August 4, 2017 – 12 Av 5777
Die Entjudung Deutschlands

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Das Leben und Sterben des christlich-jüdischen Miteinanders am Beispiel der baden-württembergischen Stadt Buttenhausen  

Von Melissa Kaiser

Friedlich schlängelt sich ein kleiner steiler Weg durch Buttenhausen zum alten jüdischen Friedhof. Er ist Teil eines gemütlichen Rundgangs durch den Ort, welcher dessen eindrucksvolle Geschichte aufbereitet hat. Der Blick vom Friedhof hinab ins Lautertal lässt aufgrund der zerstörten Synagoge kaum noch erkennen, dass sich hier ein zwar nicht perfektes, aber doch temporär gut eingespieltes christlich-jüdisches Zusammenleben abspielte.

Die Gemeinden waren durch den Fluss zunächst geteilt – links befand sich die christliche, rechts die jüdische – im Laufe der Jahre aber zogen auch Christen in den jüdisch geprägten Ortsteil und umgekehrt. Dieser rege kulturelle Austausch flaute schon vor der Herrschaft der Nationalsozialisten ab, wurde aber erst durch diese vollständig zerschlagen. Denn kein Jude Buttenhausens blieb nach 1945 im Ort zurück. Ob geflohen, ermordet oder durch Selbstmord – die Gemeinde war ausgelöscht. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Geschichte aufgearbeitet und wiederentdeckt werden sollte. Auch die vor der NS-Schreckensherrschaft.

Ein Judenschutzbrief Philipp Friedrichs Freiherr von Liebenstein aus dem Jahr 1787 markierte den Anfang der Blütezeit der jüdischen Gemeinde Buttenhausens. Neben einem hohen Spielraum in Bezug auf die Selbstverwaltung enthielt dieser auch Schutzrechte und befreite die Juden von feudalen Diensten. Außer des recht gewinnbringenden Salzhandels war Juden jeder Handel gestattet. Ab 1805 mit dem Beginn der württembergischen Landeshoheit durften Juden auch in Buttenhausen Handwerksberufe ausüben und Zünften beitreten. Enorme Wichtigkeit besaß auch die zugestandene religiöse Autonomie, welche den Weg für eine Synagoge ebnete. Neben dieser und dem Friedhof hatten Juden die Möglichkeit ein eigenes rituelles Badehaus und eine jüdische Schule zu besuchen. Zunächst ließen sich 25 jüdische Familien, die je zwölf Florinen für ihr Ansiedlungsrecht bezahlten, in der Gemeinde nieder. Ganz im Sinne des Freiherrs von Liebenstein, der mit seinem Schutzbrief vor allem auch die wirtschaftliche Wiederbelebung des Ortes im Sinn hatte.

Ein Jude stiftete der evangelischen Gemeinde die Turmuhr
Mit der Zeit entstanden viele verschiedene jüdische Ladengeschäfte. Darunter auch die Zigarrenfabrik der Familie Lindauer, die zwanzig Arbeitsplätze zur Verfügung stellte und der evangelischen Kirche eine Turmuhr stiftete. Moritz Lindauer, dessen Brüder Karl und Max rechtzeitig vor den Nazis flohen, fiel diesen zum Opfer. Als Kriegsveteran empfand er eine hohe Verbundenheit zu seinem Wohnort und seinem Vaterland, welche ihm eine Ausreise unmöglich schienen ließ. Seinen Kindern ebnete er den Weg in die USA, sodass sie überlebten. Die Brüder Karl und Max retteten sogar die Schabbatlampe der Buttenhausener Synagoge. Diese befindet sich heute daher in der Jewish Chapel in Annapolis.

Die Synagoge Buttenhausens, welche genau gegenüber der Kirche lag, überlebte den ersten Brandanschlag im Jahr 1938 dank der örtlichen Feuerwehr und des Bürgermeisters. Ein nahezu einmaliges Ereignis in dieser Zeit. Erst nach einigen Säuberungsaktionen gelang es den Nazis, die Synagoge vollständig zu zerstören. Am Synagogenplatz des Ortes erinnert heute ein Gedenkstein mit Davidstern und Menora an das zerstörte Gebäude.

Das protestantisch-jüdische Zusammenleben florierte im Kaiserreich
Den Höhepunkt der Blütezeit der jüdischen Gemeinde markierten die Jahre um 1850 bis 1900. 1871 stellten Juden sogar mit 53 % die Bevölkerungsmehrheit des Ortes dar. Die räumliche Trennung der verschiedenen Gemeinden lockerte sich zu dieser Zeit nach und nach auf. Die Volksschule wurde sowohl von evangelischen als auch jüdischen Schülern besucht. Auch das gemeinsame Vereinsleben florierte. Unter den ersten Mitgliedern des Schwäbischen Albvereins befanden sich einige Buttenhausener Juden. Man besuchte gemeinsame Tanzveranstaltungen, Theatergruppen oder Gesangsvereine. Auch im politischen Engagement zeigte man sich verbunden. Die einzige Ausnahme stellte die Eheschließung dar. Hier ist lediglich eine einzige christlich-jüdische Heirat dokumentiert.

Umso dramatischer erscheint das jähe Ende der Kooperation dieser zwei religiösen Gemeinden, welche im Ort Buttenhausen nahezu gleichgestellt und im Alltagsleben miteinander verflochten waren. Ein Beweis dafür, dass familiäre Trennung bedingt durch die Religion oder Kultur nicht zwangsweise zur gegenseitigen Isolation führt. Vielmehr ist Buttenhausen ein Beispiel dafür, dass differente Parallelgesellschaften nur dann zum Problem werden, wenn der gegenseitige Respekt fehlt – Ein Gegeneinander statt Miteinander gelebt wird.

Die nationalsozialistische Propaganda erreichte jedoch genau dies. Angefangen vom Schulhof zog sich der Machtapparat durch sämtliche Lebensbereiche der Menschen in Buttenhausen. Auch Zeitzeugen berichten, in der Anfangszeit des Nationalsozialismus keinem radikalen Antisemitismus der nichtjüdischen Bevölkerung begegnet zu sein. Jedoch änderte sich dies radikal mit dem Jahr 1933, als die Propaganda auf Hochtouren lief. Schulkinder tanzten und sangen nach Zeugenaussagen Jutta Guts, der Tochter des jüdischen Oberlehrers Naphtali Berlingers, als die Synagoge brannte: „Die Synagog isch abbrennt, Hallelujah.“

Berlinger brach damals bei diesem Szenario zusammen. Christliche Bekannte grüßten ihre jüdischen Freunde schlagartig nicht mehr. Teils wurden sie nicht einmal mehr angesehen. Das Ende des Miteinanders im Alltag war vollständig eingeläutet.

Der in Aalen geborene Walter Ott kümmerte sich in den 70er Jahren privat intensiv um die Erhaltung und Instandsetzung des jüdischen Friedhofs. Dank seines Einsatzes zählt dieser Friedhof zu den besterhaltenen in Baden-Württemberg. 1985 folgte das Bundesverdienstkreuz. Zu seinen Motiven gab der im Jahr 2014 gestorbene Ott an: „Warum? Ich guck das anders an als andere Leute. Die Steine hab‘ ich im Kopf. Die leben, weil noch Nachkommen da sind.“

Juden, die rechtzeitig aus Buttenhausen flohen, kehren nach Jahrzehnten in kleiner Zahl hin und wieder zum Friedhof und diversen Gedenkveranstaltungen zurück. Dies ist auch an den zahlreichen Steinen auf einigen Gräbern ersichtlich. Wohnhaft ist hier jedoch keiner mehr. Zumindest die Geschichte des lebendigen christlich-jüdischen Zusammenlebens in Buttenhausen sollte immer wieder erzählt werden. Nicht nur wegen der Toten, sondern auch und gerade wegen der Lebenden.

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