Der Mauerbau an der türkisch-syrischen Grenze bekommt weltweit kaum Aufmerksamkeit  

Von Markus Vahlefeld

Als Frau Merkel während der Großen Öffnung 2015 ihre Regierungserklärung bei Anne Will abgab, war eines der Hauptanliegen der Kanzlerin, „die Fluchtursachen zu bekämpfen“. Das klang schon damals etwas verwegen, wenn nicht sogar vermessen, ganz so als könne und wolle die EU Frieden vom Nahen Osten bis tief nach Afrika bringen. Und natürlich bessere Lebensverhältnisse. Und Bildung. Und Arbeitsplätze. Und Demokratie. So stellt man sich unter den gutmeinenden Populisten eine Mission vor.

Und weil die EU zu faul und feige ist, ordentliche Konzepte und tragfähige Lösungen zu entwickeln und sich zu den Brutalitäten, die zur Verhinderung einer ungehinderten Migration notwendig sind, zu bekennen, sourcte man diese Brutalitäten an die Türkei aus. Das Sonnen in der eigenen moralischen Überlegenheit ist vor allem den Deutschen wichtiger als harte Entscheidungen zu treffen. Das würde den Stolz auf die Wiedergutwerdung gefährden, was um jeden Preis zu verhindern ist.

Dann kam der Brexit und dann kam Trump. Mit Ersterem verabschiedeten sich die Briten aus dem Lummerland der vorgegaukelten Gutmütigkeiten und Letzterer hat ganz offen mit den Gemeinheiten, die der Schutz der eigenen Interessen mit sich bringt, Wahlkampf betrieben. Wäre Donald Trump nicht US-Präsident geworden, Victor Orban hätte weiter seine Rolle als Projektionsfläche allen Bösens für deutsche Medien und deutsche Politiker spielen müssen. So wurde Trump der neue Gottseibeiuns.

Wir lassen eine Mauer bauen – in der Türkei
Und das wohl Schrecklichste und Menschenverachtendste, was man Trump vorwerfen konnte, war der Plan, eine Mauer zu Mexiko bauen zu wollen. Mauern? Nein, das geht gar nicht. Damit stellt sich jeder, der das vorhat, außerhalb des westlichen Wertekonsens. Grenzen müssen offen sein. Oder zumindest so geschlossen, dass es niemand gleich merkt. Denn wozu trieb man die Türken mit den Verlockungen europäischen Geldes an: zum Bau einer Mauer.

„Fluchtursachen bekämpfen“ hätte Frau Merkel 2015 bereits „Mauern bauen“ nennen können, nur halt nicht hier auf heiligem europäischen Boden, sondern weit, weit weg, wo sie niemand sehen muss. So bleibt man in der komfortablen Lage, die Amerikaner vor dem Ausscheiden aus der westlichen Wertegemeinschaft warnen und selbst die Hände in Unschuld waschen zu können. Die Drecksarbeit sollen immer die anderen machen. Wäre man ehrlich, würde man diesen Umstand als Teil der „westlichen Wertegemeinschaft“ erkennen, denn auch sie baute nach dem Zweiten Weltkrieg darauf auf, dass die Amerikaner die Drecksarbeit verrichteten, während sich die Europäer der eigenen moralischen Höherentwicklung widmen konnten.

Inzwischen sind 290 Kilometer Grenzmauer auf türkischem Gebiet zu Syrien schon fertig. 511 Kilometer sollen es werden, wie die „Tagesschau“ zu berichten weiß. Und weiter: „Druck kam vor allem von der EU.“

Wieviel Heuchelei will sich Deutschland noch leisten?
Wieviel Heuchelei will sich Deutschland und die EU noch leisten, bis das immer durchschaubarere Kartenhaus der „westlichen Werte“ zusammengefallen ist? Was genau ist den „westlichen Werten“ denn so abträglich, dass der Schutz der eigenen Grenzen wie ein Sakrileg behandelt werden muss? Das Problem der westlichen Werte ist inzwischen, dass sie sich aus Feigheit und Heuchelei speisen, statt die Dinge beim Namen zu nennen und zu den eigenen Interessen zu stehen. Die Diskrepanz zwischen dem moralischen Hochgefühl und der Realität war noch nie so eklatant wie heute.

Die Überlegenheit des Westens ist keine moralische, sondern liegt allein in der Freiheit des Individuums. Diese Freiheit in einem gesitteten Rechtsrahmen jedem zur Verfügung zu stellen, ist eine historische Neuigkeit, die dringend des Schutzes bedarf. Vor allem des Schutzes vor Menschen, die immer noch andere Autoritäten als sich selbst höher schätzen. Das gilt für den Innenbereich wie für Außen. Stamm, Clan, Sippe, selbst das Volk und die Nation zählen weniger als die freie Entfaltung des Individuums. Und der Preis, den die gesamte westliche Welt für diese individuellen Freiheiten zu zahlen hat, sind die flächendeckend niedrigen Geburtenraten. Sie stellen die westliche Welt vor ein Problem, das mit ungehinderter Migration ganz sicher nicht zu lösen sein wird.

Das Prinzip, bei der Nachkommenschaft nicht auf Quantität, sondern auf Qualität zu setzen und viel Geld und Zeit in den Nachwuchs zu investieren, führt unweigerlich zu einer Lobpreisung des Lebens und zur Ächtung des Opfers. Das ist die Crux der westlichen Welt, dass Wehrhaftigkeit und Verteidigungswille immer auch die Möglichkeit des Opfers einschließen. Diese Crux kann der Westen momentan nur mit seiner technischen Überlegenheit, deren Ziel die Verhinderung von Opfern ist, kompensieren. Nicht mit der besseren Moral. Denn sie baut auf Heuchelei und Verlogenheit auf und führt automatisch in den Niedergang. Der türkische Mauerbau mit europäischem Geld ist das beredte Symbol dieses Niedergangs.

(zuerst erschienen auf „Achse des Guten“)

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