Februar 2, 2017 – 6 Shevat 5777
Der unerklärte Krieg der DDR gegen Israel

image

Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf spricht in Potsdam über die Beteiligung der DDR am militärisch-politischen Krieg gegen Israel  

Von Jerome Lombard

Es war kein einziger Stuhl mehr frei. An diesem Abend war der große Veranstaltungssaal des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam bis auf den letzten Platz gefüllt. Das öffentliche Interesse war ganz offensichtlich groß. Die Besucher waren in die Räume des ZZF am Alten Markt in der historischen Altstadt gekommen, um ihn zu sehen und zu hören: Jeffrey Herf, Distinguished Professor am Department of History der University of Maryland in College Park.

Der 69-Jährige Historiker mit den Forschungsschwerpunkten Geschichte des Kalten Kriegs und Probleme des modernen Antisemitismus, war Ende Januar eigens aus den USA angereist, um über sein thematisches Steckenpferd zu sprechen: Die „unerklärten Kriege der DDR gegen Israel“. So lautete der Titel seines Vortrags, der sich an seine im vergangenen Jahr auf Englisch erschienene Publikation „Undeclared Wars with Israel. East Germany and the West German Far Left 1967-1989“ anlehnte.

„Dem Leser stockt regelrecht der Atem, wenn er liest, mit welcher Vehemenz sich der SED-Staat am Kampf gegen Israel beteiligte“, sagte Julius Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam mit Blick auf Herfs Buch. Nach wie vor seien viele Aspekte der Israelfeindschaft von links unbeleuchtet. Herf leiste mit seinen Studien einen wichtigen Beitrag zur ganzheitlichen Erforschung des spezifisch ostdeutschen und allgemeinen linken Antizionismus und Antisemitismus, so Schoeps. Herf sprach an diesem Abend weniger über die westdeutsche Linke, die er in seinem Buch in einem eigenen Kapitel behandelt, sondern fokussierte sich auf die konkrete Politik der DDR gegenüber dem jüdischen Staat. „Die DDR hat sich selber stets als Friedensstaat bezeichnet und Israel niemals offiziell den Krieg erklärt. Dennoch war die Unterstützung für die arabischen Staaten, die Israel zerstören wollten, und die verschiedenen Gruppierungen der PLO, enthusiastisch“, erklärte der Historiker. Die Unterstützung habe sich keineswegs nur auf die ideologisch-propagandistische Ebene beschränkt, sondern sei durch Waffenlieferungen aus ostdeutscher Produktion, Terror-Training und finanzielle Zuwendungen an PLO und andere palästinensische Terrororganisationen praktisch geworden.

Herf hat sich Anfang der 1990er Jahre durch die verschiedenen, vorher nicht öffentlich zugänglichen DDR-Archive in der Bundesrepublik gewühlt, um möglichst viele Details über Waffenlieferungen und Kooperationspartnerschaften herauszufinden. Das ist ihm gelungen. Er hat Lieferverträge und andere Dokumente gefunden und in seinem Buch veröffentlicht, die bis dato von der DDR-Forschung kaum beachtet wurden. Sie geben über die waffentechnische Unterstützung der DDR vor allem für Ägypten, Syrien, Irak, und die finanziellen Zuwendungen an PLO und PFLP Aufschluss.

Schulterschluss mit Israels Feinden
Die Annäherung an die arabischen Staaten war, so Herf, spätestens seit dem Suezkrieg im Jahr 1956 das prioritäre außenpolitische Ziel der DDR im Nahen Osten. Im Fokus stand dabei von Anfang an Ägypten als das bevölkerungsreichste und militärisch stärkste arabische Land, das mit der Al-Azhar-Universität in Kairo zudem seit jeher das kulturelle Zentrum der arabisch-muslimischen Welt bildet. Hinzu kommt die führende politische Rolle in der panarabischen Bewegung, die Ägypten seit dem Machtantritt des notorischen Israel-Hassers Gamal Abdel Nassers im Jahre 1952 innehatte. Für die DDR-Führung galt Ägypten als wichtigster regionaler „Vorposten im Freiheitskampf der Völker gegen den Imperialismus“, wie es der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht bei seinem Staatsbesuch im Land der Pyramiden 1965 formulierte. Am Beispiel der Unterstützung für Ägypten wird auch deutlich: Die Politik der DDR gegenüber Israel war immer eine Kombination aus praktisch-politischen Kalkülen und ideologisch-sozialistischen Dogmen.

Herf referierte, dass die grundsätzlichen Interessen der DDR hinter ihrem verfolgten Annäherungskurs an die arabische Welt einerseits auf die Aufwertung des eigenen internationalen politischen Gewichtes bei gleichzeitiger klarer Abgrenzung zu dem israelfreundlichen Außenpolitikkurs der Bundesrepublik abzielte. Dabei ergab sich stets die Schwierigkeit, dass die arabischen Nationen als „blockfreie Staaten“ grundsätzlich an Kontakten zur Bundesrepublik als ökonomisch weitaus potenterem deutschen Teilstaat interessiert waren und die Androhung diplomatischer Anerkennung der DDR ihrerseits als politische Drohkulisse gegenüber Westdeutschland zu nutzen wussten. Zum anderen galten für die DDR als Gegenbild zu Israel, dem von der SED nur als „Speerspitze des US-Imperialismus in der arabischen Welt“ verhöhnten jüdischen Staat, vor allem diejenigen arabischen Staaten als natürliche Verbündete im „progressiven antiimperialistischen Kampf gegen Zionismus und Reaktion“ und damit auch als potentiell mit dem Ostblock Kooperierende, die von Regierungen geführt wurden, die sich an der Ideologie des arabischen Nationalismus orientierten. Neben Ägypten waren dies vor allem Syrien, Irak sowie zu unterschiedlichen Zeitpunkten auch Südjemen, Sudan und Algerien.

An vorderster Front gegen den jüdischen Staat
Obwohl die SED-Führung in ihrer Nahost-Politik den allgemeinen Richtlinien des Souveräns und „großen Bruders“ Sowjetunion folgen musste, die den antiisraelischen und pro-arabischen Kurs seit 1956 vorgab, sei es doch erstaunlich, so der amerikanische Professor, dass gerade der deutsche Teilstaat sich an vorderster Front am Kampf gegen den jüdischen Staat beteiligte. Herf wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die DDR anders als die Sowjetunion und andere Staaten des Warschauer Paktes, die bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 diplomatische Kontakte zu Israel unterhielten, die DDR-Führung Zeit ihres Bestehens ausschließlich bilaterale Beziehungen zur arabischen Seite angestrebt hatte. Verhandlungen mit Israel über die Aufnahme diplomatischer Kontakte erfolgten zu keinem Zeitpunkt. Die DDR hat Israel nie als Staat anerkannt, geschweige denn, Reparationsleistungen wie die Bundesrepublik gezahlt.

„Das ostdeutsche Regime war nicht etwa ein zurückhaltender Teilnehmer am Angriff des Sowjetblocks gegen Israel“, erklärte Jeffrey Herf. „Gleich, welche Intentionen die Verantwortlichen des SED-Regimes für ihren israelfeindlichen Kurs hatten, ob sie nun überzeugte Antisemiten oder antiimperialistische Alt-Kommunisten waren, in der Konsequenz war ihre Politik in jedem Fall antisemitisch“, resümiert der Professor. Immerhin sei es die erklärte Absicht gewesen, den jüdischen Staat zusammen mit den radikalsten Vertretern des arabischen Nationalismus zu vernichten. „Der Ostblock hätte den Kalten Krieg in Nahost nur gewinnen können, wenn Israel zerstört worden wäre. Die Vernichtung Israels wurde vom Realsozialismus nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern aktiv betrieben“, so das Fazit des Historikers. Durch die von der DDR betriebene militärische Ausrüstung der extremsten Feinde Israels gepaart mit der Verteufelung der jüdischen Nationalstaatsbewegung Zionismus als „Faschismus“, habe die SED nicht nur für übelste antiisraelische Propaganda gesorgt, sondern auch dafür, dass nur wenige Jahrzehnte nach der Schoah wieder deutsche Waffen an der Ermordung von Juden beteiligt waren.

Jeffrey Herf war es an diesem Abend wichtig, zu betonen, dass sich seine Forschung nicht nur an ein historisch interessiertes Fachpublikum richtet. Mit seinen Vorträgen und Büchern will er auch gegen die vor allem in Deutschland betriebene Geschichtsklitterung ankämpfen, die den SED-Unrechtsstaat als autoritär-patriarchales System verniedlicht. Die Erforschung des engen Bündnisses von deutschen Kommunisten und arabisch-muslimischen Antisemiten gegen den Staat der Schoah-Überlebenden Israel, ist für den Professor immer auch ein Stück politische Aufklärungsarbeit.

Jeffrey Herf, Undeclared Wars, East Germany and the West German Far Left 1967 – 1989, Cambridge University Press 2016, 500 Seiten, 27,64 Euro.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben