August 7, 2014 – 11 Av 5774
«Der Zentaur im Garten»

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von Moacyr Scliar 

Schon während der ersten großen Auswanderungswelle osteuropäischer Juden nach Palästina besaß das «Heilige Land» in den von Europa bereits weitgehend unabhängigen Staaten Südamerikas eine mehr als ernst zu nehmende Konkurrenz als realistisches Sehnsuchtsziel für ein besseres, freieres und vor allem weitgehend selbstbestimmtes Leben fern der allgegenwärtigen Bedrohung in ihren Herkunftsländern. Länder wie Brasilien oder Argentinien trugen dabei schon früh zur organischen Entwicklung eines ausgeprägten jüdischen Selbstbewusstseins bei, das dem von der zionistischen Aufbauarbeit geprägten Selbstverständnis Israels in nahezu paralleler Entwicklung weitgehend entsprach: der argentinisch-jüdische Schriftsteller Alberto Gerchunoff prägte um 1910 den Begriff von den «jüdischen Gauchos», sein Landsmann Ricardo Feierstein beschwor in seinem Roman «Mestizo» später sogar die direkte identifikative Verschmelzung mit der neuen Heimat. Die Tendenz, nicht länger das biblische Israel als Gelobtes Land zu bezeichnen, sondern jedes beliebige andere aufnahmebereite Land mit günstiger, identitätsstiftender Perspektive, kennen wir bereits aus den aufgeklärten Staaten Westeuropas während der für das europäische Judentum ausgesprochen hoffnungsvollen Epoche der Vorkriegsordnung. An die von Gerchunoff und Feierstein in ihren Werken postulierte Identifikation mit der Neuen Welt, insbesondere auch mit ihrer überbordenden Natur, ihren indigenen und nationalen Traditionen sowie ihrer ganz besonders im Magischen Realismus zu verortenden literarischen Fixpunkte, knüpfte auch der in seiner Heimat vielfach ausgezeichnete brasilianisch-jüdische Schriftsteller Moacyr Scliar (1937-2011) an. In seinem Roman «Der Zentaur im Garten» erzählt er die höchst unterhaltsame und geistreiche, nahezu unglaubliche, aber auf metaphorischer Ebene umso wahrhaftigere Geschichte eines brasilianisch-jüdischen Mischwesens, eines leibhaftigen Zentauren.

Die Neuerscheinungen wurden vorgestellt von FLORIAN HUNGER

«Der Zentaur im Garten», aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Steiner, erschienen bei Hoffmann und Campe, 287 Seiten, €19,99

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