November 3, 2016 – 2 Heshvan 5777
Die erste First Lady Israels

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Zum 135. Geburts- und 50. Todestag von Vera Weizmann  

Von Pjotr Ljukimson

(aus dem Russischen übersetzt von Edgar Seibel)

Ihr Name war Vera Katzman. Wenn man den Memoiren zeitgenössischer Autoren glauben mag, war sie ein richtiges Luder und bescherte nicht nur ihrem Ehemann jahrelang nervenaufreibende Augenblicke. Doch einer der größten Wissenschaftler und Politiker des 20. Jahrhunderts, der erste Präsident Israels, Chaim Weizmann, liebte diese Frau. Und wie die Legenden besagen, steckte er auch mal die ein oder andere Backpfeife ein...

Seine Studienzeit verbrachte Chaim Weizmann in Berlin, wohin er sich aus seinem Heimatdorf Motal über Pinsk und Darmstadt durchgeschlagen hatte. Sein Vater, ein bescheidener Kanzleiangestellter, konnte dem Sohn nicht beistehen. Der zukünftige Präsident sah sich gezwungen ein Dasein an der Armutsgrenze zu führen. Doch diese armen Zeiten waren dennoch glückliche Zeiten!

Schon bald wurde Chaim warmherzig in einer großen jüdischen Gesellschaft aufgenommen, zu der etwa ein Dutzend Studenten aus Russland gehörte. Sie alle waren arm, hungrig und überzeugte Zionisten. Das Herz der Gesellschaft war ein gewisser Leo Motzkin, Student der mathematischen Fakultät und zukünftiger berühmter jüdischer Journalist sowie Sozialaktivist. Motzkin ist Autor der Monographie „Judenpogrome in Russland“. Ihm zu Ehren trägt die israelische Stadt Kirjat Motzkin ihren Namen.

In diesen Kreisen traf Chaim Weizmann seine erste große Liebe, die Studentin der medizinischen Fakultät und blendende Schönheit Sofija Gezuba. Es kam der Tag an dem er ihr einen Antrag machte. Und kurz darauf, während der Feierlichkeiten, verlobten sie sich. Doch gerade noch verabschiedete sie ihn zu seiner Reise nach Genf – da er dort seiner Doktorarbeit nachgehen musste – da kam es plötzlich zu einem traumatischen Ereignis. Nie hätte Chaim sich so etwas zugetraut. Er hatte sich verliebt. Und zwar leidenschaftlich.

Seine neue Liebe studierte ebenfalls an der Fakultät für Medizin. Als Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns war Vera Katzman aus Rostow nach Genf gekommen. Sie entstammte einer derart assimilierten Familie, dass sie nicht ein Wort Jiddisch verstand. Einige Zeit rang Chaim noch mit sich selbst bis er sich schließlich eingestand, dass die Verbindung mit Sofija keinen Sinn hat. Er schrieb seiner Braut einen trocknen Brief, in dem er sie von der Auflösung seiner Verlobung in Kenntnis setzte.

Die russisch-jüdischen Studenten in Berlin hielten sich für Liberale, die sich von Vergangenem vollständig losgesagt haben. Nach den Worten eines israelischen Historikers, glaubten sie, von der heimatlichen Schtetl-Synagoge fortlaufen zu können, und blendeten dabei die Tatsache aus, dass sie ihre Synagoge mit nach Europa gebracht hatten. Sie waren verdammt, sie ein Leben lang auf den Schultern zu tragen.

Ein Bruch in der Beziehung wird – wie in einem jeden Schtetl – begleitet von überwältigendem Krach: Die Braut, die vom Bräutigam verlassen wurde, galt als entehrt. Viele suchten Sofija zwar zu trösten, ihr einzureden, Weizmann habe nur eine schwierige Phase. Doch er bestätigte in einem Brief an seine Freunde, dass er Sofija nicht mehr liebe und fest entschlossen sei Vera Katzman zur Frau zu nehmen.

Deshalb riefen Leo Motzkin und Schmarijagu Lewin Weizmann zu einem „kameradschaftlichen Gericht“ in Berlin auf. Sie forderten von ihm die Verlobung mit Sofija zu bestätigen. Er aber verzichtete. Motzkin versuchte es mit einem Kompromiss: Chaim heiratet Sofija, und löst die Ehe danach wieder auf. Damit sie nicht für ein Mädel gehalten wird, das vom Bräutigam nach der Verlobung gleich abserviert wurde. Weizmann verzichtete erneut. Will man den Legenden glauben, verpasste ihm Motzkin gleich danach eine Ohrfeige. Ob das der Wahrheit entspricht oder nicht – sicher ist jedenfalls, dass Motzkin bis zu seinem Tod im Jahr 1933 kein Wort mehr mit Weizmann wechselte.

All diese Ereignisse spielten sich im Jahre 1899 ab, die offizielle Eheschließung von Vera Katzman und Chaim Weizmann fand aber erst 1906 statt, als Vera ihr Studium beendete. In diesen sieben Jahren schrieben sie sich leidenschaftliche Liebesbriefe, die von israelischen Historiographen für die wichtigsten Dokumente der Geschichte des Zionismus des anfänglichen 20. Jahrhunderts gehalten werden. Denn Chaim setzte seine große Liebe sehr detailliert über alle Streitigkeiten innerhalb der Leitung der zionistischen Bewegung in Kenntnis.

Die Hochzeitszeremonie fand in einer kleinen Synagoge statt, wonach das junge Paar nach Manchester reiste, wo Weizmann der Arbeit als Hochschullehrer nachging. Vera wurde Kinderärztin. In England bekam das Ehepaar zwei Söhne, Benjamin und Michael. In dieser Zeit geht Weizmann aktiv sowohl wissenschaftlichen als auch gesellschaftspolitischen Tätigkeiten nach. Er gründet das Haifa-Technion, treibt aktiv zionistische Interessen in England, Frankreich und Palästina voran, ist deshalb oft unterwegs. (…)

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