Von Jewgeni Kobelev (Redaktion Isrageo)

Ich bekam vor kurzem einen Brief, der an einen anderen gerichtet wurde. Das geschah bereits zum zweiten Mal in den letzten zwei Monaten. Und der an mich adressierte Brief kam bei demjenigen an, dessen Brief ich bekommen hatte. Nichts Schlimmes, man hat darüber gelacht und sich erinnert, dass Jonathan und Benjamin Netanjahu einmal das Gleiche widerfahren ist. Wie sich herausstellte, wissen manche nichts von dieser Geschichte, und so habe ich versprochen, davon zu erzählen. Und wenn schon, dann erzähle ich es allen. 

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Bibi beendete gerade seine Schule in Philadelphia, wo sein Vater arbeitete. An der Abschlussfeier konnte er nicht mehr teilnehmen, er war siebzehneinhalb, im August sollte er in die IDF eingezogen werden, also flog er nach Israel. Es waren nervenaufreibende Wochen des Wartens auf die geschichtsträchtigen Monate Mai-Juni 1967. Yoni war bereits in der Armee – zuvor war er eilig aus Harvard angeflogen. In Jerusalem angekommen, meldete sich Bibi sofort zum Graben von Schützengräben, zum Befüllen von Sandsäcken und das Instandhalten der Schutzräume. In vier Tagen begann der Sechstagekrieg, die Jordanier beschossen die Stadt und warfen Bomben. Zwanzig Jerusalemer starben, Hunderte waren verletzt. Yoni kämpfte zuerst auf dem Sinai, dann hat man die Fallschirmjäger auf die Golanhöhen verlegt. Dort führte Yoni eine Kampfeinheit an und wurde drei Stunden vor dem Kriegsende durch eine Maschinengewehrsalve in die Hand verletzt. Zusammen mit Tuti Krasnoselskaja, der Freundin seines Bruders, trampte Bibi zu dem Hospital in Safed. Yoni war wohlauf, in guter Stimmung. Aber sein Arm ließ sich bis zum Lebensende nicht mehr gut biegen.  

Im August 1967 hatte Bibi seine erste Prüfung bei den Luftstreitkräften, bestand diese, entschied sich aber für die Fallschirmjäger-Brigade. Bei den „Zanchanim“ war ein anstrengender, ernster und gefährlicher Dienst garantiert, der Wettbewerb war immens, die Auswahl hart, aber Bibi wollte sich auch damit nicht begnügen. Yoni erzählte ihm nämlich von der „ha-Jechida“.  

Die Existenz der Spezialeinheit der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte („Sajeret Matkal“) wurde von Anfang an streng geheim gehalten. Man durfte nur die „Eliteeinheit”, „Ausgewählte Einheit” oder einfach „Einheit” („ha-Jechida“) erwähnen.  Größtenteils rekrutierte man Menschen aus den Kibbuzim und den Moschaws. Auf Bibi traf weder das eine noch das andere zu. Geprüft haben ihn Ehud Jatom (späterer Leiter der operativen Abteilung von SCHABAK) und Mordechai Rachamim (er wehrte gut zwei Jahre später eine Attacke der arabischen Terroristen auf ein israelisches Flugzeug ab). Sie prüften Motivation, Selbstbehauptungsfähigkeit, Intellekt, technische Fähigkeiten, Wissbegierde und Cleverness. Bibi erreichte das nächste Level. 

Die letztendliche Entscheidung traf Uzi Jairi, Kommandeur des Sajeret Matkal. Er starb 1975 bei der Befreiung des von Terroristen eingenommenen Hotels „Savoy“ in Tel Aviv. Netanjahu bestand das Interview mit Jairi. Es waren insgesamt 30, denen das gelang, und sie alle wurden auf den dreimonatigen Grundausbildungskurs („Tironut”) zu den Fallschirmjägern geschickt. Die Fallschirmjägern führte damals Raful – Rafael Eitan – an. Er hatte eine sehr eigene Herangehensweise an die Ausbildung: je schwerer, desto besser. Viele haben das nicht ausgehalten (da war z.B. ein 22-stündiger Marsch auf die Distanz von 92 Kilometern durch die Berge von Judäa). Bibi kam damit klar und jammerte nicht.  

Im Januar 1968 versammelten sich die von Sajeret Matkal auserwählten in Haifa, bei einer Tankstelle im Süden der Stadt. Nach dem Anwesenheitsappell bekam man die Waffen ausgehändigt und startete den Marsch gen Süden. Regen fiel, es war fürchterlich kalt. Israelischer Winter halt, viele werden es kennen. Man ging durch die Felder, durch die Bäche, man rutschte in die Wassergräben. Netanjahu war zusammen mit drei anderen angewiesen die Bahre zu tragen. Nach 24 Stunden kamen alle komplett durchnässt auf die Basis zurück, und ohne, dass sie sich erholen konnten, kam der Befehl, mit dem Training weiterzumachen: Liegestützen, Klimmzüge, das Seil.

Netanjahus erster Auslandseinsatz in Jordanien
Solch eine Ausbildung fruchtete schon bald, denn bereits nach zwei Monaten nahm Bibi als Mitglied der Unterstützungsgruppe an seiner ersten Operation außerhalb Israels teil – der Schlacht von Karame, dem jordanischen Zentrum der terroristischen Tätigkeit von PLO.  

In der zweiten Hälfte von 1968 nehmen Attacken auf israelische Passagierflugzeuge rapide zu: Entführungen, Geiselnahmen, bei denen Terroristen die Mitglieder der Crew töten oder verletzen. Die Weltgemeinschaft verurteilt träge und ohne große Courage dieses Geschehen, die arabischen Länder begrüßen es, und Israel bleibt nun mit dem Problem alleine. Dass das Ungestraftsein das Verbrechen nur befeuert, brauchte man niemandem extra erklären, weder in der Regierung, noch beim Militär. Als Strafe hat man das Vernichten der Flugzeuge der arabischen Länder, die die PLO unterstützen, gewählt. Unter den Fallschirmjägern, die im Winter auf dem Flughafen von Beirut landeten, ist Bibi Netanjahu zusammen mit einem anderen Kämpfer – sie müssen zwei Flugzeuge eliminieren. Ihre Einheit erledigt diese Aufgabe schneller, als geplant.  

Der Abnutzungskrieg mit Ägypten
Zur gleichen Zeit läuft im Süden der sogenannte „Abnutzungskrieg”: ägyptische Artillerie beschießt über den Suezkanal hinweg die israelischen Positionen. Nasser bestimmte ein Minimum: sieben getötete israelische Soldaten am Tag. Israelische Verteidigungskräfte erwidern es mit Operationen der Spezialeinheit tief im ägyptischen Hinterland.  

Mitte 1969, nachts, starten mehrere Boote mit Kämpfern der Spezialeinheit und Marine-Kommandos Richtung Ägypten. In einem dieser Boote sitzt Netanjahu. Die Breite des Kanals an dieser Stelle beträgt 180 Meter, die Hälfte des Weges wird ohne Probleme zurückgelegt, dann aber eröffnen die Ägypter das Feuer. Bibi und noch ein Kämpfer, Doron, geraten ins Wasser. Doron kann sich übers Wasser halten, Bibi aber, der mit Munition für Maschinengewehre und sonst noch 20 Kilogramm Ausrüstung beladen ist, sinkt wie ein Stein. Ein im Boot verbliebener Soldat schafft es, das Gleichgewicht des Bootes auszugleichen und nach dem Fuß von Netanjahu 80 cm unter Wasser zu schnappen. Längs des Boots sind für solche Situationen spezielle Seile vorgesehen, Doron und Bibi greifen nach ihnen und mit immenser Anstrengung gelingt es ihnen, wieder ins Boot zu kommen. Wie sich später die Teilnehmer der Operation erinnerten, konnten die beiden den Weg zurück unter Beschuss nicht mehr bewältigen. So ausgelaugt waren sie binnen weniger Sekunden.

Über die Verwundung Netanjahus während der Befreiung des entführten Sabena-Flugzeugs ist die Information frei zugänglich. Was nicht veröffentlicht ist – darüber können wir nur rätseln. Bibi leitete in den 70ern eine der größten Operationen in der Geschichte von Sajeret Matkal. Einen Monat lang bereitete er sie vor, seine Gruppe verschwand irgendwohin für drei Tage, man erinnerte sich an fürchterliche Kälte, als man zurückkam. Wo waren sie? Oben in den Bergen? Weit im Norden? Bis heute gibt es keine Informationen darüber. Oder dies: die Syrer weigerten sich entgegen dem internationalen Recht die israelischen Gefangenen zurückzugeben und es wurde klar: man wird sie eintauschen müssen. Es wurden drei Operationen zur Entführung der syrischen Generäle und Oberste durchgeführt. Netanjahu nahm an zweien Teil. Die gefangenen Israelis wurden freigelassen.

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Aber lassen Sie uns zu den vertauschten Briefen zurückkommen. Bibi war im Militär, weit weg von der Familie. Die Eltern waren in Philadelphia, Yoni in Harvard. Den Status „Einsamer Soldat“ gab es bereits – von Anfang an dienten Menschen in der Armee, deren Familien in Europa umgekommen waren, oder aus den feindlichen Ländern nicht fliehen konnten. Bibi teilte den Kommandeuren nicht mit, dass er sich in Israel ohne ältere Verwandte aufhält (in Jerusalem lebte nur Iddo, der kleine Bruder, aber der ging noch zur Schule). In Sajeret Matkal wusste man, dass er kein Geld hat. Viele dort waren nicht vermögend, beginnend mit den Kibbuzniks, aber Bibi hatte buchstäblich nichts. Und auch da jammerte und beklagte er sich nicht; niemand wusste, wo er während der Beurlaubungen übernachtete, was er aß, wie er seine Wäsche wusch. Den Antrag auf den privilegierten Status des alleinstehenden Soldaten stellte er nicht. Unter solchen Umständen war der Briefkontakt mit den Lieben seelisch enorm wichtig. Es blieb ein Brief von Yoni an die Eltern erhalten, in welchem er sie darauf hinweist, wie wichtig es ist, Bibi unter der Armee- und nicht unter einer Ziviladresse anzuschreiben. Die Eltern und Yoni schrieben Bibi regelmäßig. Er antwortete, wenn es seine Zeit zuließ.

Der inhaltliche Unterschied der Briefe an den Bruder und jedem an die Eltern war jedoch gewaltig. Yoni, der ältere Bruder, durchlief den Dienst bei den Fallschirmjägern. Bibi verschwieg ihm gegenüber nichts. Yonis Briefe sind voll von Ratschlägen, Situations- und Möglichkeitsanalysen, Unterstützung in den Strapazen und Entbehrungen, die Bibi während des Armeedienstes zu genüge widerfuhren. Die Eltern indessen bekamen ganz andere Briefe. Man kann sich deren Inhalt lebhaft vorstellen: „Der Dienst verläuft gut“, oder „für das Schabbatmahl haben unsere Köche eine leckere Gemüsepfanne zubereitet“, oder „die ganze unsere Einheit ging heute zum Konzert von Yafa Yarkoni…“.

Damals konnte noch niemand auf die Idee einer Whatsapp-Gruppe für die Eltern der Soldaten kommen, in der man Bilder einer im Marsch wundgeriebenen Fußsohle des liebsten Sohnes an den Divisionsleiter verschicken konnte. So also hatten Zilja und Benzion in Philadelphia keinen Grund zur Sorge. Bis Bibi einmal die Briefe versehentlich vertauscht hat. Aus dem Brief, den die Eltern bekamen ging es sehr klar und deutlich hervor, unter welch gefährlichen Bedingungen Bibi seinen Dienst leistet. Anscheinend ist es nur Yoni zu verdanken, dass Zilja und Benzion nicht in das nächste Flugzeug gestiegen sind. Aber als sie einige Monate später zu Besuch nach Israel kamen, ging es dem Mitglied der Spezialeinheit namens Benjamin Netanjahu kräftig an den Kragen. 


Aus dem Russischen Übersetzt von David Serebryanik

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