Februar 8, 2016 – 29 Shevat 5776
Die Gesellschaft der Freunde

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Zusammenhalt von 1792 bis 1935  

Von Monty Maximilian Ott

Auch heute erfüllen Vereine jeglicher Couleur neben ihrem Hauptzweck auch noch Aufgaben des sozialen Zusammenhalts. Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten treffen hier aufeinander, um sich für politische oder gesellschaftliche Anliegen starkzumachen. So ähnlich verlief es auch in einem Verein, in dem sich zwischen 1792 und 1935 eine ganze Reihe deutsch-jüdischer Persönlichkeiten versammelte.

Die Geschichte des besagten Vereins beginnt im Berlin des Jahres 1792. Berlin war noch weit entfernt von der Metropole, die es heute ist. In der Spandauer Straße 21, im „Fließschen Haus“, begründet sich ein Hilfsverein, der mit seinem Namen „Gesellschaft der Freunde“ (GdF) Wärme ausdrückt. Der Name ist Programm, dient doch der Verein dazu sich im Angesichte von Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit und/oder Tod Beistand zu leisten. „(...) die Verfasser dieses Plans (sehen sich) genötigt, (...) die zunächst liegende Übel und die Mittel ihnen abzuhelfen, ihr Augenmerk zu richten. Krankheit und Dürftigkeit sind diese beiden Übel, die oft Hand in Hand gehen, (...)“ heißt es in der Programmatik des Vereins. Der Verein soll da abhelfen, wo ein „unbemittelter Mensch“ sich in depressive Gedanken vergräbt: „was wird aus mir werden, wenn Krankheit mich überfällt, oder ein unvorhergesehener Umstand mich auf eine Zeitlang brotlos macht?“ Sollte das Vereinsmitglied in eine solche Situation geraten, dann ist es die GdF, die „sich um seine Genesung“ kümmert, ihn „verpflegt“ und „genest ohne die drückende Sorge, was er nun anfange.“ Die Sorge der Gesellschaft sollte sogar soweit reichen, dass dem in die Mittellosigkeit geratenen sogar ein Unterhalt zur Verfügung gestellt wird. Darüber hinaus versuchen die Mitglieder der Gemeinschaft, qua Empfehlungen, den Betroffenen wieder in Lohn und Brot zu bringen.

Doch auch diejenigen, deren Probleme nicht finanzieller, sondern libidinöser Natur sind, erhalten Hilfe aus den Reihen der Gesellschaft. Sollte ein unverheiratetes Mitglied der Gesellschaft erkranken, übernimmt ein Mitglied der GdF die partnerschaftliche Betreuung in Form von Krankenbesuch und Besorgung der Geschäfte. So war der Sinn und Zweck der GdF die Arbeit nach Innen, das Netzwerken und sich Beistehen. Die Initiative zur Gründung im Januar 1792 ging von einem Teil jener jüdischer Aufklärer aus, die als Maskilim bezeichnet wurden. Isaac Euchel, Aaron Wolfssohn, Joseph Mendelssohn, Nathan Oppenheimer und Aron Neo waren die Gründungsmitglieder des 29. Januar 1792. Hinsichtlich der Mitgliederakquise lag das Augenmerk auf einer bestimmten Gruppe: sie waren Mitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde, unverheiratet und mehrheitlich junge Anhänger der Haskala (die jüdische Aufklärung).

Außerdem sollten es jene sein, die in ihrer nichtjüdischen Umwelt Diskriminierungen erlitten hatten. Der Zusammenhalt und die Unterstützung – das Hauptziel der GdF bis zu ihrer Auflösung 1935 – wurde in den jüdischen Gemeinden bis zu diesem Punkt durch die Chewra Kadischa bzw. Bikkur Cholim übernommen. Die Unterstützung kam aber nicht nur den aktiven Freunden (wie sich die Mitglieder untereinander nannten) zugute, sondern bald auch deren Angehörigen und Hinterbliebenen. Aber damit nicht genug, denn die Freunde mischten sich auch vermehrt in innerjüdische Diskurse ein. So zum Beispiel als ein Streit um den Ritus der „frühen Beerdigung“ entstanden war. Die GdF konnte in dieser Kontroverse einen Erfolg für sich verbuchen: sie setzte für ihre Mitglieder eine Frist von 3 Tagen durch, die bereits von verschiedenen Aufklärern gefordert worden war. Von ihrem Sieg beflügelt planten die Freunde den Bau einer eigenen Leichenhalle, scheiterten aber an den notwendigen finanziellen Mitteln.

Allerdings schien dieser Misserfolg sich nicht auf das Image des Vereins niederzuschlagen. Betrachtet man die Mitgliederzahlen und die finanziellen Mittel, dann lässt sich weiterhin ein deutlicher Trend nach oben beobachten. Das Konzept schien gemacht um zu überzeugen, und so gründeten sich schnell Ableger, andere Organisationen kopierten das Projekt. Das wird insbesondere daran deutlich, dass unter anderem die Magine Rèim (1804) und die Brüdervereinigung (1815) sogar die GdF-Verfassung en détail übernahmen. Schon bald gehörten der GdF Persönlichkeiten an, die sich in diversen Berufen und Berufungen einen Namen gemacht hatten. Dazu zählten von jüdischer Seite Leopold und Hermann Ullstein (Gründer und Erbe des Ullstein-Verlags), Leopold Zunz (bekannt als Begründer der „Wissenschaft des Judentums“), Walther (Industrieller in und Reichsaußenminister der Weimarer Republik) und dessen Vater Emil Moritz Rathenau (Gründer der AEG), Ludwig Philippson (Rabbiner). Doch auch Nichtjuden wollten Freunde werden: so Carl Friedrich von Siemens (Industrieller und Politiker) und Hjalmar Schacht (Reichsbankpräsident, Reichswirtschaftsminister und Angeklagter in den Nürnberger Prozessen). (...)

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