Oktober 5, 2015 – 22 Tishri 5776
Der Terrorismus und die Spaßgesellschaft

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Fünfter Teil der Serie  

Von Michael Guttmann

Der Nahost-Konflikt und die Experten
Nahost-Experten haben immer Hochkonjunktur. Sie müssten bestens im Bilde sein. Dennoch haben sie markante Ereignisse, wie „nine eleven“ 2001 und der „Arabische Frühling“ 2010, völlig überrascht. Ihre Veröffentlichungen zeugen von akribischer deutscher Systematisierungswut in den Details, ohne zum Wesentlichen in der Region vorzudringen. Es waren oft Wunschvorstellungen, welche die Experten zu falschen Synthesen führten. Kardinalfehler war eine falsche Beurteilung der Terrorursachen, die aus den 1970er Jahren herrührte, als nach dem Sechs-Tage-Krieg die Palästinenser eigene Organisationen gründeten, die sich dem Terrorismus zuwandten, um Palästina von den Juden zu befreien. Fortan wurde Nahost-Konflikt mit israelisch-palästinensischem Konflikt gleichgesetzt. Als sie neue Chancen für ihre alten Vorstellungen witterten, begannen sie geschlossen vom „Arabischen Frühling“ zu schwärmen. Fundiertes Wissen über politische, soziale, Verhältnisse und den Machtblöcken der Region hatten die wenigsten. Stattdessen jede Menge polierte Formulierungen über Toleranz gegenüber Despoten und Schuldzuweisung an den Westen und Israel.

Fatale Fehlurteile

Zu den Experten, die die Position der syrischen Führung für das Auswärtige Amt 2006 sondierten, zählte Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die SWP wird als größter außenpolitischer „Think Tank“ Europas gepriesen. Perthes fand heraus, dass Assad zur Deeskalation in Syrien und Libanon beitragen könne, indem er die Opposition einbinde und die Hisbollah zum Waffenstillstand dränge. In beiden Ländern ist das Gegenteil eingetreten: Attentate auf in Damaskus missliebige libanesische Regierungsmitglieder, Belagerung des Beiruter Regierungsviertels durch Hisbollah. Anstatt die Opposition zu unterstützen, setzten die Experten auf Assad, der das Land immer tiefer in den Bürgerkrieg und in Verstrickungen mit globalen islamischen Terrororganisationen führte. Der Strom der Flüchtlinge aus Syrien ist eine Folge der damaligen Fehleinschätzungen. Heute noch gibt Perthes seine Fehler nicht zu: „Assad ist nach vier Jahren zwar geschwächt, er wird aber ganz sicher politisch überleben.“ Selbst die Alawiten sehen, dass die Jugend verheizt wird und ihr Mann das Land ins Unglück gestürzt hat. Ein solcher Führer hat keine Chancen mehr. Ein Hoch auf die Experten der „Think Tanks“.

Das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) versprach mit seinem Forschungsprogramm: „Zivilisierung des Nahost-Konflikts, Gewaltprävention und Friedenskonsolidierung mit zivilen Mitteln“, endlich an die Wurzeln des Konflikts zu gehen, der die Region und die Welt bedroht. Seit 50 Jahren besteht die vorgefasste Meinung, wonach alle Probleme des Nahen Ostens im Konflikt zwischen Palästinenser und Israel wurzeln. Eine fatale Fehleinschätzung des IFSH, eines der renommiertesten Forschungs- und Lehranstalten Deutschlands. Mit ihrem Programm wurschtelte das IFSH an Konstrukten, den Golan für Syrien wieder zugänglich zu machen, durch Errichtung eines Naturparks, durch Frühwarnsysteme und internationale Beobachterposten, die den Frieden sichern, auch ohne Anerkennung Israels.

Derartige Konfliktkonsolidierung im Zeitalter der Elektronik und Raketentechnik? Mehr als fragwürdig. Nach 20 Jahren Beschuss von den Golanhängen und nach zwei Kriegen, die Syrien angezettelt hat, kann man nicht territoriale Vorkriegszustände ohne Friedensvertrag (wie mit Ägypten und Jordanien) wiederherstellen.

Besonders stark sind die „akademischen“ Argumente des IFSH (M. Johansen): „Israel mangelt es an Friedensfähigkeit infolge gesellschaftlicher Inkohärenz, weil die überwiegend kumulativen Trennlinien zwischen verschiedenen Sektoren einer Kohäsion nicht zuträglich sind. Grundlegende Spaltungen, treten auf, wenn der Status einer sozialen Gruppe in einer Dimension mit ihren Status in anderen Dimensionen konvergiert“. Wohl dem, der dieses „intellektuelle“ Niveau versteht. Es soll wissenschaftlich belegen, dass die israelische Gesellschaft objektiv gar nicht friedensfähig sein kann. Wenn das kein Vorurteil ist und absurde Scholastik dazu! (...)

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