Dezember 4, 2015 – 22 Kislev 5776
Die dichtende Denkerin

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Zum 40. Todestag von Hannah Arendt  

Von Simone Scharbert

Erstmals erscheinen noch unbekannte Gedichte Hannah Arendts in einer eigenen Ausgabe und betonen einmal mehr die Bedeutung der Dichtkunst für das Werk der Philosophin.

„Damit Du aber weißt, wie mir zumute ist, schreib ich Dir ein Gedichtchen, das mir so kam …“ Am 1. Mai 1952 schickt Hannah Arendt ihr Gedicht „Fahrt durch Frankreich“ an ihren Mann Heinrich Blücher. Von „Blüten jubeln in dem Winde“ und „Himmel blaut und grüßt mit Linde“ ist die Rede, ein Frühlingsgedicht in bester romantischer Manier, man meint Mörikes blaues Band grüßen zu hören. Zeit ihres Lebens hat sich die Philosophin immer wieder mit Gedichten beschäftigt und intensiv auseinandergesetzt. Zum Beispiel in ihren Ausführungen zur Dichtkunst in der Vita activa, wenn sie etwa schreibt: „So bleiben Gedichte, unter den Gedankendingen der Kunst, dem Denken als solchem, am engsten verhaftet; sie sind gleichsam die wenigst dinglichen unter den Weltdingen.“ Dieses Grundverständnis von Dichtung charakterisiert auch Hannah Arendts spätere Kommentare zu Werken von Brecht oder Broch, ebenso wie ihre vielen Korrespondenzen. Seien es nun die Briefe an den einstigen Geliebten Martin Heidegger, den Doktorvater Karl Jaspers oder an ihren zweiten Mann Heinrich Blücher, die leichthändig zwischen privatem Austausch, zukünftigen Ideenskizzen und gesellschaftspolitischen Bestandsaufnahmen changieren. Und immer wieder auf Dichtung Bezug nehmen. Dass Hannah Arendt auch selbst Gedichte geschrieben hat, ist daher wenig verwunderlich. Dass die 71 Gedichte der Philosophin erst jetzt veröffentlicht werden, hingegen schon.

Rechtzeitig zum vierzigjährigen Todestag der großen Denkerin hat der Piper Verlag nun die Gedichte Hannah Arendts erstmals vollständig herausgegeben. Ein großes schwarzes A prangt auf dem hellblauen Cover, eine junge Hannah Arendt blickt einem aus dem Ausschnitt des Buchstabens entgegen. Schon die äußere Aufmachung will offenbar zeigen, dass der Leser hier einer anderen Hannah Arendt begegnen wird; ihr souveräner Auftritt in späteren Interviews wird in der grafischen Gestaltung des Bandes versteckt. Der programmatische Titel der Gedichte „Ich selbst, auch ich tanze“ unterstreicht diese Anmutung, ein Zusammenhang mit den vielzitierten Forderungen Arendts „Ich will verstehen“ oder „Von den Dichtern erwarten wir Wahrheit“ lässt sich auf den ersten Blick nicht herstellen. Der Lektüre schadet das aber keineswegs. Zeitlich lassen sich die Gedichte in zwei Phasen einordnen: Die ersten 20 Gedichte entstehen in den Jahren 1923 bis 1926; den Großteil ihrer lyrischen Arbeiten beginnt Hannah Arendt aber erst ab 1941 im New Yorker Exil zu verfassen. Gedichte aus knapp fünf Jahrzehnten sind in diesem schmalen Band versammelt und mit einem Nachwort von Irmela von der Lühe versehen, das allerdings dem Leser mehr zu Arendts Gedichten erzählen könnte.

1904 wird Hannah Arendt in der Nähe von Hannover geboren. Schon während ihrer Schulzeit wird deutlich, dass sie ein autark denkender Geist ist und sich ungern in Grenzen weisen lässt. Ihr Abitur macht sie in Berlin als Externe ein Jahr früher als gedacht, mit 18 Jahren beginnt sie 1924 in Marburg Philosophie, Theologie und Griechisch zu studieren und versammelt schnell einen Kreis junger Studenten um sich. Der Philosoph und Hannah Arendts langjähriger Freund, Hans Jonas, beschreibt anlässlich Arendts Todesfeier 1975 seine erste Begegnung mit der jungen Studentin: „Intellektueller Glanz war damals kein seltener Artikel. Aber bei ihr war es eine Intensität, eine innere Richtung, ein Instinkt für Qualität, eine Suche nach dem Wesentlichen, ein Eindringen in die Tiefe, das einen Zauber um sie herum verbreitete“. (…)

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