Die angeblichen „Richtigstellungen“ der GEZ-Sender machen den Skandal um die unterdrückte arte-Dokumentation nur noch größer  

Juli 7, 2017 – 13 Tammuz 5777
Die Antisemitismus-Doku des WDR: Der Faktencheck zum Faktencheck

Von Redaktion Audiatur / Frederik Schindler

Nach langem Hin und Her entschloss sich die ARD, die Antisemitismus-Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner doch noch zu zeigen – allerdings nur begleitet von „kritischen Einordnungen“ als Einblendungen, einem „Faktencheck“ auf der WDR-Homepage und einer anschließenden Talkrunde bei Maischberger mit drei geladenen „Israelkritikern“.

Auf ganze 29 Anmerkungen verwies die ARD während der gestrigen Ausstrahlung der umstrittenen Antisemitismus-Dokumentation in Laufbändern am unteren Bildrand, mehrfach wurde der laufende Film zudem für die Einblendung kommentierender Texte unterbrochen. Ein einmaliger Vorgang und eine Vorführung der Filmemacher, die anschließend bei der Maischberger-Diskussion nicht mal die Möglichkeit bekamen, sich zu rechtfertigen. Als der WDR kürzlich eine Dokumentation ausstrahlte, die Geert Wilders als Spion Israels darstellte, gab es jedenfalls keine eingeblendeten Anmerkungen des Senders – und auch bei sonst keinem anderen gesendeten Film. Die akribische Kommentierung von einzelnen Sätzen, alle paar Minuten des Films, wirkt nahezu obsessiv.

Sehen wir uns einige dieser Kommentare des „Faktenchecks“ einmal genauer an:

Von „Brunnen“ spricht Abbas hier jedoch nicht, auch nicht von „Plänen“ der Rabbiner, das Wasser zu vergiften.
Abbas behauptet in der entsprechenden Rede, die im Film zitiert wird: „Darüber hinaus möchte ich noch sagen, dass vor nur einer Woche einige Rabbiner in Israel ihre Regierung aufgefordert haben, unser Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten.“ Der Sender möchte hier also zwischen „Wasservergiftung“ und „Brunnenvergiftung“ unterscheiden, als ob ersteres nicht letzteres meinen würde.

Die angerissene historische Entwicklung des Antisemitismus im Neuen Testament, in Schriften von Martin Luther, Molière, Richard Wagner und anderen lässt den jeweiligen historischen Kontext völlig außer Acht und ignoriert Forschungsergebnisse, etwa zum Antisemitismus Richard Wagners, der in der neueren Forschung nun gerade als nicht rassistisch bewertet wird, sondern vielmehr die „Erlösungsidee“ Wagners gegen den damals formulierten Rassegedanken einordnet.
Der historische Kontext spielt für die Beurteilung, ob jemand Antisemit war oder nicht, keine Rolle. Wer Richard Wagner vom Antisemitismus freisprechen möchte, weil dieser „nicht rassistisch“ war, hat grundlegende Funktionsweisen des Antisemitismus nicht verstanden: Er ist ein Unterlegenheitsgefühl, das Juden eine unbändige Macht zuschreibt und sie als überlegen halluziniert.

Die Bewertung „Stellvertretend für alle Juden vergiften heute die Israelis gleich das ganze Mittelmeer“ lässt sich aus dem Zitat nicht ableiten und verzerrt die Aussage von Frau Groth. Es lässt sich daraus kein Pauschalurteil über „die Juden“ ableiten.
Und wieder kein Verständnis für Funktionsweisen des modernen Antisemitismus: Selbstverständlich spricht Groth nicht über „die Juden“, da dies gesellschaftlich verpönt ist. Sie überträgt ihre Behauptung auf Israel, „den Juden unter den Staaten“ (Léon Poliakov), in einer Art „geopolitischen Reproduktion des Antisemitismus“ (Stephan Grigat). Die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei nahm übrigens im Jahr 2010 gemeinsam mit Islamisten an der Ship-to-Gaza-Flottille teil, die die israelische Seeblockade durchbrechen wollte. Am 76. Jahrestag der Reichspogromnacht, dem 9. November 2014 lud sie Referenten zu einer Veranstaltung in den Bundestag ein, die Israel mit dem Nationalsozialismus und dem „Islamischen Staat“ verglichen.

Die Linguistin Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel wird zu ihrer Studie zur „Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ interviewt. Diese Studie hat sie gemeinsam mit Jehuda Reinharz 2012 publiziert. Darin untersuchten die Wissenschaftler über 14.000 Zuschriften an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an die Israelische Botschaft in Deutschland. Die Studie befasste sich folglich mit dezidiert antisemitischen Schriftstücken.
Was will uns der WDR damit sagen? Genau darum geht es an dieser Stelle des Films: Warum diese Schriftstücke – im übrigen größtenteils nicht von „Extremisten“ verfasst, sondern von Menschen in der „Mitte der Gesellschaft“ – antisemitisch sind.

Sozialistische Systeme wie DDR und Sowjetunion grenzten sich beispielsweise deutlich vom Nationalsozialismus ab. In der Ideologie der DDR und der Sowjetunion war der Faschismus die höchste Form des Imperialismus und damit Bestandteil einer als wissenschaftlich erforschten gesellschaftlichen Entwicklung. In der Sowjetunion und in der DDR wurde das Entstehen des Nationalsozialismus durch die sogenannten „Steigbügelhalter“ der Industrie und der in Sozialdemokraten und Kommunisten gespaltenen Arbeiterklasse erklärt. In der DDR wurde der kommunistische Widerstand gegen die Nationalsozialisten erforscht, dokumentiert und für die allgemeine Propaganda benutzt.
Weil die Instrumentalisierung des Nationalsozialismus für die eigene Ideologie das gleiche bedeutet wie die Aufarbeitung des selbigen? Zum Antisemitismus Stalins wird hier ebenfalls kein Wort verloren. Unglaublich.

Hierzu äußert sich Ingrid Rumpf, Vorsitzende des Vereins „Flüchtlingskinder im Libanon“, der die Ausstellung 2008 konzipiert hat, dem WDR gegenüber wie folgt…
Anschließend folgt unkommentiert ein Statement zur „Nakba-Ausstellung“. Alex Feuerherdt wirft den Ausstellungsmachern vor, historisch unstrittige Fakten grob zu verfälschen. Die Grüne Jugend München und andere Organisationen warfen dem oben genannten Verein bereits vor dreieinhalb Jahren antiisraelische Propaganda und die Zusammenarbeit mit einer libanesischen Partnerorganisation vor, die Kinder zum Hass auf Israel erziehe. Der Sender erwähnt diese Kritik nicht.

Den angesprochenen Organisationen wurde von den Autoren keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Diese wurden erst durch den WDR eingeholt oder als Reaktion auf die Veröffentlichung auf Bild.de publiziert.
Die Kritik, dass die im Film kritisierten Organisationen keine Möglichkeit zur Gegenrede hatten, ist berechtigt. Auch diese sollte allerdings kritisch eingeordnet werden. Auch hier wird eine Stellungnahme der katholischen Friedensorganisation Pax Christi allerdings unkommentiert abgebildet. Dass Pax Christi mit der Kampagne „Besatzung schmeckt bitter“ einen „Kaufverzicht“ und eine „Kennzeichnung“ von Produkten aus israelischen Siedlungen fordert, und damit selbst keineswegs eine „neutrale“ Position vertritt, sondern vielmehr der antizionistischen Boykottkampagne BDS nahesteht, wird im „Faktencheck“ nicht erwähnt.

Nazi-Vorwürfe gegen B’Tselem sind nicht bekannt. B’Tselem ist eine israelische Nichtregierungsorganisation, die sich für die Zweistaatenlösung einsetzt und fordert, dass die israelische Regierung den Ausbau der Siedlungen in den besetzten Gebieten beendet.
Von Nazi-Vorwürfen gegen B’Tselem ist im Film auch keine Rede – es heißt über die Organisation lediglich, sie sei „eine israelische NGO, die Israel Apartheid und Nazi-Methoden vorwirft“. Beides ist zutreffend.

Die eingeblendeten Schlagzeilen vermitteln das Bild, dass die deutsche Medienlandschaft hauptsächlich israelkritisch berichte. Tatsächlich wird dieses Bild durch die Forschung nicht bestätigt: „Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass sich beispielsweise die Berichterstattung zur Zweiten Intifada und den Gaza-Kriegen 2009 und 2012 in Qualitätszeitungen, aber auch dem deutschen Fernsehen kaum substantiell voneinander unterschieden hat und vorrangig versucht wurde, ausgewogen über die Konfliktparteien zu berichten.“ (IFEM 2002; Maurer/Kempf 2011; Witte 2014)
Auch hier macht es sich der „Faktencheck“ zu einfach: „Durch die Forschung“ würde das Bild einer hauptsächlich „israelkritisch“ berichtenden deutschen Medienlandschaft nicht bestätigt werden. Beispielsweise die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel kommt zu anderen Ergebnissen: „Wir haben die Berichterstattung über den Nahen Osten mit Artikeln über die Lage der Menschenrechte und Konflikte in anderen Ländern verglichen, wie Russland, China, Saudi-Arabien und Nordkorea. Kaum eines der Länder schnitt so schlecht ab. In den Artikeln finden sich ungewöhnlich viele NS-Vergleiche, es gibt ein sehr negatives Bild des Landes. […] In der Schlagzeile ist Israel fast immer Aggressor, im Text selbst steht dann, dass Israel nur reagiert hat.“

Marc Bensimhon ist beim Bureau National de Vigilance Contre l’Antisémitisme (BNVCA) als Rechtsanwalt tätig. Indem er neutral als Rechtsanwalt eingeblendet wird, kann der Zuschauer dessen Expertise nicht einordnen.
Diese Einordnung ist wohl die überraschendste des gesamten „Faktenchecks“. Was hier suggeriert wird, ist nichts anderes, als dass ein Rechtsanwalt nicht mehr „neutral“ wäre, wenn er sich bei einer Organisation engagiert, die zunehmenden Antisemitismus in Frankreich beobachtet und kritisiert. Es wird suggeriert, dass dieses Engagement einer Erklärung bedürfe. Bei der im WDR ausgestrahlten Wilders-Doku wurde übrigens ein islamistischer Hassprediger als „muslimischer Lehrer“ vorgestellt – gänzlich ohne kritische Einordnung. Erst nach Kritik wurden die entsprechenden Stellen entfernt.

Es gibt keinerlei Belege dafür, dass der Anschlag auf das Bataclan im November 2015, zu dem sich der IS bekannt hat, antisemitisch motiviert war. Er kann deshalb nicht in eine Aufzählung antisemitischer Attentate aufgenommen werden.
Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Islamismus immer auch eine Feinderklärung gegen die Juden beinhaltet. Doch beim Massaker im Bataclan gab es spezifische Hinweise auf diese antisemitische Dimension, die hier einfach unerwähnt bleiben: Bereits sieben Jahre vor dem Anschlag 2015 bedrohte eine Gruppe anlässlich einer Gala von jüdischen Organisationen die Leitung der Konzerthalle, 2009 wurden erneute Drohungen gegen die „zionistischen Besitzer“ ausgesprochen, 2011 erklärte ein Mitglied einer Terrorgruppe, dass ein Anschlag auf das Bataclan geplant werde, „weil die Eigentümer Juden sind“. Die während des Anschlags spielende Band äußerte kurz zuvor bei einem Konzert in Tel Aviv ihre Solidarität mit Israel und wandte sich gegen die antiisraelische Boykottbewegung BDS. Und all das sollen „keinerlei Belege“ sein? Es ist nicht zu fassen.

Als hätten diese Einordnungen zur Diskreditierung des Films und ihrer Macher – der im Übrigen noch nicht komplett fertiggestellt war und deshalb selbstverständlich noch bestimmte handwerkliche Mängel hat – noch nicht gereicht, durften Norbert Blüm und Rolf Verleger in der direkt danach gesendeten Maischberger-Sendung noch ihre Ressentiments gegen den einzigen mehrheitlich jüdischen Staat äußern. Wenigstens hat die sehenswerte Dokumentation so die Aufmerksamkeit erfahren, die sie verdient hat.

Frederik Schindler ist freier Journalist in Frankfurt am Main.

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