September 5, 2015 – 21 Elul 5775
Die erste liberale Synagoge der Welt

image

Das Reformjudentum entstand in Seesen am Harz  

von Miriam Magall

Sie fällt eigentlich nicht besonders auf: Ein Fachwerkbau auf einem Schulhof beherbergt die kleine Synagoge in dem ebenfalls recht kleinen Ort Seesen am Harz. Aber sie hat Geschichte gemacht, denn der Jacobs-Tempel ist die erste Synagoge ihrer Art – auf der ganzen Welt.

Zwischen 1808 und 1810 wird sie für die Schule gebaut, die der Vorsitzende des Konsistoriums, Israel Jacobson (1768—1828), 1801 für jüdische Knaben in Seesen gegründet hat.

Die Synagoge ist in ortsüblichem Stil gehalten und wirkt recht eklektizistisch. Es ist ein im Hof frei stehendes Gebäude mit einer Höhe von 18,7 Metern.

Neben der ungewöhnlichen Lage der Bima, ist hier die Kanzel in Seesen als neues, nicht-traditionelles Element dazugekommen und an die Stelle der Ammud, der Säule, getreten. Da der G-ttesdienst in Jacobsons Tempel gekürzt wurde, hat man auf das Schacharith (Morgengebet) verzichtet, wie es in liberalen und Reformsynagogen bis heute üblich ist.

Im liberalen Tempel in Seesen spielt die Kanzel und damit die neu eingeführte Predigt auf Deutsch die Hauptrolle; die Thora-Lesung wurde dagegen stark verkürzt: Beim traditionellen G-ttesdienst wird die gesamte Thora mit ihren 54 Wochenabschnitten innerhalb von einem Jahr gelesen, in einer liberalen oder Reformgemeinde geschieht das im Verlauf von drei Jahren.

Die Emporen für die Frauen verlaufen entlang den beiden Längsseiten an der Nord- und Südwand, im Westen befindet sich eine dritte Empore. Dort steht die Orgel! – Eine wirkliche Neuerung Jacobsons.

Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 d.Z. hat es in Synagogen grundsätzlich keine Musikinstrumente gegeben; aus Trauer über diesen Verlust sowie um den Verlust des eigenen Staates und der Unabhängigkeit war es verpönt, Musik in einer Synagoge zu machen – ausgenommen war und ist lediglich der Ton des Schofars, des Widderhorns.

Jacobson meinte nun, man könne und dürfe in einer Synagoge durchaus eine Orgel aufstellen. Schließlich habe es im Tempel in Jerusalem eine Magrefa, eine Art Orgel, gegeben. Die Magrefa ist allerdings nur ein einziges Mal im Talmud, Traktat Eruwin 10,11 erwähnt.

Jacobson hat aber noch weitere neue Elemente eingeführt. Dazu gehört die Ausrichtung der Sitzbänke für die Männer in Richtung Osten mit einem Mittelgang. Als Vorbild für diese Neuerungen im Inneren seines Tempels dürfte Jacobson die protestantische Andreas-Kirche gedient haben, die schon zu seiner Zeit in Seesen stand und auch heute noch dort steht. Das gilt nicht nur für die neue Inneneinrichtung, sondern auch in Bezug auf den Ritus. Denn in dieser Synagoge wurde weitgehend auf Deutsch gebetet, und, auch das eine Neuerung, die Predigt auf Deutsch nahm und nimmt seither in liberalen und Reformsynagogen einen wichtigen Platz ein; weltliche Ankündigungen waren in Jacobsons Betsaal nicht mehr erlaubt. Die Synagoge war ausschließlich ein Haus des Gebets geworden und hatte aufgehört, auch ein Haus der Versammlung und ein Lehrhaus zu sein. Auch die Dauer des G-ttesdienstes wurde der des christlichen G-ttesdienstes angeglichen, das heißt, beträchtlich verkürzt. Nach dem neuen Ritus beteten alle Gläubigen im selben Tempo, statt jeder in seinem eigenen, sodass es hier, wie schon von Martin Luther bemängelt, nicht mehr laut wie in einer „Judenschul“, das heißt, einer Synagoge, zugegangen sein dürfte.

Der Tempel, so der offizielle Name dieser ersten Reformsynagoge in Seesen am Harz, ist mit seinem neuen Ritus Ausgangspunkt für das Reformjudentum, das weltweit noch heute besteht. (…)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Email This Page