August 7, 2014 – 11 Av 5774
Der unermüdliche Doktor Bursuc

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In Czernowitz leben nur noch vier Menschen, deren Muttersprache Jiddisch ist. Einer von ihnen zeigt bis heute ein beeindruckendes Engagement. 

Noch vor 100 Jahren war die Bukowina eine abgelegene Provinz des k.u.k.-Reichs, in deren Städten das Multikulturelle zum Alltag gehörte. Heute teilen sich dieses Gebiet die Ukraine und Rumänien, Deutsch und Jiddisch werden nicht mehr gesprochen. In Czernowitz, noch vor 15 Jahren die Heimat von Herrn Zwilling und Frau Zuckermann, leben jetzt nur noch vier Menschen, deren Muttersprache Jiddisch ist. Sie treffen sich oft, in der Synagoge, im Chabad-Zentrum oder in einem der schicken Cafés an der renovierten Flaniermeile, die früher «Herrengasse» hieß. Und einer von ihnen ist der unermüdliche Doktor Iosif Bursuc, Jahrgang 1931, der als Kind der Deportation und dem Tod knapp entging und heute noch ein beeindruckendes Engagement für seine Gemeinde und seine Stadt zeigt.

Bursucs Einrichtung wirkt bescheiden, fast spartanisch. Ein einfaches Klappbett, ein Schreibtisch, auf dem ein alter Computer thront, ein paar Schränke mit den allernötigsten Materialien und Arznei- mitteln. An der Hinterwand, ein kleines Waschbecken mit einem merkwürdigen, achteckigen Spiegel. In einer anderen Ecke, die Patientenkartei aus der vordigitalen Zeit, die an eine öffentliche Biblio- thek aus der sechziger Jahren erinnert und sogar danach duftet. «Das beste Stück der Praxis», stellt Iosif Bursuc fest, und seine Hand streichelt den hölzernen Rand der Schublade, in der die Karteikarten sorgfältig nach dem kyrillischen Alphabet sortiert sind.

«Jedes Jahr landet ein gutes Dutzend Karteikarten im Archiv, und neue kom- men äußerst selten hinzu.» Der alte Arzt schaut auf seine Uhr. Nein, die Zeit sei hier in Czernowitz, in dieser Praxis des Chabad-Zentrums, nicht stehen geblieben. Man sterbe noch gelegentlich. Die dunklen, regen Augen von Iosif Bursuc lachen. Natürlich habe er Herrn Zwilling und Frau Zimmermann gekannt, sie waren ja auch in seiner Kartei, wie fast alle Juden, die in dieser Stadt noch lebten. Die zwei Helden aus Volker Koepps bekannter Dokumentation sind kurz nach dem Dreh, 1999 und 2002, «ins Archiv gezogen».

Die Stadt, Paul Celans «versunkene» Heimat, lebt jedoch weiter. Langsam entdeckt sie ihre multikulturelle Geschichte wieder, und damit eine Chance für eine bessere Zukunft. Noch vor 100 Jahren war die Bukowina eine abgelegene Provinz des k.u.k.-Reichs. In ihrer Hauptstadt, Czernowitz, sprach man vor allem Deutsch und Jiddisch. Fast 40 Prozent der rund 100.000 Einwohner waren jüdischer Herkunft, darunter auch Bursucs Vater, ein wohlhabender Textilgroßhändler. Ähnlich wie alle anderen genoss er den günstigen politischen Kontext, denn das Habsburger Reich räumte den Juden weitgehende Rechte ein, was in den Nachbarländern keineswegs selbstverständlich war.

Chabad Lubawitsch

Blick in das von Chabad Lubawitsch betriebene Betreuungszentrum in Czernowitz.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Bukowina Rumänien angeschlossen. Anfangs änderte dies wenig an den alltäglichen Abläufen. «Wir lebten nicht mit den anderen zusammen, sondern nebenein- ander, aber in Frieden und Prosperität», diagnostiziert Bursuc die Verhältnisse aus seiner frühen Kindheit. Jede Bevölkerungsgruppe hatte ihre eigene Sprache, ihre Religion, ihre Traditionen und Feier tage, ihre eigenen Stadtviertel. Innerhalb Rumäniens blieb Czernowitz zunächst ein Flickenteppich bunter Einflüsse und Ethnien, die der Stadt ihren besonderen Charme verliehen. «In der Straße sprachen wir Deutsch, in der Schule Rumä- nisch, zu Hause Jiddisch», erinnert sich der 82-jährige Arzt. Iosif Bursuc durfte, ähnlich wie seine zwei Brüder, eine Privat- schule besuchen, während seine Mutter das Privileg genoss, nicht arbeiten gehen zu müssen, wie es damals hieß.

Von Silviu MIHAI

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