Juni 2, 2016 – 25 Iyyar 5776
Die deutsche Hochmoral

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Deutschland als „moralische Supermacht“ nach Deutschland 

Von Ulrich Jakov Becker


Haben die Deutschen nicht mehr als alle anderen aus der Schoah und dem zweiten Weltkrieg gelernt? Haben sie nicht durch Bomben und Scham gelernt? Sind nicht aus den „totalen Kriegern“ die totalen Pazifisten geworden? Ist nicht Deutschland heute Vorreiter der Toleranz und Demokratie, des Humanismus, des Fortschritts und des Liberalismus, von allen geliebt und umjubelt? Kommen die Juden nicht zurück? Ist man nicht weitaus ethischer, gebildeter und zivilisierter als die dummen Amies und sogar die rechts absackenden Israelis? Schlagen sie sich nicht auf die schmerzenden Wunden, leisten Sühnedienste, U-Boote, Niebelungentreue ihren amerikanischen Befreiern und bringen anderen bei nicht in die gleiche Falle zu tappen wie sie selbst?
Nein, nicht wirklich.

„Israels momentane Vorgehensweise trägt nicht dazu bei, das Land weiterhin jüdisch und demokratisch zu belassen”, zitierte der SPIEGEL Norbert Röttgen in einem in Israel weit diskutierten Artikel zur letzten deutsch-israelischen Konfrontation.

Er sagt damit eigentlich nichts anderes, als dass er und Deutschland – besser als der jüdische Staat – wissen, was gut für es ist und wie Israel seinen jüdischen Charakter beibehalten kann. Das ist offenbar eine große Sorge in der deutschen, außenpolitischen Chefetage. Und dazu kommt noch, dass er und Deutschland, als Musterdemokraten, ein diktatorisches, eventuell gar faschistisches, Abrutschen Israels furchtsam nahen sehen.

In Anlehnung an Henryk M. Broder, kann man sich Norbert Röttgen morgens beim Aufwachen vorstellen. Er dreht sich rum und gleich schießt es ihm in den Kopf: „Was kann man nur machen, damit Israel jüdisch bleibt? Und wie kann man die Juden dazu bringen, sich mehr dafür einzusetzen?' Vielleicht mit ein paar Boykotten?

Sein Zitat im SPIEGEL wie die etlicher anderer deutscher, besorgter „Israelfreunde“ in Politik und Medien, zeichnen immer wieder ein Bild von einem Israel, dass im Grunde keine Ahnung hat, dass es eine Politik zu seinem eigenen Schaden betreibt und die Juden ihre eigenen, „wahren“ Interessen nicht verstehen. Da will man in Deutschland – und um korrekt zu sein, auch in der Obama-Regierung – gefühlvoll nachhelfen.

Ein Streitgenosse und Kollege im gelebten und aktive besorgten „Kritisieren“ Israels ist Christoph Heusgen, Ministerialdirektor für Außenpolitik im Kanzleramt und außenpolitischer und sicherheitstechnischer Berater Angela Merkels, der sich vehement für die Kennzeichnung israelischer Produkte aus umstrittenen Gebieten einsetzt – natürlich im Gegensatz zu allen anderen umstrittenen Landstrichen der Welt.
Dank Wikileaks erfuhren wir, dass er 2009 für Deutschland hinter verschlossenen Türen, selbst die nicht gerade Israelfreundliche Obama-Administration und deren Botschafter in Deutschland Philip Murphy mit anti-israelischem Aktionismus und einem Erpressungsplan gegenüber Israel „überraschte und irritierte“, während Merkel und Co. sich gleichzeitig offiziell als echte Kumpels Israels gaben, „Staatsraison“ usw..

Die USA sollten Israel dabei den Unterstützungsentzug in der UN androhen, wenn Israel nicht sofort sämtlichen Wohnungsbau in den umstrittenen Gebieten einstellen würde.

Der Übergang vom „besorgten Freund“ zum Schaden zufügenden „Enttäuschten“ und selbsterklärten „Verprellten“ ist dabei kurz. (...)


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