Mai 4, 2018 – 19 Iyyar 5778
Die Frauen und der Talmud

image

Betrifft Schawuot nur die Männer oder ist es ein Fest für alle?  

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Das Schawuot-Fest, das dieses Jahr ziemlich früh Mitte Mai gefeiert wird, steht in unserer Zeit hauptsächlich für den Empfang der Thora. Wenn in früheren Zeiten Schawuot noch eine starke landwirtschaftliche Bedeutung hatte – was auch in den fünf Büchern Moses mehrmals betont wird – so ist dies heutzutage etwas anders. Nicht die neue Ernte und nicht die besonderen Opfergaben (als noch der Tempel stand) werden gefeiert, sondern ausschließlich die Übergabe der Thora auf dem Berg Sinai an das jüdische Volk vor mehr als 3.000 Jahren.

Es ist auch bekannt, dass das Thora-Lernen lange Zeit eine reine Männer-Domäne war und unter berühmten Thora-Gelehrten früherer Generationen ausschließlich Männer wie Mosche, Rabbi Akiwa, Raschi, Rambam, Arizal usw. bekannt sind.
Warum ist jedoch nichts von Frauen in diesem Bereich zu hören? Habe Frauen kein Interesse am Thora-Studium oder fehlt ihnen die dazu nötige Begabung? Oder wurden sie einfach nicht zugelassen zum Studium? Dann wiederum würde sich die Frage nach dem „Warum“ stellen.

Aus dem Vers 11:19 im 5. Buch Moses lernen wir, dass das Gebot die Thora zu lernen, sich nur auf die Männer bezieht: unsere Weisen leiten aus dem Wort „Bnejchem“ (ihre Söhne) ab, dass man die Thora exakt seinen Söhnen, nicht aber seinen Töchtern beizubringen verpflichtet ist.

Yentl
Was aber, wenn die Töchter trotzdem daran interessiert sind, und ebenfalls die Thora studieren möchten? Dazu finden wir im Talmud im Traktat Sota 10a eine ziemlich scharfe Aussage unserer Weisen: „Derjenige, der seine Tochter Thora lehrt, lehrt sie Tiflus (Torheit)“. Also, scheinbar ist das Thora-Studium für Frauen richtig tabu! Das erklärt übrigens, warum in dem berühmtem Film „Yentl“ (über eine Frau, die sich für einen Jeschiwa-Bochur ausgegeben hat, um in der Jeschiwa die Thora studieren zu können), der alte Rav seine Tochter Yentl geheim in der Thora unterrichten musste.

Debora
Jedoch, trotz dieser Einstellung, gab es durchaus jüdische Frauen, die im Tanach und im Talmud vor allem für ihre Gelehrsamkeit bekannt wurden.
So lesen wir Sefer Schoftim (Buch „Richter“) im Tanach über die Richterin Debora, die als einzige Frau in der Geschichte überhaupt diese hohe Stelle besetzt hat. Richterin Debora war tatsächlich eine in vielerlei Hinsicht herausragende Frau, die nicht nur das Volk gerichtet hat, sondern zu einer Art „Kanzlerin“ wurde. Sie hatte eine solche Autorität, dass der damaliger Heeresführer Barak ohne sie nicht in den Krieg gegen Sisra zu ziehen wagte. Wo sich Debora ihre breiten Thora-Kenntnisse angeeignet hatte, ist nicht überliefert. Jedoch bleibt sie in der jüdischen Geschichte einzigartig: in der heutigen Zeiten ist eine Frau als Richterin in einem orthodoxen Beit Din (Gericht) unvorstellbar.

Bruria
Auch im Talmud wird eine Frau für ihre Weisheit und ihren Scharfsinn bewundert. Bruria, die Ehefrau des großen Tana Rabbi Meir (Schüler von solch großen Rabbonim wie Rabbi Jischmoel und Rabbi Akiwa), wird in Talmud und Midraschim mehrere Male erwähnt. Dort steht sogar, dass sie die Schüler ihres Mannes im Talmud unterrichtet hat (wenn auch hinter einem Vorhang). Jedoch kann man bei ihr nachvollziehen, wo sie die Thora gelernt hat: sie war die Tochter des großen Gelehrten Rabbi Chanania ben Teradion, der von den Römern ermordet wurde. Wahrscheinlich hat Bruria einfach bei seinen Unterrichten gut zugehört, und da sie von Natur aus talentiert und scharfsinnig war, war sie so gelehrt, dass sie sogar den eigenen Mann in einer theologischen Diskussion überzeugen konnte. Jedoch bleibt auch Bruria unter mehr als 2.000 jüdischen Gelehrten, die im Talmud erwähnt werden, eine einzige weibliche Ausnahme.

Aber auch in vergleichsweise nicht weit entfernten Zeiten gab es Frauen, die die Möglichkeit bekamen die Thora richtig zu studieren. So schrieb die berühmter halachische Autorität Rav Mosche Feinstein eine faszinierende Geschichte, die so fantastisch klingt, dass niemand daran glauben würde, wenn sie nicht von ihm persönlich festgehalten worden wäre:
In Akdoma (Einführung) zum 8. Band seines großen halachischen Werkes „Igrot Mosche“ beschreibt Rav Feinstein seine ziemlich berühmten Vorfahren. Unter anderem erwähnt er eine Begebenheit mit einer seiner Urgroßmütter namens Rachel: noch als junges Mädchen war diese Rachel sehr hungrig nach Wissen und sagte ihrem Vater mehrmals täglich, dass sie die Thora lernen möchte. Auch wenn dies damals unmöglich war, gab der Vater schließlich nach und ging zu dem Rabbiner der Gemeinde. Die Geschichte spielte sich in Stadt Liozno ab, und der Rav dieser Stadt war damals Rabbi Schneur Zalman, der als 1. Ljubawitscher Rebbe der Gründer des Chabad-Chassidus bekannt ist.

Man würde es kaum glauben, aber ein chassidischer Rebbe hat damals dieser Rachel tatsächlich erlaubt den Cheder zusammen mit den Jungs zu besuchen (auch wenn sie ganz hinten sitzen musste)! Und diese seltsame Geschichte wurde nur deshalb publik, weil in der gleichen Klasse der Onkel von Rabbi Schneur Zalman, der zukünftige 3. Ljubawitscher Rebbe „Tzemach Tzedek“ (Rabbi Menachem Mendel, 1789-1866) gelernt hat.

Jedoch zeigen diese Ausnahmen, dass die Aussage von den Weisen über „Tiflus“ ziemlich ernstgenommen wurde und die Frauen vom Thora-Studium weitgehend ausgeschlossen waren.
Es ging so weit, dass der Satmarer Rebbe Mosche Teitelbaum (1914-2006) den Mädchen nicht mal das Lernen des Raschi-Kommentars auf Chumach erlaubt hat!

Mädchenschulen
Deshalb gab es viel Wiederstand als die ersten Schulen für Mädchen („Bais Yaakov“) Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnet wurden. Und nur die Unterstützung von Gedolej haDor (führende Thora-Persönlichkeiten) wie dem berühmten „Chofetz Chaim“ (Rabbi Israel Meir Kagan (1839-1933)) half diese Schulen in orthodoxen Kreisen doch noch zu etablieren.
Jedoch wurden sogar in solchen Schulen zwar Tanach, Weltanschauung und jüdisches Gesetz (Halacha) gelehrt, aber nicht der Talmud.

Deshalb ist das folgende Gespräch zweier großer chassidischer Rebben in dieser Hinsicht sehr interessant: im März 1981 besuchte zum zweiten Mal der Belzer Rebbe HaRav Yisochor Dov Rokeach den 7. Ljubawitschen Rebbe Menachem Mendel Schneerson in New York. Im Gespräch erwähnte der Belzer Rebbe, der in Israel wohnte, dass er den Vorschlag des Gastgebers vom ersten Treffen (im 1973) die Schule für Mädchen zu öffnen, in die Tat umgesetzt hat.
Der Ljubawitscher Rebbe war zufrieden und betonnte, wie wichtig es heutzutage ist auch Mädchen die Thora zu lehren. Als der verblüffte Gast aus Israel nachgefragt hat, ob der Rebbe tatsächlich meint, dass die Mädchen den Talmud lernen dürfen und worauf sich „Tiflus“ dann bezieht, antwortete der Ljubawitscher Rebbe, dass auch passende Stellen aus dem Talmud, die mit tagtäglichen Halachot verbunden sind, durchaus gelernt werden dürfen. Als Bestätigung für seine Wörter erzählte der Gastgeber von seinem Gespräch mit jungen Lehrerinnen aus Israel, in welchem diese Frauen große Lücken in jüdischer Weltanschauung offenbart haben und an absolut antijüdische Ideen glaubten. Schuld daran ist, sagte der Rebbe, dass die Mädchen die mündliche Thora nicht lernen.

Die Botschaft des Rebben war klar: heutzutage, wo auch die Frauen einem starken Einfluss der nichtjüdischen Welt ausgesetzt sind, dürfen und müssen sie praktische Halachot und richtige jüdische Weltanschauung sogar aus dem Talmud lernen.
Bemerkenswert, dass auch die Frauen im Morgengebet Segensprüche über das Thora-Lernen sagen. Wenn es früher nur dem Lernen von praktischer Halacha galt (Schabbat, Kaschrut, Segenssprüche, Torat haMischpacha), so können Frauen heutzutage ruhig auch mehr wagen.

Und wenn die jüdischen Frauen für sich die spannenden Thora-Welten öffnen, wird auch für sie das Schawuot-Fest nicht mehr auf Käsekuchen reduziert sein, sondern eine eigene und große Bedeutung haben.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben