historiker sie milder beurteilen werden als die jetzigen Kriegspropagandisten.“


Am 9. Oktober 1945, nachdem er mit Unterstützung des Herzogs von Bedford die „British People’s Party“ gegründet hatte, erklärte der britische Nationalsozialist John Beckett:

„Sogar, wenn die Geschichten über das Hitlerregime wahr sein würden – und wir wissen dass die meisten Propaganda sind – hätten die keinen Krieg gerechtfertigt.“

Schon im Sommer 1945 versammelten sich die aus den Gefängnissen und der Internierung entlassenen Faschisten, um zu versuchen einheitlich aufzutreten. Im Februar 1946 gab es allein in London 14 faschistische Gruppen, die ihre Aktivitäten wie bereits sieben Jahre zuvor in den von Juden dicht bewohnten Vierteln konzentrierten. Es gab faschistische Buchhandlungen und Debattierklubs. Ihre Zeitungen und Zeitschriften wurden vor den U-Bahnstationen verkauft. Einige der schon vor dem Krieg bekannten Propagandisten traten wieder öffentlich auf.
Ehemalige jüdische Soldaten empörten sich über solch üble Provokationen und wandten sich an ihre Abgeordneten. Die ersten Fragen dazu wurden im Parlament gestellt. Doch nichts geschah. Auch dann nicht als ein Faschist in Hackney sich auf einen Stuhl stellte und schrie: „Die Nazis hatten Recht die Juden zu vergasen.“ Das u.ä.m. konnte auch geschehen, weil die Briten sich nach Frieden sehnten und viele politikverdrossen waren. Die aus der Armee entlassenen Soldaten wollten in der Regel wieder arbeiten oder studieren.

AJEX wird aktiv

Die Einzige, die im Herbst 1945 darauf reagierte, war die Association of Jewish Ex-Servicemen (AJEX), die im Hyde Park und anderswo in London Reden hielt und die Briten vor der Rückkehr der Mosley-Anhänger warnte. Es war aber wirkungslos, denn das Publikum bestand hauptsächlich aus Juden bzw. Jugendlichen, die man nicht überzeugen konnte, und die mit Zwischenrufen störten.
Verbitterte Ex-Soldaten wandten sich an den gewählten „Jewish Board of Deputies“ und dessen Verteidigungskomitee, das nur strikt im Rahmen der Legalität wirken konnte. Das Komitee wies auf die Gefahr hin, dass der jüdische Terror im Mandatsgebiet Palästina den Antisemiten im Vereinigten Königreich Auftrieb geben könnte. Jüdische Ex-Soldaten reagierten empört:

„Wir wurden hier geboren! Wir haben für dieses Land gekämpft und wir wurden ausgebildet, um solche Typen, die jetzt wieder erscheinen, zu töten. Sie müssen angegriffen und ihre Organisationen vernichtet werden. Wenn Ihr es nicht machen könnt, werden wir es tun.“

Im Kino sahen sie Filme, die zeigten wie man die Leichen von jüdischen Männern, Frauen und Kindern mit Bulldozern verscharrte und wie die britische Flotte kleine griechische und türkische Boote abfing, um die jüdischen Überlebenden in Zypern zu internieren. Wenn sie herausgingen, sahen sie faschistische Zusammenrottungen, Hakenkreuze an Synagogen und Hauswänden.
Als Ernest Bevin, Außenminister der Labour-Regierung Ende 1945 erklärte: Die Juden dürfen sich nicht „an die Spitze der Warteschlange“ drängeln, berührte er einen offen liegenden Nerv. In Tel Aviv kam es zu zwei Tage dauernden Unruhen während denen britische Soldaten sechs jüdische Zivilisten erschossen. Es wurde bekannt, dass britisch-jüdische Soldaten in Palästina sich weigerten gegen ihre Brüder und Schwestern vorzugehen.
In den Straßen Großbritanniens brüllten Redner „beseitigen wir die Juden“ und „verbrennen wir die Synagogen“ und wurden dabei von der Polizei beschützt.
Die Ex-Soldaten hatten genug, von der „Nur kein Aufsehen, nur nicht auffallen wollen“-Vorkriegspolitik der jüdischen Gemeinden. „Nie wieder“ verbreitete sich in den jüdischen Gemeinden der ganzen Welt, nachdem man von den Aufständen in den Ghettos erfuhr.

Als Jeffrey Hamm, ein Faschist, der im Krieg interniert gewesen war, am  24. Februar 1946 vor 60 Zuhörern gegen die „Ausländer in unserer Mitte“ am Whitestone Pond hetzte, die am „Schwarzmarkt Profite machten, während unsere Burschen an den Fronten starben“ beschlossen vier jüdische Ex-Soldaten dem ein Ende zu machen. Sie gingen nach vorne, warfen das Rednerpult um und verprügelten den Redner und seine Beschützer. Sie mussten sofort vom Ort fliehen, denn die Polizei hätte sie deswegen verhaftet.

Jüdische Ex-Soldaten verprügeln 1946 einen faschistischen Redner
Es war das erste Mal nach dem Krieg, dass eine faschistische Versammlung von Juden mit physischer Gewalt aufgelöst wurde. Anfang März trafen sich 38 Ex-Soldaten und fünf Ex-Soldatinnen im Londoner jüdischen Gemeindezentrum Maccabihaus. Unter ihnen war auch Joe Zilliacus, der Sohn eines Labourabgeordneten, der während des Krieges Offizier eines Marine-Kommandos war.
Alle 43 Anwesenden waren keine dreißig Jahre alt, nicht verheiratet, sie beschlossen eine Organisation zur Bekämpfung des Faschismus und Antisemitismus zu gründen, an der alle – unabhängig von ihren politischen Anschauungen – teilnehmen können.

Sie verfolgten zwei Ziele – die Faschisten zu schlagen und Lobbyarbeit zu machen, damit das Parlament mit einem Gesetz Rassenhetze verbietet und diese als ein Verbrechen ahndet, das mit Gefängnis bestraft wird. Alle wussten, dass sie wegen ihrer Taten – die sich nicht mehr auf Verteidigung beschränkten – verletzt werden und ins Gefängnis kommen konnten.
Bis Ende April 1946 meldeten sich über 300 jüdische Ex-Soldaten an, darunter solche, die kaum erwarten konnten, bei einer Aktion mitzumachen. Davon waren zwei Dutzend mit den höchsten Auszeichnungen, Männer und Frauen aus allen Lebensbereichen und Berufen und verschiedener politischer Anschauungen. Auch Taxifahrer meldeten sich, die sich bereit erklärten die Gruppe über faschistische Aktivitäten zu informieren. So wurde ein flexibles Netzwerk der Information geschaffen.
Die Faschisten haben nie aufgehört, die Gruppe 43 als „kommunistisch“ zu bezeichnen. Was nicht zutraf, denn die Gruppe war unabhängig von der kommunistischen Partei und von der jüdischen Gemeinde. Tatsächlich wurde sie vom „Board of Deputies“ mehrmals ermahnt, die Aktivitäten einzustellen und sich unterzuordnen, was sie aber konsequent verweigerte.

Bereits im Mai 1946 hatte die Gruppe ihr Hauptquartier in 54, Bayswater Road gegenüber dem Hyde Park aufgeschlagen. Freiwillige stellten sich zur Verfügung, binnen zwei Wochen waren Telefon und Möbel da, alles Spenden verschiedener Firmen. Aus Amateuren wurden Professionelle. Die wichtigste Abteilung Nachrichten hatte drei Zimmer zur Verfügung, hier wurden alle Meldungen über die sich neu organisierenden faschistischen Organisationen gesammelt und ausgewertet.
Für das Wiederbeleben hatte Mosley seiner Bewegung ca. 400.000 Pfund aus seinem Vermögen zur Verfügung gestellt und erwartete, dass Industrielle und Aristokraten, die ihn vor dem Krieg finanzierten, dies wieder tun würden. An Geld mangelte es nicht und die Faschisten glaubten so weitermachen zu können wie vor dem Krieg. Allerdings überraschten sie die Angriffe der Gruppe 43, denn 1946 glaubten die Faschisten noch: „Die Yids haben immer Angst, diese Verrückten werden bald verschwinden.“ (…)

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