Die Stimme Teherans im deutschen Radio  

Von Stefan Frank (Mena-Exklusiv)

Reinhard Baumgarten arbeitet für den SWR (Südwestrundfunk) als Korrespondent in Teheran. Er leidet an einer Berufskrankheit: übermäßiger Faszination für das Studienobjekt. So, wie mancher Virologe ins Schwärmen gerät, wenn er von der Wunderwelt der Viren und deren verblüffenden Fähigkeiten spricht, so findet Baumgarten, wann immer er das Ajatollah-Regime unter seinem Elektronenmikroskop betrachtet, ständig neue, bislang unbekannte Demokratiemoleküle, Freiheitspartikel und Pluralismusproteine, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat und die ihm das Gefühl geben, auf wichtiger Mission zu sein: das Image eines antisemitischen Folter- und Mordregimes aufzupolieren.

Der unsichtbare Reformismus
Reinhard Baumgarten ist ein Entdecker; seine politischen Berichte aus dem Iran ähneln den Romanen von Jules Verne. Zwar sind sie weniger exakt, doch was ihm an Wissenschaftlichkeit und Wissen abgeht, macht er durch Phantasie wieder wett. Vor wenigen Monaten, wir erinnern uns, beschrieb Baumgarten das imposante Naturphänomen der iranischen Wahlen. Diese sind, erfuhren seine Zuhörer, „bedingt demokratisch“. Anders als in manch europäischem Land bekämen die „Hardliner“ im Iran bei Abstimmungen nie einen Fuß auf den Boden, seit Jahren schon eilten die Softliner von Erfolg zu Erfolg.
Die Hardliner nämlich sind ganz schön dumm: Obwohl sie im Iran scheinbar jede Haarsträhne und jeden Urankern kontrollieren, sitzen „gemäßigte Konservative und reformorientierte Kandidaten“ insgeheim an den Hebeln der Macht und drehen ihnen eine lange Nase. Quo vadis, theokratische Diktatur? So wird das nichts mit der Wiederkunft des Mahdis.

Holocaust? Heikel.
Zeit, einmal einen Blick auf die vibrierende iranische Kulturszene zu werfen. Schon vor ihrer Eröffnung konnte Baumgarten einen Blick auf die neueste Holocaustkarikaturenausstellung werfen. Darum interviewte ihn letzte Woche der NDR, den die Frage umtrieb, was Kunst dürfe. Damit ist das Diskursfeld abgesteckt: Wer antisemitische Karikaturen zeichnet, ist in jedem Fall ein Künstler.
„Was darf Kunst? Eine Frage, die immer wieder – vor allem wenn es um Satire und Karikaturen geht – gestellt wird. In Teheran wird nun zum zweiten Mal ein Karikaturenwettbewerb zum Thema Holocaust veranstaltet. Eine heikle Angelegenheit.“
Heikel, ja. Wie leicht kann man sich an der Tür zum Krematorium die Finger verbrennen – und hat das iranische Regime nicht einen Ruf zu verlieren? Kennt die Welt es nicht als moderat, besonnen, stets darauf bedacht, keines Menschen Gefühle zu verletzen? Das ist zumindest das Bild, das ARD und ZDF gerne zeichnen: der Iran, ein Baumgarten Eden der Bürgerrechte.

Wenn da nun eine heikle Ausstellung stattfindet, ist es gut, einen Spezialisten vor Ort zu haben, der in der Lage ist, den Subtext zu lesen und die drolligen Auschwitzbilder ins rechte Licht zu rücken, ein pluralistisches Helldunkel, in dem alle neunschwänzigen Katzen grau sind, Ajatollah Chamenei nichts gegen Juden und „der Westen“ wie immer Unrecht hat. – Doch spannen wir die Leser nicht länger auf die Folter und hören, ob Baumgarten findet, dass es sich lohnt, die Holocaustkarikaturenausstellung zu besuchen:

NDR Kultur: Herr Baumgarten, können Sie kurz beschreiben, was in der Ausstellung zu sehen ist? Was sind das für Arbeiten?

Reinhard Baumgarten: Man sieht zum Beispiel Netanjahu, den israelischen Regierungschef, und aus seinem Kopf heraus wächst ein Kopf von Adolf Hitler. Oder man sieht Bahngleise, die in Richtung Lager Auschwitz führen, oben drüber steht „Arbeit macht frei“, und unter den Schienen liegen Menschen aus Syrien, aus dem Irak, aus dem Gaza-Streifen. Eine andere Karikatur zeigt diese Trennmauer, die Israel errichtet hat, oben drüber wieder der Spruch des Lagers Auschwitz: „Arbeit macht frei“. So ist der Versuch eine Verbindung herzustellen zwischen dem Unrecht der Nazis und den Juden mit dem Unrecht, das den Palästinensern widerfahren ist.

Man kann nur raten, welches Unrecht den Palästinensern widerfahren sein mag, merkt aber, dass der Versuch, eine Verbindung zu den Nazis herzustellen – die, wir erinnern uns vage, auch mal Unrecht hatten –, bei diesem Probanden bereits geglückt ist. Die „Trennmauer“, die Israel von Terroristen trennt, ist wie die Schwarze Wand von Auschwitz, und dass Netanjahu Iraker und Syrer in Viehwaggons pfercht, ist für Baumgarten so klar wie das Gewissen eines iranischen Reformers.

Judenhass? Künstlerische Freiheit!
Gefragt, ob „eine solche Ausstellung nicht jetzt ein Rückschritt, eine Provokation“ sei, findet Baumgarten fünf Wörter der Zustimmung („Ja, natürlich ist es das.“), um dann mit 118 Wörtern zu erklären, warum Bilder des Judenhasses dem Pluralismus dienen:

„Andererseits herrscht auch im Iran eine gewisse Pluralität. Sie haben es angesprochen: Was darf Kunst, was darf der Karikaturist? Und hier sagt Massoud Shojaii: Wir kratzen an Tabu- und an Reizthemen, die im Westen so nicht akzeptiert werden. So wie ihr euch mit dem Propheten Mohammed in Karikaturen, in Witzen und in Satiren beschäftigt, so nehmen wir uns jetzt die künstlerische Freiheit heraus, auch das Thema Holocaust von einer anderen Seite zu beleuchten. Auf die Nachfrage, was mit dem Holocaust sei, wird immer wieder betont, auch von Shojaiis Seite: Wir verleugnen das nicht. Das hat es gegeben und wir sind gegen Rassismus und Völkermord. Wir wollen nur den Finger von einer anderen Seite auf die Wunde legen.“

Es ist erstaunlich, wie viel Gutes, Wahres und Schönes ein einziger Holocaustkarikaturenwettbewerb auf engem Raum versammeln kann. Haben Sie mitgezählt? „Pluralität“, „an Tabus kratzen“, „künstlerische Freiheit“, „das Thema Holocaust von einer anderen Seite beleuchten“, „gegen Rassismus“, „den Finger auf die Wunde legen“ usw. – jede Stadt der Welt sollte einen solchen Wettbewerb veranstalten, das gebietet die Humanität. Es wäre schlicht rassistisch, es nicht zu tun. Jahrzehntelang haben wackere Geschichtsrevisionisten uns ermahnt, das „Thema Holocaust“ mal von einer anderen Seite zu beleuchten, doch wir waren blind. Der Prophet Horst Mahler galt nichts im eigenen Land, da muss erst der persische Holocaustleugner kommen und „den Finger auf die Wunde legen“ (also auf einen bislang ignorierten Missstand hinweisen). Man merkt deutlich, dass Baumgarten den „Charlie Hebdo“-Karikaturisten ihren Verstoß gegen islamische Blasphemiegesetze nie verziehen hat, nun freut er sich darüber, dass es ihnen heimgezahlt wird. Wären sie nicht von Islamisten ermordet worden, würden sie jetzt was lernen. (...)

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