Indoktrination, Quiz und Antisemitismus  

Von Roger Letsch

Blog-Formate haben Hochkonjunktur. Die FAZ hat ihren Don Alphonso, die Welt hat Henryk M. Broder – der Spiegel hat nur Jakob Augstein geerbt. Letzterer genügte selbst dann nicht, als man immer mehr Blogger-ähnliche Autoren auf SPON unter der Rubrik „Meinung“ zusammenfasste – zumal man sich dort auch den Luxus eines Jan Fleischhauer leistet, dessen Aussagen so gar nicht in die übliche Spiegel-Agenda passen. Spiegel und Spiegel-Online gehen die Leser von der Stange, das ist besonders tragisch, weil es die jungen Leser sind, die keine Erinnerung an die journalistischen Glanzzeiten des Blattes mehr haben und so nicht aus Gewohnheit und Nostalgie Leser bleiben. Der Spiegel musste jünger werden!

Es werde bento
Ausschließlich Web-Format, „Mobile First“ (das Lesen an Desktop-Computern ist eine Zumutung) und jugendgerechte Themen bzw. das, was die Redaktion dafür hält. Das ist bento. Dazu kommt ein netter Zweitverwertungseffekt, weil man die bento-Artikel gern auch auf SPON wiederfindet. Immer mehr und häufiger bedient sich SPON so im eigenen Haus und spart Zeit und Geld – Qualität leider auch.

Ich bin SPON-Leser der ersten Stunde, als der Online-Auftritt noch wie ein Designunfall aussah, man aber inhaltlich noch meist von Qualitätsjournalismus sprechen konnte. Beides hat sich verändert, das eine zum Besseren, das andere leider nicht. Seit der bento-Werdung der political correctness verlässt der Spiegel jedoch endgültig den Pfad des Journalismus und begibt sich hinab in meine niederen Gefilde: das Meinungsbloggen und Andere-Meinungen-Zerpflücken.

Auf meiner eigenen Bog-Seite steht deutlich lesbar der Warnhinweis „Meinung, und zwar ausschließlich meine eigene!“ geschrieben. Die bento-Autoren hingegen wedeln mit Presseausweisen und verbreiten ihre Meinungen als unumstößliche Wahrheiten, was zu üblen Vorfällen von Antisemitismus, Verdrehung von Aussagen und gefühlter Besserwisserei führt. Erstmals wurde ich auf bento aufmerksam, als dort ein Interview mit Chaya Tal zu lesen war, einer quirligen, polyglotten Jüdin aus St. Petersburg, die heute in einem Wohncontainer auf einem Hügel in Samaria lebt. Das war schon eine sehr verkürzende Beschreibung Chayas. Bento jedoch konnte das noch deutlich kürzer: Ein Friedenshindernis sei Chaya. Punkt.

Der dazugehörige Artikel strotze nur so vor Lügen, Antisemitismus, Verdrehungen und „Gib’s endlich zu, Jude“-Formulierungen. Seither versuche ich, bento-Artikel zu meiden, weil sie mir körperlich Schmerzen bereiten. Aber da ich auch SPON immer weniger besuche, fällt das kaum ins Gewicht. Es trifft einen wie ein Hammerschlag, wenn man dann doch mal wieder einen bento-Artikel liest, der sich mal nicht um Themen wie „Warum wir öfter Sex mit Freunden haben sollten“, „Dinge, die Du wissen musst, wenn…“ oder „Quiz: Wie isländisch bist du?“ drehen. Denn Politik gibt’s auch auf bento. In kleinen Dosen und natürlich mit der „richtigen“ Temperatur und dem „richtigen“ Geschmack.

Rechtsaußen, rechtsdraußen und Klickneid
Juliane Marie Schreiber, bento-Autorin, kommt in ihrem Artikel „Diesen Bullshit von Rechtsaußen können wir so nicht stehen lassen“ gleich zur Sache. Anabel Schunke hat für ihren Artikel, den bento „rechtsaußen“ verortet, auf Huffington Post und Tichys Einblick über 18.000 Likes erhalten, das kann Frau Schreiber so nicht stehen lassen – oder ertragen. Die eigenen 100 Likes auf die billige Retourkutsche lassen Klickneid vermuten. Aber worüber regt sich Frau Schreiber eigentlich so sehr auf? Anabel Schunke kündigt der Bundesrepublik Deutschland die Gefolgschaft und schreibt über die Gründe – ungeheuerlich!

Die Juliane von bento würde ja darüber hinwegsehen, aber ihr bipolares Weltbild wurde empfindlich gestört! Anabel Schunke ist nämlich jung und hat Abitur, ist gebildet und Großstädterin! „Rechtspopulisten“ (die erkennt bento selbstredend stets zuverlässig) sind für bento nämlich alt, ungebildet und kommen direkt vom Rübenacker in Hintertupfingen. Und dann sowas: Gebildete junge Menschen, die auch noch Modelformat haben, schwimmen nicht auf dem SPON/bento-Mainstream mit und verweigern sich der political correctness: „Ich muss gar nix!“, titelt die neu ernannte „Rechtspopulistin“ Anabel Schunke.

Bento arbeitet sich Punkt für Punkt an den persönlichen Gefühlen von Schunke ab. Nicht ein Aspekt ihres Artikels kann man auch nur als Meinung stehen lassen, alles kommt vor Gericht – und Schreiber ist Zeuge, Staatsanwalt und Richter in einer Person. Anabel Schunke hat das Gefühl, dass in Deutschland etwas grundsätzlich schief läuft? Dann stimmt eben mit ihrem Gefühl etwas nicht! Schunke hat Angst? Irrational! Schunke meint, die millionenfache Aufnahme muslimischer Flüchtlinge gefährde liberale westliche Werte? Alles Lüge!

Der Führer ist tot, es lebe die Meinungsführerschaft
Bento verwendet seit seiner Byte-Werdung viel Zeit darauf, seinen Lesern zu beweisen, dass bestimmte Meinungen falsch und unvertretbar sind. Gern werden dazu „falsche Meinungen“ mit Labeln versehen, die dem Leser eigenes Denken ersparen sollen, weil „gute Menschen“ nur ungern ihre Hände in die geistigen Abgründe der dreißiger und vierziger Jahre stecken, aus denen diese Label stammen. Letztlich betreibt bento aber nichts anderes als die Unterdrückung und Diffamierung Andersdenkender. Mit Fakten zur Untermauerung der vermeintlich richtigen bento-Meinung kann man zwar auch nicht aufwarten, man fühlt sich aber moralisch so überlegen, dass dies keine Rolle zu spielen scheint.

Man muss nicht mit Anabel Schunkes wütendem Kommentar übereinstimmen, aber es ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit, wenn man ihre Meinung einfach als irrelevant und falsch abbürstet und versucht, sie in eine Ecke zu stellen, in die sie sicher nicht gehört. Der Versuch von bento und Schreiber, Meinungen in „Richtig“ und „Falsch“ zu teilen, führt zwangsläufig zur Meinungsmonokultur. Gefahr droht unserer Demokratie heute leider nicht nur von dumpfen Naziglatzen ohne Hauptschulabschluss, sondern aus mehreren Richtungen, die alle eines gemeinsam haben: Die Gewissheit, stets auf der richtigen Seite der reinen Wahrheit Nektar zu saugen. Ich bin ehrlich froh, nicht über derlei stumpfe Gewissheit zu verfügen, stets im Recht zu sein.

Der nächste Faschismus, der Europa und die Welt ins Chaos stürzen könnte, wird sagen: „Ich bin der Antifaschismus“. Wir sollten bento gut im Auge behalten.

*Eigentlich eine gute Idee, diesen Preis auszuloben. Die Oscars haben die goldene Himbeere, der Grimme-Preis braucht auch einen Gegenpart.

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